672 BGB Tod oder Geschäftsunfähigkeit des Auftraggebers

Juli 20, 2026

Paragraf 672 BGB – Was passiert mit einem Auftrag bei Tod oder Geschäftsunfähigkeit des Auftraggebers?

Stellen Sie sich vor, Sie haben einem vertrauten Menschen einen wichtigen Auftrag erteilt. Plötzlich stirbt diese Person oder verliert ihre Geschäftsfähigkeit. Nun fragen Sie sich: Darf ich den Auftrag noch weiter ausführen? Muss ich vielleicht sogar weitermachen? Diese Fragen berühren viele Menschen im Alltag und sorgen oft für Unsicherheit. Das Bürgerliche Gesetzbuch gibt hier klare Antworten, die Sie kennen sollten.

Die rechtliche Situation ist oft komplexer als gedacht. Ein Auftrag endet nicht automatisch mit dem Tod des Auftraggebers. Vielmehr schützt das Gesetz die Interessen aller Beteiligten. Dieser Artikel erklärt Ihnen verständlich, welche Rechte und Pflichten in dieser schwierigen Situation bestehen.

Zusammenfassung für den eiligen Leser

  • Ein Auftrag erlischt im Zweifel nicht durch den Tod oder die Geschäftsunfähigkeit des Auftraggebers1
  • Der Beauftragte darf die Aufgabe weiter ausführen, wenn keine ausdrückliche abweichende Vereinbarung besteht2
  • Bei Gefahr im Verzug muss der Beauftragte das Geschäft weiterführen, bis die Erben oder Vertreter anderweitig sorgen können1
  • Höchstpersönliche Aufträge wie Altersbetreuung oder Strafverteidigung bilden wichtige Ausnahmen3
  • Die damit verbundene Vollmacht bleibt im Zweifel ebenfalls über den Tod hinaus wirksam4

Die rechtlichen Grundlagen von Paragraf 672 BGB

Paragraf 672 BGB enthält eine wichtige Auslegungsregel für Auftragsverhältnisse. Der Gesetzgeber geht davon aus, dass die Fortführung des Auftrags den Interessen des Auftraggebers und seiner Erben meist besser entspricht als eine automatische Beendigung2. Diese Regelung dient der Rechtssicherheit und vermeidet unnötige Unterbrechungen in der Geschäftsführung.

Die Vorschrift gilt nicht nur für unentgeltliche Aufträge im engeren Sinne. Sie findet auch auf entgeltliche Geschäftsbesorgungsverträge Anwendung5. Zudem erstreckt sich die Regelung auf die mit dem Auftrag verbundene Vollmacht. Diese bleibt also im Zweifel ebenfalls über den Tod hinaus wirksam4.

Beispielsfall 1: Vermögensverwaltung nach dem Tod des Auftraggebers

Herr Müller hat seiner langjährigen Vertrauensperson Frau Schmidt die Verwaltung seines Wertpapierdepots übertragen. Herr Müller verstirbt unerwartet. Frau Schmidt fragt sich, ob sie das Depot weiterhin verwalten darf oder ob sie sofort die Hände weglegen muss.

Rechtliche Lösung: In diesem Fall besteht der Auftrag nach Paragraf 672 BGB fort1. Die Vermögensverwaltung ist kein höchstpersönlicher Auftrag. Frau Schmidt darf das Depot weiterhin verwalten. Die Erben von Herrn Müller können den Auftrag zwar kündigen, müssen dies aber ausdrücklich tun6. Bis zur Kündigung bleibt Frau Schmidt zur Geschäftsführung berechtigt und verpflichtet.

Beispielsfall 2: Notgeschäftsführung bei drohendem Schaden

Ein Bauherr beauftragt einen Architekten mit der Bauleitung eines Einfamilienhauses. Kurz vor Baubeginn verstirbt der Bauherr. Auf der Baustelle droht durch einen aufziehenden Sturm schwerer Schaden an den bereits gelieferten Materialien. Der Architekt überlegt, ob er eingreifen darf oder muss.

Rechtliche Lösung: Hier greift Paragraf 672 Satz 2 BGB1. Selbst wenn der Auftrag durch den Tod erlöschen würde, muss der Architekt bei drohender Gefahr weiter tätig werden. Er muss die erforderlichen Schutzmaßnahmen ergreifen, bis die Erben anderweitig Vorsorge treffen können6. Der Auftrag gilt für diese Notgeschäftsführung als fortbestehend. Unterlässt der Architekt die Maßnahmen, macht er sich schadensersatzpflichtig.

Beispielsfall 3: Höchstpersönlicher Auftrag zur Altersbetreuung

Eine ältere Dame erteilt ihrer Tochter eine umfassende Vorsorgevollmacht und beauftragt sie mit der täglichen Betreuung und Begleitung zu Arztbesuchen. Die Mutter verstirbt nach längerer Krankheit. Die Tochter fragt sich, ob sie den Auftrag noch ausführen darf.

Rechtliche Lösung: Dieser Fall bildet eine wichtige Ausnahme von der Grundregel3. Aufträge zur Altersbetreuung in Verbindung mit einer Vorsorgevollmacht sind höchstpersönlicher Natur. Sie erlöschen in der Regel mit dem Tod des Auftraggebers, da die Betreuung nicht mehr erforderlich ist6. Die Tochter ist nach dem Tod der Mutter nicht mehr zur Betreuung verpflichtet. Allenfalls kommen noch Maßnahmen zur Sicherung der Wohnung oder Organisation der Bestattung in Betracht7.

Wann erlischt der Auftrag trotz Paragraf 672 BGB?

Die Auslegungsregel des Paragraf 672 BGB gilt nur „im Zweifel“1. Die Vertragsparteien können etwas anderes vereinbaren. Zudem kann die Auslegung ergeben, dass der Auftrag erlöschen soll. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Geschäftsbesorgung höchstpersönlicher Natur ist3. Typische Beispiele sind Aufträge zur persönlichen Ausbildung, zur Gesundheitsfürsorge oder zur Strafverteidigung.

Auch eine ausdrückliche Vereinbarung der Parteien geht vor2. Haben Auftraggeber und Beauftragter schriftlich festgelegt, dass der Auftrag mit dem Tod enden soll, so gilt diese Vereinbarung. Die Auslegungsregel greift dann nicht ein.

Die Rechte der Erben des Auftraggebers

Die Erben treten an die Stelle des verstorbenen Auftraggebers4. Sie können den Auftrag nach Paragraf 671 BGB jederzeit kündigen6. Dieses Kündigungsrecht können die ursprünglichen Vertragsparteien nicht ausschließen6. Die Erben haben zudem ein Weisungsrecht nach Paragraf 665 BGB. Sie können dem Beauftragten also Anweisungen zur weiteren Ausführung des Auftrags erteilen.

Der Beauftragte muss die Erben jedoch nicht vorher über den Tod informieren oder deren Zustimmung einholen6. Er darf den Auftrag fortsetzen, solange die Erben nicht widersprechen. Dies schützt die Kontinuität der Geschäftsführung und vermeidet unnötige Verzögerungen.

Besonderheiten bei der Vollmacht

Die mit einem Auftrag verbundene Vollmacht richtet sich in ihrem Schicksal grundsätzlich nach dem Auftrag4. Besteht der Auftrag fort, so bleibt auch die Vollmacht wirksam8. Dies gilt auch im Grundbuchverkehr. Grundbuchämter akzeptieren eine nach Paragraf 672 BGB fortbestehende Vollmacht als Legitimation6.

Die Vollmacht bleibt grundsätzlich widerruflich8. Die Erben können sie also widerrufen. Eine unwiderrufliche Vollmacht ist nur durch besondere vertragliche Gestaltung möglich. Hier lohnt sich eine sorgfältige Beratung durch einen erfahrenen Notar.

Die rechtlichen Fallstricke bei Aufträgen nach dem Tod des Auftraggebers sind vielfältig. Falsche Entscheidungen können zu teuren Schadensersatzforderungen führen. Gerade bei Vermögensangelegenheiten oder komplexen Geschäftsbesorgungen ist eine professionelle Beratung unerlässlich. Die Anwalts- und Notarkanzlei Krau in Hohenahr steht Ihnen bundesweit zur Seite. Unsere Experten prüfen Ihren individuellen Fall rechtssicher und begleiten Sie kompetent durch alle rechtlichen Fragen. Kontaktieren Sie uns noch heute für ein unverbindliches Erstgespräch.

Häufige Fragen (FAQ)

Wann erlischt ein Auftrag nach dem Tod des Auftraggebers?

Ein Auftrag erlischt nach Paragraf 672 BGB im Zweifel nicht durch den Tod des Auftraggebers1. Er besteht fort, es sei denn, die Parteien haben etwas anderes vereinbart oder der Auftrag war höchstpersönlicher Natur3.

Muss ich als Beauftragter nach dem Tod weiterarbeiten?

Sie müssen nur weiterarbeiten, wenn mit dem Aufschub Gefahr verbunden ist1. In diesem Fall müssen Sie das Geschäft bis zum Eingreifen der Erben fortführen. Ansonsten können Sie den Auftrag fortsetzen, müssen aber nicht.

Was passiert mit einer Vollmacht nach dem Tod des Vollmachtgebers?

Die Vollmacht bleibt im Zweifel über den Tod hinaus wirksam, wenn der zugrundeliegende Auftrag fortbesteht4. Die Erben können die Vollmacht jedoch widerrufen. Bei Vorsorgevollmachten gelten besondere Regeln.

Können die Erben einen Auftrag widerrufen?

Ja, die Erben können einen Auftrag nach Paragraf 671 BGB jederzeit kündigen6. Dieses Kündigungsrecht kann nicht vertraglich ausgeschlossen werden. Die Kündigung bedarf keiner besonderen Form.

Gelten diese Regeln auch für entgeltliche Aufträge?

Ja, Paragraf 672 BGB gilt auch für entgeltliche Geschäftsbesorgungsverträge nach Paragraf 675 BGB5. Die Auslegungsregel und die Notgeschäftsführungspflicht gelten also unabhängig davon, ob der Beauftragte eine Vergütung erhält.


Zitate

1

Paragraf 672 BGB

2

F. Schäfer – MüKoBGB | BGB Paragraf 672 Rn. 1

3

F. Schäfer – MüKoBGB | BGB Paragraf 672 Rn. 8

4

Mansel – Jauernig | BGB Paragraf 672 Rn. 1-4

5

F. Schäfer – MüKoBGB | BGB Paragraf 672 Rn. 2-7

6

D. Fischer – BeckOK BGB | BGB Paragraf 672 Rn. 1-8

7

Kurze – Kurze | BGB Paragraf 672 Rn. 1-3

8

Riesenhuber – BeckOGK | BGB Paragraf 672 Rn. 22-25

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