OLG Köln, Beschluss vom 08.12.2016 – 25 UF 109/16

OLG Köln, Beschluss vom 08.12.2016 – 25 UF 109/16

Tenor
I.

Auf die Beschwerde der Kindesmutter und unter Zurückweisung der Beschwerde im Übrigen wird der Beschluss des Amtsgerichts – Familiengericht – Köln 20.05.2016 (312 F 105/16) wie folgt abgeändert und neu gefasst:

Der Umgang des Kindesvaters mit dem Kind Q. T., geboren am xx.xx.xxxx, wird wie folgt geregelt:

Der Kindesvater hat das Recht auf begleiteten Umgang in Q am Wohnort des Kindes an jeweils zwei hintereinander liegenden Tagen einmal im Monat, und zwar jeweils am ersten kompletten Wochenende (Samstag/Sonntag) eines jeden Monats, jeweils am Samstag und Sonntag für die Dauer von jeweils zwei Stunden in der Zeit von 15.00 bis 17.00 Uhr, beginnend mit dem Monat Februar 2017 (also erstmals am 04. und 05.02.2017).

Der begleitete Umgang soll durch einen vom Gericht des Wohnsitzes des Kindes/der Kindesmutter zu benennenden Kurator („court guardian“) ausgeübt werden. Der Kurator soll den Umgang die gesamte Zeit begleiten. Der Umgang findet ohne Anwesenheit der Kindesmutter an einem neutralen, vom Kurator zu bestimmenden Ort statt. Der Kurator soll das Kind zur Durchführung des Umgangs jeweils um 14.30 Uhr am Wohnsitz der Mutter ohne Begleitung des Kindesvaters abholen und nach dem Ende des Umgangs bis um 17.30 Uhr ohne Begleitung des Kindesvaters dorthin zurückbringen.

Die Regelung ist zeitlich befristet bis zum 31.03.2018.

Die Kindesmutter wird verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, dass das Kind an den Kurator zwecks Durchführung der Umgangskontakte herausgegeben wird.

Die Kosten des Umgangs einschließlich der Begleitung des Umgangs trägt der Kindesvater.

II.

Die Gerichtskosten für beide Instanzen haben der Kindesvater und die Kindesmutter jeweils zur Hälfte zu tragen. Eine Erstattung außergerichtlicher Kosten in beiden Instanzen findet nicht statt.

Der Wert des Beschwerdeverfahrens wird auf 3.000,00 € festgesetzt.

III.

Der Kindesmutter wird für das Beschwerdeverfahren ratenfreie Verfahrenskostenhilfe unter Beiordnung von Rechtsanwalt N in I bewilligt.

Gründe
I.

Q ist der gemeinsame Sohn der Beteiligten zu 1) und zu 2). Die Kindeseltern leben seit Juni 2015 getrennt. Seit diesem Zeitpunkt hat der Kindesvater keinen Kontakt mehr zu seinem Sohn. Q lebt bei der Kindesmutter und wird von dieser versorgt und betreut. In dem Haushalt der Kindesmutter lebt auch ihre weitere Tochter M, geboren am xx.xx.xxxx, die aus einer anderen Beziehung hervorgegangen ist.

Die Kindesmutter lehnt jeglichen Kontakt des Kindesvaters mit Q ab. Aus diesem Anlass hat der Kindesvater eine gerichtliche Umgangsregelung begehrt und sich mit einem begleiteten Umgang sowie der Einrichtung einer Umgangspflegschaft einverstanden erklärt. Er hat in Abrede gestellt, gegenüber der Kindesmutter bzw. gegenüber den Kindern Gewalt ausgeübt zu haben. Er habe sich von der Kindesmutter getrennt, was diese nunmehr zum Anlass nehme, ihm den Sohn vorzuenthalten.

Die Kindesmutter ist dem begehrten Umgang mit dem Bestreben nach Aussetzung des Umgangs für zunächst ein Jahr entgegengetreten. Sie hat vorgetragen, der Kindesvater sei wiederholt gegen sie und Q gewalttätig geworden. Sie habe große Angst vor dem Kindesvater, der sie auch psychisch unter Druck gesetzt habe. Q sei durch das Erlebte hochbelastet und traumatisiert. Unmittelbare persönliche Kontakte des Kindesvaters mit seinem Kind könnten einen negativen Einfluss auf dessen seelischgeistige Entwicklung haben. Spätestens bei unbegleiteten Umgangskontakten sei zu erwarten, dass sich der Kindesvater nicht mehr im Griff habe, wenn es zu einer schwierigen Situation komme.

Die Verfahrensbeiständin hat in ihrem Bericht vom 10.05.2016 (Bl. 39 ff. d.A.) ausgeführt, aus ihrer Sicht übertrage die Kindesmutter ihre Ängste und Abneigung auf die Kinder. Q habe so gut wie keine eigene Erinnerung an seinen Vater. Er stütze sich auf das, was die Mutter ihm erzähle und auf das, was die Schwester weitergebe. Die Kindesmutter sei nicht in der Lage, Q zu ermöglichen, ein positives Bild von seinem Vater aufzubauen. Die Verfahrensbeiständin hat empfohlen, einen Umgangspfleger zu bestellen und begleitete Umgangskontakte durchzuführen.

Das Amtsgericht hat mit dem angefochtenen Beschluss vom 20.05.2016 einen einmal wöchentlich jeweils donnerstags stattfindenden begleiteten Umgang in der Zeit von 14:00 Uhr bis 15:30 Uhr (inklusive Holen und Bringen des Kindes) sowie eine bis zum 31.12.2016 befristete Umgangspflegschaft angeordnet. Ein Umgangsausschluss sei als äußerste Maßnahme zur Abwendung einer konkreten, gegenwärtigen Gefährdung der körperlichen oder geistigseelischen Entwicklung des Kindes zulässig, wenn keine anderen Mittel zu seinem Schutz verfügbar sind. Bei Durchführung der angeordneten begleiteten Umgänge sei eine so erhebliche und gegenwärtige Gefährdung des Kindeswohls nicht zu erkennen. Sofern das Kind tatsächlich Angst vor seinem Vater habe und Umgangskontakte ablehne, werde durch die fachmännische Vorbereitung und Begleitung des Umgangs sichergestellt, dass die Belange und Bedürfnisse des Kindes bei der Gestaltung und Durchführung der Kontakte berücksichtigt werden.

Wegen aller weiteren Einzelheiten des Sachverhalts und der Entscheidungsgründe wird auf die amtsgerichtliche Entscheidung verwiesen.

Gegen diesen ihrer Verfahrensbevollmächtigten am 25.05.2016 zugestellten Beschluss wendet sich die Kindesmutter mit ihrer Beschwerde vom 23.06.2016, die sie unter dem 28.07.2016 begründet hat. Mit ihrer Beschwerde begehrt die Kindesmutter weiterhin die Aussetzung des Umgangs. Sie sei am 01.06.2016 gemeinsam mit ihren beiden Kindern Q und M dauerhaft in ihre Heimat nach Q verzogen, so dass der Umgang wie angeordnet nicht durchgeführt werden könne. Der Umgang sei im Hinblick auf die gewalttätigen Auseinandersetzungen und traumatischen Erlebnisse der Kindesmutter und des Kindes auszusetzen. Der Kindesvater wirke nach außen hin seriös, sei berufstätig, kleide sich sehr elegant. Hinter verschlossenen Türen zeige er jedoch sehr schnell seine wahre, unkontrolliert aggressive Persönlichkeit. Er habe die Kindesmutter während der Zeit des Zusammenlebens psychisch unter Druck gesetzt, unter anderem mit der Androhung, sich das Leben zu nehmen. Er habe sie als wertlos bezeichnet und sie bespuckt und geschlagen. Aus Angst vor einer Entführung der Kinder durch den Kindesvater habe die Kindesmutter sich Niemandem anvertraut. Fast jedes Mal, wenn der Kindesvater körperliche Gewalt ausgeübt habe, sei dies in Anwesenheit der Kinder geschehen. Im Januar 2015 sei es zu einem starken Wutausbruch des Kindesvaters gekommen; der Kindesvater habe sie gegen den Kopf geschlagen und mit dem beschuhten Fuß gegen ihren und den Kopf des Kindes, das sie auf den Arm gehalten habe, getreten. Er habe Q auch oft auf den Hinterkopf geschlagen. Sowohl Q als auch M hätten unter den Auseinandersetzungen gelitten. Die Kinder würden anfangen zu weinen, wenn man sie nach dem Antragsteller Frage. Q sage immer wieder, er sei ein „böser Mann“, der „Aua“ gemacht habe. M werde hysterisch und weine, sie empfinde große Angst und wolle ihn nicht wieder sehen. Die seitens der Kindesmutter beauftragte Psychologin habe in ihrem Gutachten vom 10.06.2016 ausgeführt, dass ein Umgang des Kindesvaters mit Q außerordentlich unvorteilhaft sei.

Der Kindesvater verteidigt die angefochtene Entscheidung. Die Kindesmutter bezwecke mit ihrem Verhalten, das Umgangsrecht zu vereiteln. Nur aus diesem Grund sei sie nach Q verzogen. Er habe zum keinen Zeitpunkt der Kindesmutter oder gar einem der Kinder gegenüber Gewalt ausgeübt. Die Angaben der Kindesmutter diesbezüglich seien sämtlich unzutreffend. Sie wolle ihn mit dem Entzug des Sohnes dafür bestrafen, dass er die Beziehung zu ihr beendet habe. Nach der Trennung habe sie ihm noch fortlaufend Nachrichten geschickt, in welchen sie ihre Liebe zu ihm beteuert und ihn angefleht habe, zurückzukommen. Er habe nicht nur zu seinem leiblichen Sohn, sondern auch zu M eine sehr liebevolle Beziehung. Das vorgelegte psychologische Gutachten sei unbrauchbar, da eine Aussage über die Vater-Kind-Beziehung ohne Einbeziehung des Vaters nicht möglich sei.

Die Verfahrensbeiständin hat in ihrer Stellungnahme vom 14.08.2016 ausgeführt, dass das Verhalten der Kindesmutter höchst auffällig sei. Durch den Wegzug nach Q sei ein Umgang zwischen Vater und Sohn nicht umsetzbar. Die Kindesmutter habe sich Allem entzogen und es sei nicht zu erwarten, dass sich kooperativ zeige oder gar nach Deutschland komme.

Das Jugendamt hatte Gelegenheit zur Stellungnahme.

Wegen aller weiteren Einzelheiten des jeweiligen Vorbringens in der Beschwerdeinstanz wird auf den Akteninhalt Bezug genommen.

II.

1.

Der Senat sieht von der Anberaumung einer mündlichen Verhandlung ab, weil eine solche bereits vor dem Amtsgericht durchgeführt worden ist und eine weitere Klärung der für die Entscheidung maßgeblichen Umstände in einer erneuten mündlichen Verhandlung nicht zu erwarten ist, § 68 Abs. 3 Satz 2 FamFG.

2.

Der Senat ist für das Verfahren international zuständig. Die internationale Zuständigkeit der Gerichte in Ehe- und Kindschaftssachen ist innerhalb der Europäischen Gemeinschaft geregelt durch die „Verordnung (EG) Nr. 2201/2003 des Rates über die Zuständigkeit und die Anerkennung und Vollstreckung von Entscheidungen in Ehesachen und in Verfahren betreffend die elterliche Verantwortung und zur Aufhebung der Verordnung (EG) Nr. 1347/2000“ vom 27.11.2003 (EuEheVO). Beispielhaft sind in Art. 1 Abs. 2 lit. a bis lit. e EuEheVO unter anderem Verfahren um das Sorgerecht und das Umgangsrecht aufgeführt. Nach Art. 8 Abs. 1 EuEheVO besteht eine primäre Zuständigkeit der Gerichte des Mitgliedstaates, in dem das Kind zum Zeitpunkt der Antragstellung seinen gewöhnlichen Aufenthalt hat. Hat das Kind im Inland seinen gewöhnlichen Aufenthalt, so besteht die Aufenthaltszuständigkeit der deutschen Gerichte. Insoweit lässt ein Wegzug in einen anderen Mitgliedstaat der Europäischen Union und die dortige Begründung eines gewöhnlichen Aufenthalts durch Integration eines Kindes in die Schule oder Kindergarten nicht die einmal entstandene internationale Zuständigkeit entfallen (vgl. OLG München, Beschluss vom 26.07.2011 – 33 UF 874/11-, zitiert nach juris, Rn. 18). Gemäß Art. 9 EuEheVO gilt für Umgangsverfahren eine Sonderregelung. Beim rechtmäßigen Umzug eines Kindes von einem Mitgliedstaat in einen anderen, durch den es dort einen neuen gewöhnlichen Aufenthalt erlangt, verbleibt abweichend von Art. 8 die Zuständigkeit für eine Abänderung einer vor dem Umzug des Kindes in diesen Mitgliedstaat ergangenen Entscheidung über das Umgangsrecht während einer Dauer von drei Monaten nach dem Umzug bei den Gerichten des früheren gewöhnlichen Aufenthalts, wenn sich der umgangsberechtigte Elternteil weiterhin gewöhnlich in dem Mitgliedstaat des früheren gewöhnlichen Aufenthalts aufhält. Da der Wegzug der Kindesmutter mit Q nach Q frühestens am 01.06.2016 erfolgte, die Beschwerde jedoch unter dem 23.06.2016 eingelegt worden ist, kann hier dahinstehen, ob Art. 9 EuEheVO überhaupt den Fall einer Anfechtung einer im Wegzugstaat ergangenen Entscheidung im Blick hat, oder ob mit Änderung allein ein neues Verfahren mit dem Ziel einer von der bisher getroffenen Umgangsregelung abweichenden Regelung gemeint ist (vergleiche OLG München, a.a.O., Rn. 20). Die Dreimonatsfrist des Art. 9 Abs. 1 EuEheVO ist hier jedenfalls eingehalten, so dass es bei der internationalen Zuständigkeit des deutschen Gerichts verbleibt.

3.

Entgegen der Ansicht der Kindesmutter ist das deutsche materielle Recht maßgebend. Das anzuwendende Recht bestimmt sich nach dem Haager Übereinkommen über die Zuständigkeit, das anzuwendende Recht, die Anerkennung, Vollstreckung und Zusammenarbeit auf dem Gebiet der elterlichen Verantwortung und der Maßnahmen zum Schutz von Kindern vom 19.10.1996 (KSÜ). Die Kollisionsnormen des KSÜ bestimmen auch dann das maßgebende Recht, wenn sich die internationale Zuständigkeit aus der vorrangigen EuEheVO ergibt. Nach Art. 15 Abs. 1 KSÜ gilt das lex fori-Prinzip: Ist die Zuständigkeit eines Vertragsstaates begründet, wendet dieses sein eigenes Recht an (vgl. OLG Karlsruhe, Beschluss vom 05.03.2016 – 18 UF 298/12 – zitiert nach juris, Rn. 13). Ergibt sich die internationale Zuständigkeit aus der EuEheVO (hier Art. 8, 9) vertritt der Senat mit der herrschenden Meinung die Auffassung, dass das lex fori-Prinzip einschränkungslos anzuwenden ist (vgl. Zöller/Geimer, ZPO, 31. Auflage, Art. 8 EuEheVO, Rn. 11 f.). Es findet daher kein Wechsel des materiellen Rechts im laufenden Verfahren statt.

4.

Die Beschwerde der Kindesmutter ist nach §§ 58 ff. FamFG zulässig. Sie hat zwischenzeitlich ihre neue Wohnanschrift zur Gerichtsakte mitgeteilt, so dass die zuvor wegen der Nichtangabe der neuen Wohnanschrift bestehenden Bedenken gegen die Zulässigkeit (vgl. OLG Frankfurt, Beschluss vom 20.05.2016 – 4 UF 333/15 – zitiert nach juris Rn. 38) damit obsolet sind.

Die Beschwerde der Kindesmutter hat in der Sache jedoch nur teilweise Erfolg, und zwar insoweit, als durch den Wegzug der Kindesmutter mit Q nach Q der angeordnete begleitete Umgang in Deutschland nicht mehr durchführbar ist. Ihr bleibt der Erfolg jedoch versagt, soweit die Aussetzung des Umgangs begehrt wird. Im Einzelnen:

a) §§ 1626 Abs. 3 Satz 1, 1684 Abs. 1 BGB begründet eine dahingehende gesetzliche Vermutung, dass der Umgang eines Kindes mit beiden Eltern dem Wohl des Kindes dient. Beide Eltern haben alles zu unterlassen, was das Verhältnis des Kindes zum jeweils anderen Elternteil beeinträchtigt oder die Erziehung erschwert. Eine längerfristige oder dauerhafte Einschränkung des Umgangs, wie beispielsweise durch die Anordnung begleiteten Umgangs, oder ein längerfristiger oder dauerhafter Ausschluss des Umgangs kommen nach § 1684 Abs. 4 Satz 2 BGB nur in Betracht, wenn andernfalls das Wohl des Kindes gefährdet wäre, d.h. zur Abwehr einer anders nicht abwendbaren konkreten, gegenwärtigen Gefährdung der körperlichen oder geistigenseelischen Entwicklung des Kindes (vgl. BVerfG, Beschluss vom 15.06.1971 – 1 BvR 192/70 – BverfGE 31, 194, juris Rn. 37; BGH, Beschluss vom 12.0.71984 – IVb 95/83 – FamRZ 1984, 1084, juris Rn. 5). Vor einem vollständigen Ausschluss des Umgangs ist aber im Rahmen der gebotenen Verhältnismäßigkeit des Eingriffs in das verfassungsrechtlich geschützte Elternrecht stets zu prüfen, ob die Gefährdung des Kindeswohls nicht durch die Anordnung begleiteten Umgangskontakte abgewendet werden kann (arg. ex § 1684 Abs. 4 Satz 3 BGB).

b) Ausgehend hiervon ist der Umgang zwischen dem Kindesvater und Q wie aus dem Tenor ersichtlich gemäß § 1684 Abs. 3 BGB zu regeln, nachdem eine Entscheidung des deutschen Gerichts zum Umgang gemäß Art. 40 Abs. 1 lit a, 41 EuEheVO in Q vollstreckbar ist und über die polnische Verbindungsrichterin geklärt worden ist, dass eine Umgangsbegleitung vor Ort am Wohnsitz der Kindesmutter in Q durchgeführt werden kann. Die Kindesmutter ist hierüber vom Senat mit Schreiben vom 10.11.2016 informiert worden. Über die Unterrichtung des Inhalts der Mitteilung der polnischen Verbindungsrichterin hinaus besteht kein Anlass zur Übersendung einer Abschrift der Mitteilung der Verbindungsrichterin in Q an die Kindesmutter.

aa) Von der Anordnung begleiteten Umgangs – mit der sich der Kindesvater einverstanden erklärt hat – kann nicht abgesehen werden, da andernfalls das Kindeswohl derzeit gefährdet wäre (§ 1684 Abs. 4 Satz 2 und 3 BGB). Die Anordnung begleiteter Umgangskontakte ist hier schon deshalb erforderlich, weil beide Kindeseltern offensichtlich nicht zu einer dem Kindeswohl entsprechenden Wiederanbahnung der nun seit rund anderthalb Jahren ausgesetzten Kontakte zwischen Vater und Kind in der Lage sind. Die Kindesmutter lehnt kategorisch Umgänge zwischen Vater und Sohn ab und hat offenbar aus dieser Motivation heraus nach Erlass der angefochtenen Entscheidung ihren Wohnsitz gemeinsam mit Q und M nach Q verlegt.

Die Anordnung begleiteten Umgangs ist hier im Übrigen deshalb erforderlich, da die seit rund anderthalb Jahren unterbrochenen Umgangskontakte wieder angebahnt werden sollen und der inzwischen rund viereinhalb Jahre alte Q seinen Vater seit dem 3. Lebensjahr nicht mehr gesehen hat (vgl. OLG Rostock, Beschluss vom 25.07.2003 – 10 UF 98/02 – FamRZ 2004, 54, juris LS 1 und Rn. 20). Es muss daher zuerst das Vertrauensverhältnis zwischen dem „fremd gewordenen“ Vater und dem Kind aufgebaut und Q auf den Umgang eingestellt werden. Nur so ist ein unbelastetes Zusammensein von Vater und Kind in der Zukunft zu gewährleisten. Überdies ist nicht auszuschließen, dass Q aufgrund der Schilderungen und der Beeinflussung der Kindesmutter eine ablehnende Haltung gegen Umgangskontakte einnehmen könnte. Der Senat hält die Begleitung der Umgänge bis zum 31.03.2018 für erforderlich. Er hegt die Erwartung, dass die Bindung zwischen Vater und Sohn sich bis dahin in einem Maß vertieft hat, dass zwischen beiden ein unbefangener Umgang stattfinden kann, der keiner Begleitung mehr bedarf. Sollte sich dies als irrig herausstellen, wären erneute Anordnungen erforderlich.

Zwischen den Kindeseltern stehen zudem körperliche und psychische Übergriffe des Kindesvaters auf Mutter und Kind während der Zeit des Zusammenlebens bis Juni 2015 im Streit. Die Feststellung, ob die Darlegungen der Kindesmutter zutreffen oder dem Bestreben geschuldet sind, das Umgangsrecht des Kindesvaters zu vereiteln, nachdem dieser sich von der Kindesmutter getrennt hat, kann nicht getroffen werden. Können hiernach einerseits die Vorwürfe gegen den Kindesvater nicht festgestellt werden, kann im Umkehrschluss nicht festgestellt werden, dass es dem Kindesvater gelingt, sich in ihn emotional belastenden Situationen zu mäßigen und zu beherrschen. Auch dies rechtfertigt es, die Umgangskontakte zu begleiten.

bb) Eine über die Anordnung der Begleitung der Umgangskontakte und die sich hieraus ergebenden Beschränkungen hinaus gehende Einschränkung des Umgangsrechtes des Kindesvaters, insbesondere den befristeten Ausschluss des Umgangs gemäß § 1684 Abs. 4 BGB, erachtet der Senat derzeit als nicht geboten. Eine konkrete, gegenwärtige Gefährdung der körperlichen oder geistigenseelischen Entwicklung des Kindes durch die angeordneten begleiteten Umgänge vermag der Senat im Gleichlauf mit dem Amtsgericht nicht zu erkennen.

(1) Übergriffe des Kindesvaters gegenüber dem Kind kann der Senat nicht feststellen. Zwar stehen zwischen den Kindeseltern körperliche und psychische Übergriffe des Kindesvaters auf Mutter und Kind während der Zeit des Zusammenlebens bis Juni 2015 im Streit. Ob die Darlegungen der Kindesmutter jedoch zutreffen oder dem Bestreben geschuldet sind, das Umgangsrecht des Kindesvaters zu vereiteln, kann nicht festgestellt werden. Von der Kindesmutter offenbar befürchtete Übergriffe werden im Übrigen durch die Begleitung der Umgangskontakte, bei denen sich die Kindeseltern nicht begegnen und das Kind begleitet wird, sicher verhindert. Vor diesem Hintergrund besteht keine Notwendigkeit eines Umgangsausschlusses.

(2) Auch die ablehnende Haltung des Kindes rechtfertigt einen Umgangsausschluss derzeit nicht. Q hat offenbar nicht aus eigener Überzeugung eine ablehnende Haltung gegenüber seinem Vater eingenommen. Für das Kind ist sein Vater durch die bereits seit Juni 2015 abgebrochenen Kontakte eine nahezu fremde Person geworden. So hat Q sich die Fotos von seinem Vater, die die Verfahrensbeiständin ihm zeigte, offen und interessiert angeschaut (Seite 2 des Berichts vom 10.05.2016, Bl. 39 d.A.). An ein Einsperren ins Bad und ein Hauen auf den Hinterkopf durch seinen Vater, wie von der Kindesmutter behauptet, hat sich Q nicht erinnert (wie zuvor). Es bestehen sonach keine negativen Erinnerungen des Kindes an seinen Vater. Gleichwohl wird dieser als „böser Mann“ bezeichnet. Es liegt somit nahe, dass die Ablehnung aus negativer Beeinflussung durch die Kindesmutter resultiert, die sich bemüht zeigt, Q den Vater als „böse“ und gewalttätig darzustellen. Gestützt wird diese Annahme durch das Intervenieren der Kindesmutter beim Gespräch der Verfahrensbeiständin mit den Kindern. Die Kindesmutter belauschte dieses Gespräch offenbar und unterbrach es – entgegen der ausdrücklichen Bitte der Verfahrensbeiständin – zweimal, und zwar zu den Zeitpunkten, als die Kinder dazu übergingen, sich unbefangener zu äußern.

Auch wenn Q offenbar aufgrund dieser Beeinflussung eine vordergründig ablehnende Haltung gegen den Kindesvater einnimmt, folgt hieraus nicht, dass Umgangskontakte mit seinem Vater konkret kindeswohlgefährdend sind. Der Senat verkennt hierbei nicht, dass die Haltung des Kindes – gleich ob sie autonom entstanden ist oder auf Beeinflussung beruht – zu einer Gefährdung des Kindeswohls bei erzwungenen Umgangskontakten führen könnte. Es handelt sich hierbei jedoch nicht um eine konkrete und gegenwärtige Gefahr, so dass es nicht gerechtfertigt ist, dem Kindesvater begleitete Umgangskontakte von vornherein nicht zu ermöglichen. Sollte Q mit der Situation bei den Umgangskontakten jedoch überfordert sein, ist auf die Belange und Bedürfnisse des Kindes Rücksicht zu nehmen, Die den Umgang begleitende Person (Kurator) ist insoweit befugt, den Umgang aus Gründen des Kindeswohls abzubrechen.

(3) Eine andere Beurteilung rechtfertigt auch das von der Kindesmutter beigebrachte psychologische Gutachten der Sachverständigen L vom 10.06.2016 (Bl. 144 ff. d.A.) nicht. Dieses ist mangels ausreichender Grundlagen nicht geeignet, eine konkrete Kindeswohlgefährdung bei Abhaltung begleiteter Umgänge zu begründen. Zum einen lässt sich bereits nicht erkennen (s. „Grundlagen des Gutachtens“), ob und in welchem Umfang die Sachverständige überhaupt mit Q persönlich gesprochen und was dieser im Einzelnen gesagt hat. Selbst wenn beide Kinder (M und Q) von der Sachverständigen befragt worden sein sollten, bezieht sich die Sachverständige in ihren Schlussfolgerungen tragend auf die Schilderungen der Kindesmutter, und zwar auch bezüglich der behaupteten Belastungen der Kinder. Mit der Frage, ob eine negative Beeinflussung der Kinder durch die Kindesmutter stattgefunden haben könnte, setzt sich die Gutachterin nicht auseinander. Unbeschadet dessen hätte es für eine fundierte Begutachtung zudem der Befragung des Kindesvaters und einer Interaktionsbeobachtung zwischen Vater und Sohn bedurft. Das Gutachten vermag hiernach keine Basis für die Annahme einer konkreten und gegenwärtigen Gefahr für das Kindeswohl zu liefern, wenn die angeordneten begleiteten Umgänge durchgeführt werden.

cc) Der Senat hält die Häufigkeit sowie die Dauer der Umgangskontakte im tenorierten Umfang für ausreichend, um Q, der seinen Vater seit anderthalb Jahren nicht mehr gesehen hat, nicht zu überfordern. Andererseits dürfte ein noch seltenerer Umgang nicht geeignet sein, die Beziehung zwischen Vater und Kind wieder anzubahnen und die Bindung zu fördern. Sollte Q mit der Dauer und Häufigkeit des Umgangs anfangs überfordert sein, ist – wie bereits ausgeführt – die den Umgang begleitende Person („court guardian“) befugt, den Umgang abzubrechen.

dd) Die den Umgang begleitende Person ist vom Gericht des Wohnsitzes der Kindesmutter zu benennen. Von einer konkreten Benennung hat der Senat vor diesem Hintergrund abgesehen. Der Wohnsitz der Kindesmutter ist hier bekannt, so dass die erforderlichen Maßnahmen eingeleitet werden können.

III.

Die Kostenentscheidung folgt aus § 81 FamFG. Der Beschwerdewert folgt aus § 45 Abs. 1 Nr. 2 FamGKG.

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