§ 242 BGB ist keine Ermächtigung zur Rechtssetzung durch Richter

April 25, 2026
Rechtsanwalt Krau

§ 242 BGB ist keine Ermächtigung zur Rechtssetzung durch Richter


Was ist eigentlich dieser § 242 BGB?

Im deutschen Recht gibt es einen Paragraphen, den fast jeder Jurist kennt. Er steht im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB). Sein Name ist § 242 BGB. Der Text ist sehr kurz. Er besagt, dass jeder so handeln muss, wie es Treu und Glauben mit Rücksicht auf die Verkehrssitte erfordern.

Das klingt erst einmal sehr nett. Es klingt nach Anstand und Fairness. Man nennt diesen Paragraphen oft den „königlichen Paragraphen“. Das liegt daran, dass er fast überall im Recht eine Rolle spielen kann. Er ist wie ein Joker im Kartenspiel.

Aber genau hier liegt eine Gefahr. Manche Menschen dachten früher, dieser Joker erlaube den Richtern alles. Sie dachten, ein Richter könne mit diesem Paragraphen einfach das Gesetz ändern. Das ist aber falsch. In diesem Text erkläre ich Ihnen genau, warum das so ist.

Keine Macht zur eigenen Gesetzgebung für Richter

Der Richter hat eine wichtige Aufgabe. Er wendet Gesetze an. Er darf aber keine eigenen Gesetze schreiben. Das ist die Aufgabe des Parlaments. Man nennt das Gewaltenteilung.

In der Vergangenheit haben manche Leute den § 242 BGB falsch verstanden. Sie sagten, der Richter sei durch diesen Paragraphen „ermächtigt“. Das bedeutet, er habe die Erlaubnis bekommen, Recht neu zu schaffen. Manchmal nutzten Richter den Paragraphen sogar als „Feigenblatt“. Ein Feigenblatt ist eine Ausrede. Sie versteckten damit, dass sie eigentlich gegen das Gesetz entschieden (contra legem).

Doch die moderne Rechtswissenschaft sagt klar: Das ist nicht erlaubt. Der Paragraph 242 ist keine Vollmacht für den Richter, den Gesetzgeber zu spielen.

Warum der Paragraph an die Bürger gerichtet ist

Wenn Sie den Gesetzestext genau lesen, merken Sie etwas Wichtiges. Der Paragraph richtet sich an die Parteien. Parteien sind die Menschen, die einen Vertrag miteinander haben. Zum Beispiel ein Käufer und ein Verkäufer.

Der Text verlangt von Ihnen etwas. Er verlangt, dass Sie sich fair verhalten. Das müssen Sie auch dann tun, wenn gar kein Richter zuschaut. Sie müssen sich an Treu und Glauben halten, ohne dass erst ein Urteil gesprochen wird.

§ 242 BGB ist keine Ermächtigung zur Rechtssetzung durch Richter

Der Richter kommt erst ins Spiel, wenn es Streit gibt. Er prüft dann nur, ob Sie sich fair verhalten haben. Er bekommt durch den Paragraphen keine „besondere Kompetenz“. Er ist kein kleiner König, der über dem Gesetz steht.

Was bedeutet „Treu und Glauben“ eigentlich?

Diese Begriffe sind sehr vage. Man nennt sie unbestimmte Rechtsbegriffe. Das bedeutet, sie haben keinen festen Inhalt wie zum Beispiel das Wort „Auto“. Was „fair“ ist, kommt immer auf den Einzelfall an.

Aber Vorsicht: Das heißt nicht, dass der Richter einfach nach Lust und Laune entscheiden darf. Er darf nicht einfach sagen: „Ich finde das heute mal so richtig.“ Er muss den „abstrakten Gehalt“ des Paragraphen verstehen.

Die Arbeit des Interpreten

Ein Interpret ist jemand, der den Text deutet. Für den Richter bedeutet das: Er muss schauen, was die Gemeinschaft unter Fairness versteht. Er muss klare Regeln finden. Er muss Konsequenzen ziehen, die logisch sind.

Es gibt eine Gefahr, dass dieser Paragraph „ausufernd“ angewendet wird. Das bedeutet, er wird zu oft und zu breit genutzt. Wenn das passiert, weiß niemand mehr genau, was gilt. Das wäre schlecht für die Sicherheit im Recht.

Keine Steuerung der gesamten Gesellschaft

Manche Experten hatten eine noch größere Idee. Sie dachten, der § 242 BGB könne die ganze Wirtschaft steuern. Sie nannten das Organisations- und Marktsteuerung.

Die Idee war: Der Richter schaut sich die ganze Gesellschaft an. Dann entscheidet er so, dass es für alle „gesellschaftsadäquat“ ist. Das bedeutet: so, wie es für die Gesellschaft am besten passt.

Warum Richter keine Wirtschaftsexperten sein müssen

Hier gibt es ein großes Problem. Richter haben dafür gar keine Befugnis. Befugnis ist ein anderes Wort für Erlaubnis oder Recht. Außerdem haben sie oft gar nicht die Möglichkeit dazu.

Um die Wirtschaft zu steuern, müsste ein Richter viele Dinge wissen:

  • Wie entwickeln sich die Preise auf der Welt?
  • Wie geht es dem Arbeitsmarkt?
  • Was sind die sozialen Folgen einer Entscheidung für Millionen Menschen?

Richter können keine Preise festsetzen. Sie können nicht sagen: „Ab heute kostet ein Brot nur noch einen Euro, weil das fair ist.“ Dazu sagt der § 242 BGB gar nichts. Er ist kein Werkzeug für die große Politik oder Wirtschaftslenkung.

Das ethische Minimum: Ein Schutzwall

Was macht der Paragraph dann? Er setzt äußerste Rahmenbedingungen. Er verlangt nur ein „rechtsethisches Minimum“. Das klingt kompliziert, ist aber einfach.

Es bedeutet: Man verlangt von den Menschen nur das absolut Notwendigste an Anstand. Es geht um grundlegende Regeln der Ethik. Ethik ist die Lehre vom richtigen Handeln.

Ein Beispiel für ein solches Gebot

Ein wichtiges Gebot ist das Verbot widersprüchlichen Verhaltens. Stellen Sie sich vor, Sie versprechen jemandem etwas. Später tun Sie plötzlich so, als hätten Sie das nie gesagt. Das ist widersprüchlich. Der § 242 BGB verbietet das meistens.

Warum diese Bescheidenheit gut für die Wirtschaft ist

Man könnte denken: „Je mehr Moral im Recht, desto besser!“ Aber das stimmt nicht ganz. Wenn die Regeln zu streng oder zu unvorhersehbar werden, schadet das dem Handel.

Effizienz durch Selbstverständlichkeiten

Der § 242 BGB hilft der Wirtschaft, solange er sich auf Selbstverständlichkeiten beschränkt. Er macht den Austausch von Waren und Dienstleistungen effizient. Effizient bedeutet: es funktioniert schnell und ohne unnötige Kosten.

Warum ist das so?

  1. Die Vertragspartner müssen nicht alles aufschreiben.
  2. Man muss nicht über jedes kleine Detail verhandeln.
  3. Man darf sich darauf verlassen, dass der andere einen nicht ganz offensichtlich austrickst.

Das stärkt das Vertrauen in den Rechtsverkehr. Wenn ich weiß, dass es eine Grundregel der Fairness gibt, traue ich mich eher, Geschäfte zu machen.

Die Gefahr von zu viel Einmischung

Wird der Paragraph aber zu weit ausgelegt, passiert das Gegenteil. Wenn Richter anfangen, ihre eigenen moralischen Vorstellungen über alles zu setzen, wird es gefährlich. Man spricht dann davon, dass die Beziehung von „fremden Anforderungen überformt“ wird.

Stellen Sie sich vor, Sie schließen einen Vertrag. Plötzlich kommt ein Richter und sagt: „Das ist zwar rechtlich okay, aber ich finde es unethisch, deshalb gilt der Vertrag nicht.“ Wenn das oft passiert, verlieren die Menschen das Vertrauen. Sie wissen nicht mehr, woran sie sind. Das nennt man Rechtsunsicherheit. Das würde die Verhandlungen verzerren und den Austausch hemmen.

Freiheit und der Staat

Wir leben in einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung. Das ist ein sehr wichtiger Punkt. In unserem System regeln die Menschen ihre Angelegenheiten meist selbst. Das nennt man Privatautonomie.

Die Rolle des Marktes

Die Steuerung der Wirtschaft übernimmt bei uns der Markt. Das bedeutet, Angebot und Nachfrage bestimmen, was passiert. Der Staat hält sich meistens zurück. Wenn der Staat eingreift, muss er das durch klare Gesetze tun.

Wer darf Gesetze ändern?

Wenn wir in der Gesellschaft etwas ändern wollen, ist der Weg klar:

  1. Es gibt eine Diskussion im Volk.
  2. Das Parlament (der Bundestag) debattiert darüber.
  3. Es wird ein neues Gesetz beschlossen.
  4. Dieses Gesetz muss die Grundrechte beachten.

Das ist ein demokratischer Prozess. Ein Richter ist aber nicht gewählt, um neue politische Regeln aufzustellen. Er ist kein Ersatz für das Parlament.

Die Beschränkung auf das Schuldrecht

Der § 242 BGB steht im Bereich des Schuldrechts. Ein Schuldverhältnis besteht meist zwischen zwei Personen: dem Gläubiger und dem Schuldner.

  • Der Gläubiger ist derjenige, der etwas bekommt (zum Beispiel Geld).
  • Der Schuldner ist derjenige, der etwas tun muss (zum Beispiel das Geld bezahlen).

Der Paragraph gilt primär für diese Beziehung. Er greift in die Freiheit dieser beiden Menschen ein. Da Freiheit ein sehr hohes Gut ist, darf man sie nur so wenig wie möglich einschränken.

§ 242 BGB ist keine Ermächtigung zur Rechtssetzung durch Richter

Indem man den § 242 BGB eng auslegt, schützt man die Freiheit der Bürger. Man verhindert, dass der Staat (durch den Richter) zu tief in das Privatleben und die Geschäfte der Menschen eingreift.

Zusammenfassung der Kernpunkte

Wir haben gesehen, dass der § 242 BGB ein mächtiges Werkzeug ist. Aber er ist kein Zauberstab für Richter.

  • Keine Rechtssetzung: Richter dürfen keine neuen Gesetze erfinden. Sie müssen bestehende Gesetze anwenden.
  • Pflicht der Bürger: Die Fairness-Regel gilt zuerst für Sie und mich, nicht nur für das Gericht.
  • Keine Wirtschaftsplanung: Gerichte sind nicht dafür da, die Wirtschaft oder die Preise zu steuern.
  • Ethisches Minimum: Es geht nur um die absolut grundlegenden Regeln des Anstands.
  • Schutz der Freiheit: Das Recht schützt uns davor, dass Richter uns ihre private Moral aufzwingen.

Das deutsche Recht ist darauf angewiesen, dass Gesetze berechenbar bleiben. Nur wenn Sie wissen, was morgen gilt, können Sie heute sicher planen. Der Paragraph 242 hilft dabei, grobes Unrecht zu verhindern. Er darf aber nicht dazu führen, dass das geschriebene Gesetz wertlos wird.


Wenn Sie Fragen zu Verträgen, zur Auslegung von Gesetzen oder zu einem konkreten Rechtsstreit haben, ist professionelle Hilfe wichtig. Rechtssicherheit ist die Basis für jeden Erfolg.

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