OLG Köln, Beschluss vom 25.08.2017 – 25 UF 83/17

OLG Köln, Beschluss vom 25.08.2017 – 25 UF 83/17

Tenor
1.

Der Antrag der Kindesmutter auf Bewilligung von Verfahrenskostenhilfe für das Beschwerdeverfahren wird zurückgewiesen.

2.

Die Beschwerde der Kindesmutter gegen den Beschluss des Amtsgerichts – Familiengericht – Leverkusen vom 16.05.2017 (32 F 356/15) wird auf ihre Kosten zurückgewiesen.

3.

Der Wert für das Beschwerdeverfahren wird auf 3.000,00 € festgesetzt.

Gründe
I.

Die beteiligten Kindeseltern sind die getrennt lebenden Eltern der Kinder T I, geb. am XX.XX.200X, und L M I, geb. am XX.XX.200X, die bei der zunächst alleine sorgeberechtigten Kindesmutter leben. Die Trennung der Kindeseltern erfolgte spätestens im November 20XX.

Nach der Trennung gestaltete sich der Umgang zwischen dem Kindesvater und seinen Kindern problematisch; es erfolgten zunächst Umgangskontakte unter Begleitung durch den Kinderschutzbund. Im Verfahren OLG Köln 26 UF 138/14 (AG Gummersbach 23 F 423/13) schlossen die Kindeseltern im Termin zur mündlichen Verhandlung vom 11.02.2015 eine Vereinbarung, nach welcher dem Kindesvater u.a. ein vierzehntägiges Umgangsrecht mit beiden Kindern von freitags bis sonntags zustand.

Die Umgänge gestalteten sich indes auch in der Folgezeit problematisch. Anlässlich der Übergaben der Kinder bzw. der Umsetzung der Besuchskontakte kam es zu massiven und lautstarken Auseinandersetzungen der Kindeseltern und mehreren Polizeieinsätzen. T verweigerte schließlich Umgangskontakte zu dem Kindesvater völlig; L M nahm ebenfalls eine Verweigerungshaltung ein.

Mit dem vorliegenden Verfahren hat der Kindesvater zunächst u.a. die Einräumung der gemeinsamen elterlichen Sorge beantragt.

Mit Beschluss vom 19.02.2016 (Bl. 113 d. A.) hat das Amtsgericht – nach Bestellung eines Verfahrensbeistands – Umgangspflegschaft angeordnet und Herrn B. T2. zum Umgangspfleger bestellt. Dieser führte einen Umgangstermin durch. Die Durchführung eines zweiten, auf den XX.XX.20XX anberaumten Umgangstermins scheiterte an der Verweigerungshaltung beider Kinder. Die Kindesmutter stellte T am 20.04.2016 im Klinikum M vor, da der Umgangspfleger die Kinder verbal bedroht habe. Zuvor war die Kindesmutter mit beiden Kindern bei ihrem Traumatherapeuten, Herrn W, vorstellig geworden. Das Amtsgericht hat die Umgangspflegschaft mit Beschluss vom 13.06.2016 (Bl. 182 f. d. A.) aufgehoben.

Mit weiterem Beschluss vom 13.06.2016 (Bl. 188 d. A.) hat das Amtsgericht die Einholung eines familienpsychologischen Gutachtens zu der Frage, welche Sorgerechts- und Umgangsregelung dem Wohl der Kinder am besten dient, eingeholt, und Frau Dipl.-Psych. S. M. zur Sachverständigen bestimmt. Die Sachverständige hat ihr Gutachten unter dem 31.01.2017 erstattet (Bl. 210 ff. d. A.) und unter dem 23.03.2017 schriftlich erläutert (Bl. 318 ff. d. A.).

Im Termin zur mündlichen Verhandlung vom 15.05.2017 hat das Amtsgericht die Kinder und die Beteiligten angehört. Der Kindesvater hat nunmehr die Übertragung der gesamten elterlichen Sorge auf sich zur alleinigen Ausübung beantragt; die Kindesmutter ist dem entgegengetreten.

Mit dem angefochtenen Beschluss vom 16.05.2017 hat das Amtsgericht die elterliche Sorge auf den Kindesvater zur alleinigen Ausübung übertragen. Zur Begründung hat das Amtsgericht maßgeblich ausgeführt, auch wenn beide Kinder seit Jahren im Haushalt der Kindesmutter lebten und zu dieser eine starke Bindung entwickelt hätten, entspreche es dem Wohl der Kinder am besten, das Sorgerecht auf den Kindesvater zu übertragen. Ausweislich der Ausführungen der Sachverständigen sei die Erziehungsfähigkeit der Kindesmutter aufgrund ihres zwanghaften Persönlichkeitsstils, eines kontrollierenden und überdurchschnittlich strafenden Erziehungsstils sowie einer fehlenden Bindungstoleranz eingeschränkt mit der Folge, dass die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit bei beiden Kindern langfristig behindert werde. T habe bereits gravierende Verhaltensauffälligkeiten entwickelt. Auch bei L M zeige sich im Hinblick auf die Besuchskontakte beim Kindesvater eine bedenkliche Entwicklung, nachdem die Kindesmutter nicht in der Lage sei, die Besuchskontakte zwischen Kindesvater und beiden Kindern zu fördern. Nach den Ausführungen der Sachverständigen entspreche auch die Weigerung der Kinder, ihren Vater sehen zu wollen, nicht deren Erlebniswelt, nachdem sie im direkten Kontakt mit dem Kindesvater die ablehnende Haltung aufgegeben hätten. Ein Wechsel des Haushalts sei zur Abwendung einer Kindeswohlgefährdung notwendig. Wegen der weiteren Einzelheiten wird auf den Beschluss vom 16.05.2017 (Bl. 345 ff. d. A.) Bezug genommen.

Gegen diese Entscheidung wendet sich die Kindesmutter mit ihrer am 25.05.2017 bei dem Amtsgericht eingegangenen Beschwerde vom gleichen Tag, mit der sie die (Wieder-)Einräumung ihres alleinigen Sorgerechts in vollem Umfangs begehrt.

Zur Begründung ihrer Beschwerde führt die Kindesmutter maßgeblich aus, entgegen der Ausführungen der Sachverständigen sei der Kindesvater erziehungsunfähig. Dies zeige sich schon daran, dass er entgegen des Hinweises des Jugendamts im Termin vom 15.05.2017, ein Aufenthaltswechsel solle behutsam angegangen werden, eine sofortige Überführung der Kinder in seinen Haushalt verlangt habe. Im Übrigen untermauere die eingereichte Expertise des Herrn Dr. I H vom 05.06.2017 (Bl. 393 ff. d. A.) die bereits vor dem Amtsgericht vorgetragene Parteilichkeit der Sachverständigen.

Der Kindesvater verteidigt die angefochtene Entscheidung.

Der Senat hat neue Stellungnahmen des Jugendamtes und des Verfahrensbeistands eingeholt. Wegen des Berichtes des Verfahrensbeistands wird auf die Stellungnahme vom 10.07.2017 (Bl. 435 ff. d.A.), wegen desjenigen des Jugendamtes auf die Stellungnahme vom 20.06.2017 (Bl. 420 d. A.) verwiesen.

Wegen aller weiteren Einzelheiten des jeweiligen Vorbringens in der Beschwerdeinstanz wird auf die zu den Akten gereichten Schriftsätze der Beteiligten verwiesen.

II.

Die gemäß §§ 58 ff. FamFG zulässige Beschwerde der Kindesmutter hat in der Sache keinen Erfolg.

1.

Das Amtsgericht hat zu Recht und mit zutreffender Begründung die elterliche Sorge dem Kindesvater zur alleinigen Ausübung übertragen. Der Senat nimmt insoweit zunächst Bezug auf die ausführlichen Erwägungen der amtsgerichtlichen Entscheidung. Die aus rechtlich zutreffenden Maßstäben abgeleitete und sorgfältig begründete Entscheidung des Familiengerichts ist im Ergebnis unter keinem Gesichtspunkt zu beanstanden.

Gemäß § 1671 Abs. 2 S. 2 Nr. 2 BGB ist dem Kindesvater, wenn – wie vorliegend – alleinige elterliche Sorge der Kindesmutter nach § 1626a Abs. 3 BGB besteht, auf seinen Antrag auch ohne Zustimmung der Kindesmutter die elterliche Sorge oder ein Teilbereich hiervon zu übertragen, wenn eine gemeinsame elterliche Sorge nicht in Betracht kommt und die Übertragung dem Kindeswohl am besten entspricht.

a)

Im Gleichlauf mit dem Amtsgericht erkennt der Senat keine tragfähige Grundlage für die Übertragung der gemeinsamen elterlichen Sorge. Wie bereits das Familiengericht ausgeführt hat, mangelt es an einer tragfähigen sozialen Beziehung sowie hinreichender Kooperationsbereitschaft und -fähigkeit der Eltern. Die Annahme, dass zwischen diesen kein Mindestmaß an Übereinstimmung besteht, hat sich im Beschwerdeverfahren dadurch manifestiert, dass der Kindesvater die Kindesmutter nach ihren Angaben nach Erlass des erstinstanzlichen Beschlusses wegen Kindesentführung angezeigt hat, die Eltern im Übrigen erst nach Einschaltung ihrer Verfahrensbevollmächtigten und Kontaktaufnahme mit dem Senat zu einer Regelung hinsichtlich des Urlaubs der Kindesmutter mit beiden Kindern in den Sommerferien 2017 gefunden haben.

b)

Der Senat folgt der Auffassung des Amtsgerichts, dass die Übertragung der elterlichen Sorge auf den Kindesvater zur alleinigen Ausübung dem Kindeswohl am besten entspricht. Die Beschwerde zeigt keine Gesichtspunkte auf, die eine andere Entscheidung ernsthaft nahelegen könnten.

aa)

Im Gleichlauf mit dem Amtsgericht ist der Senat der Auffassung, dass die für eine gedeihliche Entwicklung beider Kinder erforderliche Bindungstoleranz bei der Kindesmutter zumindest erheblich eingeschränkt ist, wenn nicht sogar ganz fehlt. Für diese Schlussfolgerung des Amtsgerichts und des Senats bedarf und bedurfte es nicht der Würdigung durch die Sachverständige M, auch wenn sich die hiesige Beurteilung mit derjenigen der Sachverständigen deckt:

Sowohl der zunächst eingesetzte Umgangspfleger als auch die Sachverständige konnten zunächst jeweils einen (Umgangs-)Termin mit dem Kindesvater und beiden Kindern durchführen, der nach dem jeweiligen Bericht erfreulich bzw. ohne Probleme oder sonstige Zwischenfälle verlaufen ist. Nach dem Bericht des Umgangspflegers vom 25.04.2016 (Bl. 137 ff. d. A.) liefen beide Kinder anlässlich des ersten Umgangstermins sofort auf den Kindesvater zu; es habe eine gelöste Stimmung geherrscht, die Kinder hätten sogar gefragt, ob und wie weitere längere Termine, sowie Termine mit Übernachtung in H stattfinden könnten. Zu keinem Zeitpunkt habe eines der Kinder den Wunsch geäußert, den Kontakt abzubrechen oder zu beenden. Die Durchführung eines zweiten Umgangstermins scheiterte indes an der völligen Verweigerung beider Kinder.

Auch die Sachverständige berichtete von einer unproblematischen ersten Interaktion, die Kindeswohl förderlich verlaufen sei, wohingegen ein zweites Zusammentreffen aufgrund der Weigerung der Kinder auch nach entsprechenden Bemühungen der Sachverständigen nicht erfolgen konnte.

Dieses wiederholte Schema ist nicht anders als durch eine bewusste oder auch nur unbewusste Einflussnahme der Kindesmutter zu erklären.

Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass beide Kinder weder gegenüber dem Verfahrensbeistand noch dem Gericht eine konsequente und nachvollziehbare Begründung ihrer Weigerung, den Kindesvater zu sehen, benannt haben. Die angeführten Gründe sind nicht konstant und betreffen z.T. Vorfälle, an die die Kinder angesichts des Alters keine Erinnerung haben können (so z. B. die Angabe T, sie sei als Baby, mit 0 Jahren, von ihrem Vater geschlagen worden).

Im Übrigen hat bereits das Amtsgericht darauf hingewiesen, dass die Kindesmutter, solange die Kinder ihren Lebensmittelpunkt bei ihr hatten, in der Pflicht gestanden hat, die Kinder dazu zu bewegen, Umgang mit ihrem Vater haben zu wollen, und sie insofern stetig und anhaltend positiv zu bestärken. Dem ist sie weder hinsichtlich des regelmäßigen, noch hinsichtlich des Ferienumgangs nachgekommen. Im November 2015 hat sie vielmehr einen weiteren Umgang unter Berufung darauf untersagt, L M spiele bei dem Kindesvater „H1“, ohne zuvor ein klärendes Gespräch mit dem Kindesvater geführt zu haben. Nach dem Bericht des Verfahrensbeistands vom 17.02.2016 (Bl. 99 ff. d. A.) hat die Kindesmutter ihm berichtet, M sei von einem Umgangswochenende nach Hause gekommen und habe stolz erzählt, der Papa wolle ihn beschneiden. Man habe sich danach gemeinsam damit auseinandergesetzt und dem Kind erklärt, was dies bedeutet. Danach habe sich bei M eine große Angst aufgebaut, so dass sie, die Kindesmutter, den Kindergarten angewiesen habe, M dem Kindesvater für den vereinbarten Ferienumgang nicht herauszugeben. Die Kindesmutter hatte diesbezüglich die Pflicht, L M kindgemäß zu beruhigen und ihn z.B. darauf hinzuweisen, dass der Kindesvater derartige Entscheidungen gar nicht (alleine) treffen könne.

Die eingeschränkte bzw. fehlende Bindungstoleranz der Kindesmutter wird weiter untermauert durch den Umstand, dass sie nicht nur den Kontakt zum Kindesvater nicht fördert, sondern den Kontakt der Kinder zur gesamten Familie des Kindesvaters abgebrochen hat mit der Folge, dass die Kinder auch weitere bedeutsame Bezugspersonen verloren haben.

bb)

Darüber hinaus liegt bei der Kindesmutter nach dem Gutachten der Sachverständigen Dipl.-Psych. S M vom 31.01.2017 ein zwanghafter Persönlichkeitsstil vor, der eine (latente) Kindeswohlgefährdung darstellt, und der u.a. eine Förderung von Umgangskontakten durch die Kindesmutter behindert, da ein Aufenthalt der Kinder bei ihrem Vater dem Kontrollbedürfnis widerspricht.

Ausweislich der Ausführungen der Sachverständigen haben sich bei T aufgrund der familiären Krise und des Erziehungsstils der Kindesmutter auch bereits gravierende Verhaltensauffälligkeiten entwickelt, z.B. eine Verdrängungs- und Vermeidungsreaktion, Schulschwierigkeiten, eine eingeschränkte Problemlösungskompetenz, Konflikte mit Gleichaltrigen sowie Loyalitätskonflikte in Bezug auf die Kindeseltern. T benötige dringend eine Psychotherapie, um wieder ihren Entwicklungsaufgaben nachkommen zu können. Nach der Mitteilung der Therapeutin T2 war die Kindesmutter indes nicht in der Lage, T dort durchgeführte Therapie emotional zu unterstützen. Die Kindesmutter hat die Therapie zwischenzeitlich abgebrochen. Soweit die Kindesmutter ausführt, die Therapeutin habe „von sich aus plötzlich aufgehört“, ist dies ohne weitere Erklärung nicht nachvollziehbar. Auch bei M zeigt sich nach den Ausführungen der Sachverständigen in Bezug auf die Besuchskontakte mit dem Vater bereits eine bedenkliche Entwicklung.

cc)

Der Senat erkennt – auf der Grundlage des Sachverständigengutachtens, der Berichte des Jugendamtes und des Verfahrensbeistands – keine Erziehungsdefizite des Kindesvaters, die gegen eine Übertragung der elterlichen Sorge auf ihn sprechen. Seine Bindungstoleranz hat er zuletzt dadurch dokumentiert, dass er den Kindern mit der Kindesmutter und deren Eltern auch angesichts des angefochtenen Beschlusses die erst kurzfristig mitgeteilte Reise nach H3 in der Zeit vom XX. bis XX.XX.20XX ermöglicht hat.

Soweit die Kindesmutter anführt, der Kindesvater habe sich kindeswohlschädigend verhalten, weil er entgegen des Hinweises des Jugendamtes, es sei eine behutsame Übergabe der Kinder durchzuführen, eine sofortige Übergabe verlangt habe, verfängt dies nicht. Weder die Sachverständige noch der Verfahrensbeistand sehen die Notwendigkeit einer solchen „behutsamen“ Übergabe, ggf. unter Begleitung des ambulanten Dienstes. Im Gegenteil: Der Verfahrensbeistand spricht sich dafür aus, dass die Kinder sofort und zügig aus dem für sie hoch emotional belastenden Umfeld herausgenommen werden. Dem schließt sich der Senat – insbesondere im Hinblick auf das in wenigen Tagen beginnende neue Schuljahr – an.

dd)

Der Senat teilt weder die in der Stellungnahme des Dr. I H vom 05.06.2017 (Bl. 393 ff. d. A.) mitgeteilten Bedenken der Kindesmutter gegen die Unparteilichkeit der Sachverständigen, gegen welche kein Ablehnungsantrag gestellt worden ist, bzw. noch die Einwände gegen die Verwertbarkeit des Gutachtens.

Soweit Herr Dr. H, der keine eigene Exploration vorgenommen hat, formelle Umstände rügt (die Ableitung bzw. Begründung leitender Untersuchungsfragen sei nur sehr knapp erfolgt, das Erstgespräch mit dem Vater habe länger gedauert als dasjenige mit der Mutter, das ausführliche Gespräch mit Nachbarn, die Sachverständige habe bei der Interaktionsbeobachtung überfordert gewirkt, die Vielzahl der Befragungen dritter Personen sei auffällig etc.), ist nicht erkennbar, dass eine Parteinahme für den Kindesvater vorliegen könnte bzw. die von der Sachverständigen getroffenen Feststellungen mangelhaft sind.

Die Positionierung der Sachverständigen bei der Beantwortung der Beweisfrage (Seite 70 des Gutachtens) ohne weitere Abwägung von Alternativen resultiert aus den getroffenen Feststellungen u.a. zur Erziehungsfähigkeit der Kindeseltern und der Entwicklung der Kinder. Im Übrigen geht auch die Kindesmutter davon aus, dass das Verhältnis der Kindeseltern, wie von der Sachverständigen zugrunde gelegt, hochstrittig ist. Insofern bedarf es nach Ansicht des Senats keiner weiteren Antizipation aktueller Literatur zu diesem Thema.

Soweit Herr Dr. H die Bearbeitung der von der Sachverständigen gewählten Fragestellungen (Seite 58 ff. des Gutachtens) als unsystematisch und kritikwürdig rügt, erfolgte die Fragestellung nebst Beantwortung zwecks Beantwortung der (juristischen) Fragestellung des Beweisbeschlusses. Es ist nicht erkennbar, dass die Bearbeitung oder die Beantwortung auf der Basis ersichtlich unzutreffender Grundlagen beruht, auch wenn die Ergebnisse nicht mit der (subjektiven) Sicht bzw. der Auffassung der Kindesmutter übereinstimmen mögen. Sofern die Sachverständige nicht an die Sichtweise der Kindesmutter anknüpft, beruht dies auf ihrer (psychologischen) Bewertung, ohne dass Anhaltspunkte für eine mangelnde Objektivität vorliegen.

Gleiches gilt für die Bewertung der Konfliktsituationen der Eltern, hinsichtlich derer Dr. H lediglich anführt, eine andere Bewertung sei möglich. Die Aussagen zur Persönlichkeit des Kindesvaters hat die Sachverständige auf der Grundlage der Testpsychologischen Ergebnisse (Tabellen 6 bis 8, Seite 24 f. des Gutachtens) getroffen. Dass und inwieweit diese (aufgrund von Vorhaltungen von mütterlicher Seite) unzutreffend sein sollten, ist nicht erläutert. Die Sachverständige hat ihrer Begutachtung im Übrigen auch die Aussagen der Kindesmutter, ihres Therapeuten und ihrer Eltern, mit denen sie jeweils Gespräche geführt hat, zugrunde gelegt.

Im Übrigen ist nicht ersichtlich, inwieweit sich ohne eigene Exploration die Feststellungen der Sachverständigen im Hinblick auf den Kindesvater „aufgrund des interkulturellen Hintergrundes der Familie durchaus prüfenswerte Hypothesen zur Erziehungshaltung und insbesondere zum geschlechtsspezifischen Rollenverhalten ableiten lassen“ sollten.

Auch rechtfertigt alleine die von Herrn Dr. H angeführte Möglichkeit anderer (psychologischen) Beurteilungen („Bereits in den Vorjahren sind Belastungen aufgrund des schwierigen Verhältnisses der Eltern u.v.A. denkbar – auch charakterliche Dispositionen von T sind nicht auszuschließen“; „ist der Wille von T als authentisch einzuschätzen“) nicht den Schluss, die Bewertung der Sachverständigen entbehre einer hinreichenden Grundlage. Die Feststellungen zum (kontrollierenden) Erziehungsverhalten der Kindesmutter resultieren im Übrigen nicht lediglich auf der Basis der Interaktionsbeobachtung, sondern (auch) auf der weiteren Exploration T (Seite 67 des Gutachtens). Im Übrigen hat die Sachverständige bereits in ihrer ergänzenden Stellungnahme vom 23.03.2017 (Bl. 318 ff. d. A.) ihre Einschätzung in Bezug auf ein überkontrollierendes Erziehungsverhalten der Kindesmutter unter Bezugnahme auf drei mit unterschiedlichen Erhebungsmethoden erfasste Ergebnisse erläutert. In dieser Stellungnahme hat sie auch darauf hingewiesen, dass eine (strafrechtliche) Bezeichnung bzw. Bewertung des Vorfalls vom 31.10.2013 für die familienpsychologische Begutachtung irrelevant ist. Einer weiteren Aufklärung dieses Vorfalls bedurfte es daher nicht.

Soweit Dr. H im Folgenden bemängelt, die rechtlichen Grundlagen würden im Gutachten nicht angeführt, es sei im Übrigen zweifelhaft, dass eine Übertragung des Sorgerechts auf den Vater dem Wohl der Kinder am besten entspreche, obliegt die rechtliche Bewertung dem Gericht, nicht der Sachverständigen.

ee)

Schließlich kann auch der Kindeswille keine abweichende Beurteilung rechtfertigen. Der Senat folgt der Einschätzung der Sachverständigen und des Verfahrensbeistands, nach welcher der geäußerte, den Kindesvater ablehnende Wille der Kinder nicht ihrer Erlebniswelt zuzuordnen ist mit der Folge, dass er nicht der entscheidende Maßstab für die gerichtliche Entscheidung sein kann:

Wie sich aus der Interaktionsbeobachtung der Sachverständigen zwischen Kindesvater und beiden Kindern und auch dem Bericht des Umgangspflegers T hinsichtlich des ersten durchgeführten Umgangskontakts ergibt, haben beide Kinder ihre ablehnende Haltung im direkten Kontakt mit dem Kindesvater Abstand genommen bzw. diese aufgegeben. Dies ist mit einem auf der Erlebniswelt der Kinder beruhenden Kindeswillen nicht in Einklang zu bringen.

ff)

Der Senat verkennt – ebenso wie das Amtsgericht – bei seiner Entscheidung nicht, dass sich beide Kinder durch einen Wechsel des Haushalts an eine neue Umgebung, eine neue Schule und insgesamt um ein neues soziales Umfeld gewöhnen müssen. Angesichts der Erziehungsdefizite der Kindesmutter und des Umstands, dass sich zumindest bei T bereits gravierende Verhaltensauffälligkeiten entwickelt haben, ist ein Wechsel indes zur Abwendung einer (weiteren) Kindeswohlgefährdung notwendig. Der Senat unterstellt dabei, dass beide Kindeseltern den Kindern in dieser schwierigen Situation ruhig und unterstützend zur Seite stehen und der Kindesvater der Kindesmutter nach erfolgtem Wechsel das ihr zustehende Recht auf Umgang mit beiden Kindern ermöglichen wird.

2.

Der Senat entscheidet gemäß § 68 Abs. 3 S. 2 FamFG ohne mündliche Verhandlung, weil diese bereits im ersten Rechtszug – zuletzt am 15.05.2017 – vorgenommen wurde und von einer erneuten Anhörung der Beteiligten keine zusätzlichen Erkenntnisse zu erwarten sind (vgl. hierzu auch BGH, Beschluss vom 12.07.2017, XII ZB 350/16 – juris). Hinreichende Anhaltspunkte zur Persönlichkeit der Kindeseltern lassen sich dem Gutachten vom 31.01.2017 entnehmen.

Auch sieht der Senat von einer (erneuten) Anhörung der Kinder ab, die erstinstanzlich vom Verfahrensbeistand und der Sachverständigen befragt und von dem Amtsgericht noch am 15.05.2017 angehört worden sind. Der Senat hat bei seiner Entscheidung berücksichtigt, dass beide Kinder angegeben haben, ihren Vater nicht sehen zu wollen, diesen Willen aber als nicht entscheidungserheblich beurteilt.

III.

Nach den obigen Ausführungen hatte auch der Antrag der Kindesmutter auf Bewilligung von Verfahrenskostenhilfe für das Beschwerdeverfahren keinen Erfolg.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 84 FamFG, die Festsetzung des Verfahrenswertes auf § 45 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 2 FamGKG.

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