616 BGB Lohnfortzahlung persönliche Verhinderung

Juni 21, 2026

Was regelt Paragraf 616 BGB? – Ihr Anspruch auf Lohnfortzahlung bei persönlicher Verhinderung

Sie stehen morgens vor verschlossener Tür, weil der Schlüssel abgebrochen ist. Oder eine behördliche Quarantäneanordnung hält Sie unerwartet zu Hause. In solchen Momenten fragen sich viele Arbeitnehmer: Erhalte ich trotzdem mein Gehalt? Die Antwort liefert Paragraf 616 BGB – eine Vorschrift, die genau für diese lebensnahen Situationen geschaffen wurde. Sie schützt Sie davor, für kurze, unverschuldete Ausfälle ohne eigenes Verschulden den Lohn zu verlieren.

Doch der Teufel steckt im Detail: Nicht jede Verhinderung fällt darunter, die Dauer spielt eine entscheidende Rolle, und tarifvertragliche oder vertragliche Ausschlüsse sind häufig. Dieser Beitrag zeigt Ihnen verständlich, wann der Anspruch greift, wo die Grenzen verlaufen und worauf Sie in der Praxis achten müssen.

Zusammenfassung für den eiligen Leser

  • Paragraf 616 BGB sichert Ihren Vergütungsanspruch, wenn Sie kurzzeitig, unverschuldet und aus persönlichen Gründen an der Arbeit gehindert sind.
  • Voraussetzungen: Bestehendes Dienst- oder Arbeitsverhältnis, persönlicher Hinderungsgrund (keine Krankheit!), kein eigenes Verschuldenverhältnismäßig nicht erhebliche Dauer.
  • Typische Beispiele: Behördliche Quarantäne, Glatteis auf dem Arbeitsweg, Zeugenvorladung, akute Pflege eines Angehörigen, kurzzeitiger Wehrdienst.
  • Achtung: Der Anspruch ist dispositiv – er kann durch Tarifvertrag, Betriebsvereinbarung oder Einzelvertrag ausgeschlossen werden („nur bezahlte Arbeit wird vergütet“).
  • Dauer ist alles: Dauert die Verhinderung länger als „verhältnismäßig nicht erheblich“, entfällt der Anspruch komplett – nicht nur für die überschüssige Zeit.

Die rechtlichen Grundlagen im Überblick

Was genau besagt Paragraf 616 BGB?

Der Gesetzestext ist kurz, aber prägnant: Der zur Dienstleistung Verpflichtete verliert den Vergütungsanspruch nicht, wenn er für eine verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit durch einen in seiner Person liegenden Grund ohne sein Verschulden an der Dienstleistung verhindert wird. Er muss sich jedoch anrechnen lassen, was er aus gesetzlicher Kranken- oder Unfallversicherung für diese Zeit erhält1.

Damit durchbricht Paragraf 616 BGB den Grundsatz „kein Lohn ohne Arbeit“ (Paragraf 326 Abs. 1 BGB) – aber nur eng begrenzt und aus sozialen Gründen2. Die Vorschrift gilt für Arbeitsverhältnisse ebenso wie für freie Dienstverhältnisse, nicht jedoch für Werkunternehmer oder Handelsvertreter3.

Die vier Voraussetzungen im Detail

  1. Bestand eines Dienstverhältnisses – Arbeitsvertrag oder freier Dienstvertrag müssen wirksam bestehen.
  2. Persönlicher Hinderungsgrund – Das Hindernis muss in Ihrer eigenen Sphäre liegen (z. B. behördliche Anordnung, Wegeunfall, familiäre Notlage). Allgemeine Betriebsstörungen oder Streiks zählen nicht dazu.
  3. Unverschulden – Sie dürfen die Verhinderung nicht selbst herbeigeführt haben (z. B. durch eigenes Fehlverhalten im Straßenverkehr).
  4. Verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit – Das ist die wichtigste und streitigste Grenze. Es gibt keine starre Tageszahl. Entscheidend sind das Verhältnis zur Gesamtdauer des Arbeitsverhältnisses und die Art des Hinderungsgrundes4. Das BVerwG hat 2024 klargestellt: 14 Tage Quarantäne im Frühsommer 2020 waren „nicht erheblich“, eine pauschale Sechswochen-Grenze (wie im EFZG) scheidet aus56.

Die „Alles-oder-Nichts“-Falle

Ein entscheidender Punkt: Dauert die Verhinderung „erheblich“ lange, erlischt der Anspruch für den gesamten Zeitraum – nicht nur für den übersteigenden Teil78. Das Bundesarbeitsgericht hat dies bereits 1959 im Großen Senat so entschieden und seither konsequent beibehalten.

Anrechnung von Versicherungsleistungen

Erhalten Sie für die Ausfallzeit Krankengeld, Unfallrenten oder vergleichbare Leistungen aus gesetzlicher Versicherung, müssen Sie diese auf den Lohnanspruch anrechnen lassen (Paragraf 616 S. 2 BGB). Das verhindert eine Doppelzahlung.

Abdingbarkeit – der häufige Ausschluss in der Praxis

Paragraf 616 BGB ist dispositives Recht. Tarifverträge, Betriebsvereinbarungen oder Ihr Einzelarbeitsvertrag können den Anspruch ausschließen oder einschränken9. Klauseln wie „Es wird nur die tatsächlich geleistete Arbeit vergütet“ sind wirksam10. Prüfen Sie daher immer Ihren Vertrag und den anwendbaren Tarifvertrag, bevor Sie auf den Anspruch vertrauen.


Beispielsfall 1: Behördliche Quarantäne ohne Erkrankung

Ausgangslage: Frau Müller arbeitet seit drei Jahren unbefristet als Sachbearbeiterin. Im Mai 2024 ordnet das Gesundheitsamt wegen Kontakt zu einem Corona-Infizierten eine 10-tägige häusliche Absonderung an. Frau Müller ist symptomfrei, kann aber nicht ins Büro. Der Arbeitsvertrag enthält keine Ausschlussklausel zu Paragraf 616 BGB.

Rechtliche Lösung: Die Quarantäne ist ein in der Person liegender Grund (behördliche Anordnung knüpft an ihre persönliche Sphäre an)1112. Sie trifft kein Verschulden. Zehn Tage sind bei einem dreijährigen Arbeitsverhältnis verhältnismäßig nicht erheblich. Frau Müller behält ihren vollen Vergütungsanspruch nach Paragraf 616 BGB. Erhält sie Krankengeld (was bei reiner Quarantäne ohne Erkrankung meist nicht der Fall ist), müsste sie dieses anrechnen.


Beispielsfall 2: Glatteisunfall auf dem Arbeitsweg

Ausgangslage: Herr Meier fährt morgens zur Arbeit. Auf der nicht geräumten Nebenstraße bricht er sich bei Glatteis das Handgelenk. Er fällt für vier Wochen aus. Der Tarifvertrag seiner Branche schließt Paragraf 616 BGB aus („Entgeltfortzahlung nur bei Krankheit nach EFZG“).

Rechtliche Lösung: Der Sturz ist ein persönlicher, unverschuldeter Grund. Vier Wochen wären bei einem langjährigen Verhältnis möglicherweise noch „nicht erheblich“Aber: Der tarifvertragliche Ausschluss greift. Herr Meier hat keinen Anspruch nach Paragraf 616 BGB. Sein einziger Anspruch richtet sich nach dem EFZG (Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall) – denn die Arbeitsunfähigkeit folgt aus der Verletzung (Krankheit), nicht bloß aus dem Wegehindernis. Hätte der Tarifvertrag Paragraf 616 nicht ausgeschlossen, stünde ihm der Anspruch zu.


Beispielsfall 3: Akute Pflege eines erkrankten Kindes

Ausgangslage: Frau Schmidt, alleinerziehend, wird morgens vom Kindergarten angerufen: Ihr 5-jähriger Sohn hat hohes Fieber. Keine Betreuung verfügbar. Sie bleibt drei Tage zu Hause, um ihn zu pflegen. Ihr Arbeitsvertrag schweigt zu Paragraf 616 BGB.

Rechtliche Lösung: Die akute Pflegebedürftigkeit des Kindes ist ein in der Person der Arbeitnehmerin liegender Grund (familiäre Fürsorgepflicht)13. Drei Tage sind offensichtlich nicht erheblich. Ohne vertraglichen Ausschluss hat Frau Schmidt Anspruch auf Lohnfortzahlung nach Paragraf 616 BGB. Wichtig: Nimmt sie stattdessen Pflegezeit nach Paragraf 2 PflegeZG (bis zu 10 Tage unbezahlte Freistellung), entfällt der Paragraf-616-Anspruch für diesen Zeitraum, da die Verhinderung dann nicht mehr „unverschuldet“ im Sinne der Norm ist, sondern gewollt in Anspruch genommen wird13. Für die ersten ein bis zwei Tage der akuten Krisensituation bleibt Paragraf 616 BGB aber oft anwendbar.


Wann Sie rechtlichen Rat einholen sollten

Die Fallstricke bei Paragraf 616 BGB sind tückisch: Vertragliche Ausschlüsse, die Einordnung der Verhinderungsdauer, das Nebeneinander mit EFZG, Pflegezeitgesetz oder Infektionsschutzgesetz und die Anrechnungspflichten führen in der Praxis oft zu Streit. Ob Ihr konkreter Fall „verhältnismäßig nicht erheblich“ ist, lässt sich nicht schematisch beantworten – es kommt auf die Einzelumstände an.

Die Anwalts- und Notarkanzlei Krau in Hohenahr prüft Ihren Fall bundesweit, setzt Ihre Ansprüche durch oder wehrt unberechtigte Forderungen ab. Kontaktieren Sie uns für eine rechtssichere Ersteinschätzung – wir begleiten Sie kompetent und empathisch.


Häufige Fragen (FAQ)

Gilt Paragraf 616 BGB auch bei Krankheit?

Nein. Für krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit gilt ausschließlich das Entgeltfortzahlungsgesetz (EFZG) mit sechs Wochen Lohnfortzahlung. Paragraf 616 BGB ist für nicht-krankheitsbedingte, persönliche Verhinderungen gedacht214.

Kann mein Arbeitgeber Paragraf 616 BGB im Arbeitsvertrag ausschließen?

Ja. Paragraf 616 BGB ist dispositives Recht. Ein wirksamer Ausschluss im Arbeitsvertrag, Tarifvertrag oder einer Betriebsvereinbarung ist zulässig9. Prüfen Sie Ihren Vertrag auf Klauseln wie „Vergütung nur für tatsächlich geleistete Arbeit“.

Wie lange ist „verhältnismäßig nicht erheblich“?

Es gibt keine feste Tageszahl. Maßstab sind die Umstände des Einzelfalls: Dauer des Arbeitsverhältnisses, Art des Hinderungsgrundes, betriebliche Übung. Das BVerwG (2024) sah 14 Tage Quarantäne 2020 als nicht erheblich an, lehnte aber eine pauschale Sechswochen-Grenze ab56. Bei kurzen Arbeitsverhältnissen (z. B. Probezeit) kann schon eine Woche „erheblich“ sein.

Was passiert, wenn die Verhinderung länger dauert als „nicht erheblich“?

Der Anspruch entfällt vollständig – auch für die ersten Tage. Es gibt keine anteilige Fortzahlung78. Das ist die harte „Alles-oder-Nichts“-Regel des Paragraf 616 BGB.

Muss ich Krankengeld auf den Paragraf-616-Anspruch anrechnen?

Ja, aber nur Leistungen aus gesetzlicher Kranken- oder Unfallversicherung (Paragraf 616 S. 2 BGB). Private Krankentagegeldversicherungen, Elterngeld oder Bürgergeld bleiben unberührt. Erhalten Sie z. B. gesetzliches Krankengeld (was bei reiner Quarantäne ohne Erkrankung meist nicht gezahlt wird), kürzt sich der Lohnanspruch entsprechend.


Zitiernachweise:

1

Paragraf 616 BGB

2

Baumgärtner – BeckOK BGB | BGB Paragraf 616 Rn. 1

3

Henssler – MüKoBGB | BGB Paragraf 616

4

BVerwG 3 C 8.23

5

BVerwG 3 C 7.23

6

BVerwG 3 C 8.23

7

L. Schmitt – Schmitt EFZG | BGB Paragraf 616 Rn. 55-62

8

BAG GS 8/58

9

Baumgärtner – BeckOK BGB | BGB Paragraf 616 Rn. 4

10

BAG 4 AZR 1064/79

11

BVerwG 3 C 8.23

12

BVerwG 3 C 7.23

13

Greiner – ErfK | BGB Paragraf 616 Rn. 10-10b

14

BAG GS 2/59

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