615 BGB Vergütung Annahmeverzug Arbeitgeber

Juni 21, 2026

Paragraf 615 BGB: Ihr Vergütungsanspruch bei Annahmeverzug des Arbeitgebers

Wenn der Arbeitgeber die geschuldete Arbeitsleistung nicht annimmt, gerät er in Annahmeverzug. Genau für diesen Fall schafft Paragraf 615 BGB eine wichtige Schutzfunktion: Er sichert Ihren Vergütungsanspruch, obwohl Sie nicht arbeiten konnten. Das Gesetz durchbricht damit den Grundsatz „ohne Arbeit kein Lohn“ und stellt Sie so, als hätten Sie Ihre Leistung erbracht. Viele Arbeitnehmer kennen dieses Recht nicht und verzichten unnötig auf ihr Entgelt.

Als erfahrene Anwalts- und Notarkanzlei erleben wir täglich, wie verunsichert Mandanten sind, wenn der Betrieb stillsteht oder eine Kündigung ausgesprochen wird. Wir zeigen Ihnen verständlich, wann Ihnen Annahmeverzugslohn zusteht, welche Fallstricke bei der Anrechnung anderweitigen Verdienstes lauern und wie Sie Ihre Ansprüche rechtssicher durchsetzen.

Zusammenfassung für den eiligen Leser

  • Kernanspruch: Bei Annahmeverzug des Arbeitgebers erhalten Sie die volle vereinbarte Vergütung ohne Nachleistungspflicht (Paragraf 615 S. 1 BGB).
  • Anrechnungspflicht: Erspartes, anderweitiger Verdienst oder böswillig unterlassener Erwerb mindern den Anspruch (Paragraf 615 S. 2 BGB).
  • Betriebsrisiko: Auch bei Betriebsstörungen (z. B. Naturkatastrophen, Pandemie) trägt der Arbeitgeber das Risiko – Paragraf 615 S. 3 BGB verweist auf die Betriebsrisikolehre.
  • Angebotsentbehrlichkeit: Nach unwirksamer Kündigung genügt oft die Klageerhebung als wörtliches Angebot; ein tatsächliches Erscheinen ist nicht nötig.
  • Mindestlohn-Schutz: Der Annahmeverzugslohn in Höhe des gesetzlichen Mindestlohns unterfällt keiner vertraglichen Ausschlussfrist (BAG, Urt. v. 13.07.2022 – 5 AZR 498/21).

Voraussetzungen des Annahmeverzugs

Der Annahmeverzug setzt voraus, dass ein wirksames Dienstverhältnis besteht und Sie Ihre Arbeitsleistung angeboten haben – tatsächlich oder wörtlich. Der Arbeitgeber muss die Annahme verweigern, obwohl er dazu verpflichtet und in der Lage wäre. Seit der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts genügt bei einer unwirksamen Kündigung oft schon die Erhebung der Kündigungsschutzklage als wörtliches Angebot (Paragraf 296 BGB). Sie müssen also nicht körperlich am Arbeitsplatz erscheinen, wenn der Arbeitgeber die Weiterbeschäftigung endgültig ablehnt. Wichtig: Sie müssen arbeitsfähig und arbeitswillig sein. Liegt Krankheit vor, entfällt der Anspruch für diesen Zeitraum.

Rechtsfolgen: Vergütung ohne Gegenleistung

Steht der Annahmeverzug fest, können Sie die vereinbarte Bruttovergütung verlangen – einschließlich Zuschläge, Prämien und Sachbezüge, die bei tatsächlicher Arbeit angefallen wären. Der Anspruch ist ein Erfüllungsanspruch, kein Schadensersatz. Deshalb greift Paragraf 254 BGB (Mitverschulden) nicht. Sie müssen die versäumte Arbeit nicht nachholen. Die Fälligkeit richtet sich nach dem regulären Abrechnungszeitraum (meist monatlich). Verjährung und tarifliche Ausschlussfristen laufen ab diesem Zeitpunkt. Beachten Sie: Der Mindestlohnanteil ist von Ausschlussfristen nicht erfassbar.

Anrechnung anderweitigen Verdienstes – die wichtigste Fallstricke

Paragraf 615 S. 2 BGB verpflichtet Sie, sich Erspartestatsächlichen Zwischenverdienst und böswillig unterlassenen Erwerb anrechnen zu lassen. Die Anrechnung erfolgt pro rata temporis: Nur der Verdienst, der in der Zeit erzielt wurde, in der Sie beim ursprünglichen Arbeitgeber hätten arbeiten müssen, mindert Ihren Anspruch. Ein Nebenerwerb, den Sie auch bei Fortbestehen des Arbeitsverhältnisses hätten ausüben können, bleibt außen vor. Öffentlich-rechtliche Leistungen (Arbeitslosengeld, Bürgergeld) gehen über Paragraf 115 SGB X auf den Träger über und mindern Ihren Anspruch entsprechend. Böswilligkeit liegt vor, wenn Sie eine zumutbare Stelle ohne triftigen Grund ablehnen – etwa weil sie geringer vergütet ist oder weiter entfernt liegt.

Beispielsfall 1: Unwirksame Kündigung und Kündigungsschutzklage

Frau Müller erhält eine ordentliche Kündigung zum 31. März. Sie hält diese für sozial ungerechtfertigt und erhebt fristgerecht Kündigungsschutzklage. Der Arbeitgeber verweigert die Weiterbeschäftigung ab Zugang der Kündigung. Frau Müller findet ab Mai eine neue Stelle mit geringerem Gehalt. Lösung: Durch die Klageerhebung hat Frau Müller ein wörtliches Angebot i. S. d. Paragraf 296 BGB erklärt. Der Arbeitgeber befindet sich in Annahmeverzug. Sie erhält für April bis zum Prozessende Annahmeverzugslohn. Der neue Verdienst wird pro rata temporis angerechnet – also nur für die Stunden, in denen sie beim alten Arbeitgeber hätte arbeiten müssen. Die Differenz zum ursprünglichen Gehalt zahlt der alte Arbeitgeber.

Beispielsfall 2: Einseitige Freistellung nach Kündigung

Herr Schmidt wird fristlos gekündigt. Der Arbeitgeber stellt ihn „bis zum Ende der Kündigungsfrist“ einseitig von der Arbeit frei. Herr Schmidt meldet sich arbeitslos und bezieht Arbeitslosengeld I. Er nimmt keine neue Stelle an, weil er auf den Prozessausgang wartet. Lösung: Die einseitige Freistellung stellt eine konkludente Ablehnung der Arbeitsleistung dar – der Arbeitgeber gerät in Annahmeverzug. Herr Schmidt hat Anspruch auf Annahmeverzugslohn. Das Arbeitslosengeld geht auf die Bundesagentur für Arbeit über (Paragraf 115 SGB X) und mindert den Anspruch des Arbeitgebers. Da Herr Schmidt keine zumutbare Stelle böswillig abgelehnt hat, erfolgt keine weitere Anrechnung.

Beispielsfall 3: Betriebsstillstand durch Pandemie

Ein Friseurbetrieb wird behördlich für sechs Wochen geschlossen. Die Inhaberin zahlt keine Löhne, da „keine Arbeit da ist“. Die Mitarbeiter verlangen Annahmeverzugslohn. Lösung: Hier greift Paragraf 615 S. 3 BGB i. V. m. der Betriebsrisikolehre. Das Betriebsrisiko – also das Risiko behördlicher Schließungen – trägt der Arbeitgeber. Die Mitarbeiter sind arbeitsfähig und -willig. Ein Angebot der Arbeitsleistung ist entbehrlich, da die Annahme objektiv unmöglich ist. Der volle Vergütungsanspruch besteht, soweit nicht Kurzarbeitergeld gezahlt wird (das dann über Paragraf 115 SGB X übergeht).

Jetzt rechtssicher handeln – wir begleiten Sie

Die Fallstricke beim Annahmeverzug sind tückisch: Fristen versäumen, Anrechnungen falsch berechnen, Angebote formell fehlerhaft erklären – all das kann Ihren Anspruch gefährden oder mindern. Gerade bei komplexen Konstellationen (Kurzarbeit, Freistellung, Betriebsübergang, Mindestlohn-Grenzen) entscheidet die anwaltliche Expertise über Erfolg oder Misserfolg. Die Anwalts- und Notarkanzlei Krau in Hohenahr prüft Ihren individuellen Fall bundesweit, berechnet Ihren Anspruch exakt und setzt ihn notfalls gerichtlich durch. Vertrauen Sie auf unsere Erfahrung im Arbeitsrecht – vereinbaren Sie jetzt Ihr Beratungsgespräch.

Häufige Fragen (FAQ)

Was ist der Unterschied zwischen Annahmeverzug und Betriebsrisiko?

Beim Annahmeverzug verweigert der Arbeitgeber die Annahme der angebotenen Leistung, obwohl er könnte (Paragrafen 293 ff. BGB). Beim Betriebsrisiko (Paragraf 615 S. 3 BGB) ist die Leistung objektiv unmöglich (z. B. behördliche Schließung, Naturkatastrophe), aber der Arbeitgeber trägt das Risiko gleichwohl. In beiden Fällen erhalten Sie Vergütung ohne Gegenleistung.

Muss ich mich beim Arbeitsamt melden, um Annahmeverzugslohn zu erhalten?

Nein. Die Arbeitslosmeldung ist keine Voraussetzung für den zivilrechtlichen Annahmeverzugsanspruch. Sie kann aber taktisch sinnvoll sein, um Sperrzeiten zu vermeiden. Beziehen Sie Arbeitslosengeld, geht der Anspruch auf den Träger über (Paragraf 115 SGB X) – der Arbeitgeber zahlt dann an die Agentur.

Kann der Arbeitgeber Paragraf 615 BGB vertraglich ausschließen?

Paragraf 615 BGB ist grundsätzlich abdingbar. Ein Ausschluss im Arbeitsvertrag oder Tarifvertrag ist wirksam – mit der Folge, dass kein Annahmeverzugslohn entsteht. Ausnahme: Der gesetzliche Mindestlohn (Paragraf 1 MiLoG) kann nicht ausgeschlossen werden. Fällt der vertragliche Lohn unter den Mindestlohn, greift dieser als Untergrenze (BAG, Urt. v. 13.07.2022 – 5 AZR 498/21).

Wie wird der Zwischenverdienst genau angerechnet?

Die Anrechnung erfolgt pro rata temporis: Man vergleicht die beim alten Arbeitgeber geschuldete Arbeitszeit mit der beim neuen Arbeitgeber tatsächlich geleisteten Zeit. Nur der anteilige Verdienst, der in die „ausgefallene“ Zeit fällt, mindert den Anspruch. Eine „Gesamtberechnung“ über den gesamten Verzugszeitraum (alte BAG-Rechtsprechung) wird heute zugunsten der monatlichen Betrachtung zurückgewiesen (ArbG Hamburg, Urt. v. 24.04.2024 – 25 Ca 348/23).

Wann verjährt der Anspruch auf Annahmeverzugslohn?

Die regelmäßige Verjährungsfrist beträgt drei Jahre (Paragraf 195 BGB) und beginnt mit dem Ende des Jahres, in dem der Anspruch fällig wurde (meist Monatsende). Tarifliche oder vertragliche Ausschlussfristen (oft drei bis sechs Monate) laufen parallel und sind zwingend einzuhalten. Die Erhebung der Kündigungsschutzklage wahrt die erste Stufe zweistufiger Ausschlussfristen, hemmt aber nicht die Verjährung.


RA und Notar Krau

Dieser Beitrag wurde von Anwalts- und Notarkanzlei Krau aus Hohenahr im Lahn-Dill-Kreis erstellt. Die Kanzlei berät Mandantinnen und Mandanten in Mittelhessen, insbesondere in der Region Wetzlar, Gießen und Marburg.

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