OLG Frankfurt am Main, 23.10.2018 – 1 UF 177/18

OLG Frankfurt am Main, 23.10.2018 – 1 UF 177/18
Tenor:

Die Beschwerde der Antragsgegnerin und Beschwerdeführerin gegen den Beschluss des Amtsgerichts Frankfurt am Main -Familiengericht – vom 14.09.2018 wird zurückgewiesen.

Die Kosten des Beschwerdeverfahrens hat die Beschwerdeführerin zu tragen.

Der Beschwerdewert wird auf 5.000,- EUR festgesetzt.
Gründe

I.

Aus der nichtehelichen Beziehung der Beteiligten ging das Kind Vorname1 Nachname1, geb. am XX.XX.2014, der auch unter dem Namen Vorname1 Nachname2 geführt wird, hervor.

Die weitere Beteiligte zu 1. und Mutter des Kindes besitzt die deutsche, der weitere Beteiligte zu 2. und Vater des Kindes die britische Staatsangehörigkeit. Das Kind ist Angehöriger beider Staaten.

Zum Zeitpunkt der Geburt lebte die Familie in Stadt1/China, wo der weitere Beteiligte zu 2. einer Erwerbstätigkeit nachging. Dem Vater wurde aufgrund dieser eine Aufenthaltserlaubnis erteilt, die Mutter verfügt über ein Touristenvisum, das ihr einen Aufenthalt von maximal 90 Tagen ermöglicht. Nach der Geburt des gemeinsamen Kindes reiste die Mutter wiederholt, zunächst allein nach Deutschland. Im Sommer 2016 sowie zeitweise im Jahr 2017 hielt sie sich gemeinsam mit Vorname1 in Deutschland auf.

Am XX.XX.2016 drohte die Mutter gegenüber dem Vater, sich und Vorname1 töten zu wollen. Sie wurde in der Folge in polizeilichen Gewahrsam genommen, gestand die Drohung ein und wurde strafrechtlich verurteilt.

Das Kind besuchte seit Oktober 2017 den A Kindergarten in Stadt1. Im Herbst des gleichen Jahres kam es zwischen den Eltern zur Trennung. Der Vater verblieb in der gemeinschaftlichen Wohnung, die Mutter verzog in eine andere Mietwohnung in Stadt1.

Durch Beschluss vom 06.10.2017 wurde dem Vater durch das Bezirksgericht von Stadt1 Sonderverwaltungsbezirk, Familiengericht, vorläufig und ohne Anhörung der Mutter das Sorgerecht, die Obhut und Betreuung für Vorname1 übertragen. Der Mutter wurde Umgang unter Aufsicht des Jugendamts gewährt und ihr untersagt, dass Kind aus Stadt1 zu verbringen oder aus der Obhut des Vaters zu entfernen. Zugleich wurde der Mutter aufgegeben, sich dem Wohnsitz und dem Arbeitsplatz des Vaters sowie dem Kindergarten Vorname1s nicht auf weniger als 250m zu nähern. Durch weiteren Beschluss vom 18.10.2017 wurde nach Anhörung der Mutter und des Vaters, die beide anwaltlich vertreten waren, angeordnet, dass dem Vater sämtliche Rechte und Befugnisse, die ihm kraft Gesetzes als Vater von Vorname1 verliehen werden, zustehen. Der Mutter wurde weiterhin lediglich begleiteter Umgang gewährt. Zugleich wurden vermögensrechtliche Folgen der Trennung behandelt.

Das Arbeitsverhältnis des Vaters in Stadt1 endete im Mai 2018.

Die Beteiligten schlossen am 28.06.2018 vor dem Bezirksgericht von Stadt1 – Familiengericht- eine Vereinbarung, in der sie einleitend ausführten, im Vorfeld der Verhandlung anwaltlich beraten worden zu sein und eine Mediation unter Leitung von Frau B durchgeführt zu haben. Sie führten aus, dass die Vereinbarung ohne Härte, Zwang und unzulässigem Einfluss abgeschlossen wird. Inhaltlich bekräftigten sie, dass der gewöhnliche Aufenthalt von Vorname1 i.S.d. Haager Übereinkommens über die zivilrechtlichen Aspekte internationaler Kindesentführung vom 25.10.1980 in Stadt1 belegen sei. Ferner kamen sie überein, dass Vorname1 auch zukünftig in Stadt1 leben soll und eine Veränderung dieser Planung nur aufgrund einer gemeinsamen Entscheidung der Beteiligten im Rahmen einer Mediation verändert werden könne. Auch kamen sie überein, dass es der Mutter vom 08.07.2018 bis 12.08.2018 erlaubt sei, gemeinsam mit Vorname1 Urlaub in Deutschland zu machen. Vom 29.07.2018 bis 05.08.2018 sollte dem Vater Gelegenheit gegeben werden, gemeinsam mit Vorname1 Zeit in Deutschland zu verbringen. Schließlich erzielten sie Einvernehmen, dass sie die elterliche Sorge gemeinsam ausüben wollen und ein Wechselmodell praktiziert werden soll. Da sich die Ausreise der Mutter aus China verzögerte, kamen die Beteiligten nachfolgend überein, dass der Urlaub der Mutter in Deutschland vom 12.07.2018 bis 16.08.2018 andauern solle.

In Deutschland teilte die Mutter dem Vater mit, nicht nach Stadt1 zurückkehren zu wollen. Der Vater widerspricht dem dauerhaften Aufenthalt Vorname1s in Deutschland. Entgegen der in Stadt1 geschlossenen Vereinbarung wurde ihm in Deutschland lediglich vom 04.08.2018 bis 05.08.2018 Kontakt zu Vorname1 gewährt.

In der ersten Hälfte des Septembers 2018 besuchte Vorname1 den Kindergarten C in Stadt2.

Der Vater hat erstinstanzlich insbesondere beantragt,

dass die Herausgabe des Kindes Vorname1 Nachname1, auch als Vorname1 Nachname2 geführt, geb. am XX.XX.2014, an den Antragsteller zum Zwecke der sofortigen Rückführung des Kindes nach Stadt1 angeordnet wird.

Die Antragsgegnerin oder jede andere Person, bei der sich das Kind aufhält, ist verpflichtet, das Kind Vorname1 Nachname1, auch als Vorname1 Vorname2 geführt, geb. am XX.XX.2014, an den Antragsteller oder eine von ihm bestimmte Person herauszugeben.

Die Mutter hat beantragt,

den Antrag zurückzuweisen.

Erstinstanzlich stand zwischen den Beteiligten weder der gewöhnliche Aufenthalt Vorname1s im Streit noch, dass der Vater die elterliche Sorge tatsächlich ausübte und die weiteren tatbestandlichen Voraussetzungen einer Rückführungsanordnung vorliegen.

Die Mutter wandte gegen eine Rückführung jedoch ein, dass die Rückgabe mit einer schwerwiegenden Gefahr eines körperlichen und seelischen Schadens für das Kind verbunden sei. Sie verwies darauf, dass sie sich lediglich für Zeiträume von jeweils 90 Tagen in Stadt1 aufhalten darf und damit eine Trennung des Kindes von ihr als Hauptbezugsperson drohe. Zudem habe der Vater aufgrund seiner Arbeitslosigkeit in Stadt1 keine dauerhafte Perspektive und schließlich steht zu erwarten, dass er in China ein neues sorgerechtliches Verfahren einleite.

Das Amtsgericht Frankfurt -Familiengericht- hat durch Beschluss vom 14.09.2018, welche der erstinstanzlichen Bevollmächtigten der Antragsgegnerin am zugestellt worden ist, die Rückführung des Kindes nach Stadt1/China angeordnet. Es geht davon aus, dass der Antrag auf Herausgabe und Rückführung des Kindes nach Stadt1 gem. Art.12 Abs.1, 3 HKÜ begründet ist und ihr nicht die Ausnahmevorschrift des Art. 13 Abs.1 b. HKÜ entgegenstehe. Der Vater habe durch Vorlage eines bis zum 03.11.2019 geltenden Aufenthaltstitels nachgewiesen, nicht zur unverzüglichen Ausreise gezwungen zu sein und dort weiterhin leben zu können. Es sei der gesetzlichen Wertung des HKÜ immanent, dass ein Elternteil im Herkunftsstaat den Gerichtsweg beschreiten könne.

Gegen diese Entscheidung wendet sich die Mutter mit ihrer am 28.09.2016 beim Amtsgericht eingegangenen Beschwerde, in der sie auf ihre erstinstanzlichen Ausführungen Bezug nimmt. Sie behauptet nunmehr, Vorname1s gewöhnlicher Aufenthalt sei in Deutschland belegen gewesen und der Vater habe die elterliche Sorge tatsächlich nicht ausgeübt. Darüber hinaus teilte sie mit, dass bei Vorname1 ein sexualisiertes Verhalten festzustellen sei. Sie legte dem Jugendamt verschiedene Videos vor, auf denen das Kind liegend mit dem Becken wippende Bewegungen mache und sich selbst befriedige. Ferner teilte sie mit, das Kind habe geäußert, dass der Vater das bei ihm gemacht hätte. Zudem verweist sie wiederholt darauf, dass das Kind nicht von ihr als Hauptbezugsperson getrennt werden könne. Schließlich teilt sie mit, dass der Vater ihr gegenüber während der Beziehung körperlich übergriffig geworden sei. Sie vertritt weiterhin die Ansicht, der Rückführung des Kindes stehe Art. 13 Abs.1 lit. b. HKÜ entgegen.

Der Beschwerdegegner verteidigt die erstinstanzliche Entscheidung. Er behauptet, jedenfalls bis November 2018 über eine Aufenthaltserlaubnis in Stadt1 zu verfügen und voraussichtlich ab Ende des Jahres eine neue Arbeitsstelle anzutreten. Der Mutter sei es möglich, das ihren Aufenthalt in Stadt1 ermöglichende Touristenvisum durch eine Fahrt nach Stadt3, die etwa 45min. in Anspruch nehme, zu verlängern. Darüber hinaus böten sich der Mutter weitere rechtliche Möglichkeiten, ihren zulässigen Aufenthalt in China zu verlängern.

Der Senat hat mit Schreiben vom 15.10.2018 darauf hingewiesen, dass er nicht beabsichtigt, weitere Verfahrensschritte im Beschwerdeverfahren vorzunehmen.

II.

Die Beschwerde der Beschwerdeführerin ist zulässig gemäß § 40 Abs. 2 IntFamRVG i.V.m. § 58 ff. FamFG. Sie bleibt aber in der Sache ohne Erfolg.

1. Das Amtsgericht hat seine Zuständigkeit zutreffend bejaht gemäß §§ 11,12 IntFamRVG. Das Haager Übereinkommen über die zivilrechtlichen Aspekte internationaler Kindesentführung vom 25.10.1980 (nachfolgend HKÜ genannt) gilt sowohl für China wie auch für Deutschland.

2. Die Entscheidung des Amtsgerichts ist nicht zu beanstanden. Sie wurde verfahrensfehlerfrei nach Bestellung eines Verfahrensbeistandes gemäß § 14 Ziff. 2 i.V.m. § 11 IntFamRVG, § 158 FamFG und nach persönlicher Anhörung der Eltern gemäß § 14 Nr. 2 i.V.m. § 11 IntFamRVG, § 160 FamFG getroffen und ausführlich begründet. Von der Anhörung Vorname1s wurde gem. §§ 14 Nr. 2, 11 IntFamRVG, § 159 Abs. 2 FamFG mit Blick auf sein Alter zu Recht abgesehen. Das Amtsgericht hat zutreffend angenommen, dass die Voraussetzungen einer Rückführungsanordnung gemäß Art. 12, 3 HKÜ anzunehmen sind.

a) Dies gilt zum einen für das Tatbestandsmerkmal des gewöhnlichen Aufenthalts vor dem Zurückhalten (Art. 3 S. 1 lit. a, 4 S.1 HKÜ). Vorname1 hatte, bevor er in Deutschland zurückgehalten wurde, seinen gewöhnlichen Aufenthalt in Stadt1/China. Dabei richtet sich der gewöhnliche Aufenthalt nach dem tatsächlichen Lebensmittelpunkt des Kindes, dem Daseinsschwerpunkt, dem Ort, wo das Kind sozial und familiär integriert ist (Staudinger/Pirrung, (2009) Vorbem C 1 zu Art. 19 EGBGB, Art. 4 HKÜ Rn. D 34; Heilmann/Schweppe, Praxiskommentar Kindschaftsrecht, Köln 2015, Art. 3 HKÜ Rn. 3; KG Berlin, 16 UF 122/13, zitiert nach Juris Rn. 24; OLG Frankfurt am Main, FamRZ 2006, 883, zitiert nach Juris, Rn. 15 ff.) und wo es z.B. in den Kindergarten geht. Nach diesen Maßstäben lag hier sein gewöhnlicher Aufenthalt in Stadt1. Eine abweichende Beurteilung ergibt sich nicht aus dem Umstand, dass die Mutter sich im Sommer 2016 und 2017 mehrere Wochen in Deutschland aufhielt. Bereits in zeitlicher Hinsicht sind diese Aufenthalte ungeeignet, den gewöhnlichen Aufenthalt in Stadt1 in Frage zu stellen. Zudem erfolgte in Deutschland auch keine vergleichbare soziale Integration, wie in China. Vorname1 besucht in Stadt1 seit Oktober 2017 den A Kindergarten und unterhält Freundschaften zu anderen Kindern. In Deutschland wurde er zwar im … Kindergarten C angemeldet, besuchte diesen ausweislich der Bestätigung der Einrichtung aber lediglich wenige Tage im September 2018. Die tatsächlichen Verhältnisse bezüglich des gewöhnlichen Aufenthalts haben die Beteiligten am 28.06.2018 vor dem Bezirksgericht von Stadt1 -Familiengericht- im Übrigen bekräftigt. Zugleich haben sie ausgeführt, dass der Lebensmittelpunkt von Vorname1 auch zukünftig in Stadt1 belegen sein soll.

Die zwischen den Eltern vor dem chinesischen Gericht geschlossene Vereinbarung ist auch nicht deshalb in Zweifel zu ziehen, weil die Erklärungen nur unter Druck zustande gekommen wären. Die Mutter verwies darauf, bei Abschluss der Vereinbarung von der Angst geleitet gewesen zu sein, ihren Sohn nicht mehr sehen zu können. Vor diesem Hintergrund könnten ihre Aussagen nicht ernst genommen werden, ihre Ausführungen zur elterlichen Sorge seien bedeutungslos. Dem steht bereits entgegen, dass die Interessen der Mutter unstreitig jedenfalls seit Oktober 2017 durch eine anwaltliche Vertretung gewahrt und in einem vor dem vorbezeichneten Gericht geführten Verfahren vertreten wurden. Darüber hinaus haben die Beteiligten gemeinsam eine Mediation bei Frau B durchgeführt, die in den Abschluss der Vereinbarung vom 28.06.2018 mündete. Die umfassende Beratung der Eltern wurde im Rahmen der Vereinbarung ausdrücklich hervorgehoben. Letztlich ist auch nicht erkennbar, dass zum Zeitpunkt des Vergleichsschlusses eine verfahrensrechtlich ausweglose Lage für die Mutter bestanden hätte, die zur begründeten Furcht geführt haben könnte, sie würde ihren Sohn dauerhaft verlieren. Vielmehr sprach sich das Jugendamt in einem ausführlichen Sozialbericht dafür aus, dass das Kind in dem Haushalt der Mutter seinen Lebensmittelpunkt nimmt und mit dieser nach Deutschland verzieht. In welchen Ausgleich das chinesische Gericht diese fachliche Einschätzung mit dem Ergebnis des von ihm eingeholten Sachverständigengutachtens, das sich für einen Verbleib des Kindes beim Vater aussprach, bringt, war zu dieser Zeit nicht endgültig abzusehen.

b) Auch das weitere Tatbestandsmerkmal des Art. 3 S. 1 lit. a HKÜ, nämlich dass durch das Zurückhalten das Sorgerecht des zurückbleibenden Elternteils verletzt wird, ist vorliegend erfüllt. Die Mutter beeinträchtigt das Sorgerecht des Vaters, indem sie Vorname1 widerrechtlich zurückhält. Sie hat mit ihm kein Einvernehmen darüber erzielt, dass der gemeinsame Sohn in Deutschland verbleibt. Ein widerrechtliches Zurückhalten liegt vor, wenn das Kind zunächst mit Billigung des sorge berechtigten Elternteils in einen anderen Vertragsstaat gebracht und nach Ablauf der festgelegten Besuchsfrist nicht herausgegeben wird (vgl. Heilmann/Schweppe, Praxiskommentar Kindschaftsrecht, Köln 2015, Art. 3 HKÜ Rn.2). Die Frage, ob und inwiefern der Aufenthalt des Kindes nur aufgrund einer einvernehmlichen Entscheidung der Eltern bzw. einer Gerichtsentscheidung verändert werden darf, unterliegt nach Art. 3 S.1 lit. a HKÜ dem Recht des Staates, in dem das Kind unmittelbar vor dem Verbringen oder Zurückhalten seinen gewöhnlichen Aufenthalt hatte, hier also dem Recht Chinas. Die Norm nimmt die gesamte Rechtsordnung, einschließlich des Kollisionsrechts in Bezug (Staudinger/Henrich, BGB, Neubearbeitung 2018, Art. 3 HKÜ, Rn. E 27 m.w.N.). Nach § 21 des chinesischen Zivilprozessgesetzes vom 09.04.1991 i.d.F. v. 31.08.2012 ist das Gericht des Wohnorts der Beteiligten für eine sorgerechtliche Entscheidung örtlich zuständig. Gem. § 25 des Gesetzes der Volksrepublik China zur Anwendung des Rechts auf zivilrechtliche Beziehungen mit Außenberührung vom 28.10.2010 ist auf persönliche Beziehungen zwischen Eltern und Kindern das Recht ihres gemeinsamen gewöhnlichen Aufenthalts anwendbar (vgl. auch Bergmann/Ferid/Henrich/Pißler/v.Hippel, Internationales Ehe- und Kindschaftsrecht, Volksrepublik China, Stand 15.01.2013, S.35). Aufgrund der Entscheidungen des Bezirksgerichts von Stadt1 -Familiengericht- vom 28.06.2018 wurde die gemeinsame elterliche Sorge für das gemeinsame Kind angeordnet. Die Entscheidung über den Lebensmittelpunkt des Kindes ist auch nach chinesischem Recht den Sorgeberechtigten zuzuordnen. Sofern die Eltern eines nichtehelichen Kindes keine Einigkeit über dessen Lebensmittelpunkt erzielen können, ist darüber ein Rechtsstreit vor den Volksgerichten zu führen (Bergmann/Ferind/Henrich/Pißler/v.Hippel, Internationales Ehe- und Kindschaftsrecht, Volksrepublik China, Stand 15.01.2013, S.85). Auch gem. Art. 5 lit. a HKÜ umfasst das Sorgerecht im Sinne des Übereinkommens insbesondere das Recht, den Aufenthalt des Kindes zu bestimmen oder mitzubestimmen. Das HKÜ hebt somit das Recht zur Bestimmung des Aufenthaltsortes besonders hervor (Staudinger/Pirrung, a.a.O., Art. 5 HKÜ, Rn. D 37).

c.) Der Vater übte das Sorgerecht sowohl zum Zeitpunkt der Einreise wie auch des widerrechtlichen Zurückhaltens nach Art. 3 S.1 lit b. HKÜ auch tatsächlich aus. Die Mutter begründete ihre entgegenstehende Ansicht damit, dass der Vater bei der Ausreise erst seit zehn Tagen sorgeberechtigt gewesen sei. Diese Ausführungen sind in tatsächlicher Hinsicht unzutreffend. Dem Vater wurde bereits durch Beschluss des Bezirksgerichts von Stadt1 -Familiengericht-, vom 06.10.2017 vorläufig das Sorgerecht, die Obhut und Betreuung für Vorname1 übertragen. Der Mutter hingegen wurde Umgang nur unter Aufsicht des Jugendamts gewährt und ihr untersagt, dass Kind aus Stadt1 zu verbringen oder aus der Obhut des Vaters zu entfernen. Die sorgerechtlichen Befugnisse des Vaters wurden durch weiteres Urteil vom 18.10.2017 des Bezirksgerichts von Stadt1 -Familiengericht- bestätigt.

3. Sofern die Mutter sich gegen die Anordnung der Rückführung auf Art. 13 Abs. 1 lit. b HKÜ berufen will, sind dessen Voraussetzungen nicht gegeben. Das Haager Kindesentführungsübereinkommen enthält die Vermutung, dass eine sofortige Rückführung an den bisherigen Aufenthaltsort dem Kindeswohl grundsätzlich am besten entspricht. Im Einzelfall kann diese Vermutung nach Art. 13 HKÜ widerlegt werden. Diese Regelung soll die Grundrechtspositionen der betroffenen Eltern und des Kindes zu einem sachgerechten Ausgleich bringen. Eine sofortige Rückführung des Kindes an seinen letzten gewöhnlichen Aufenthalt dient grundsätzlich seinem Wohl, weil dadurch die Kontinuität seiner Lebensbedingungen erhalten bleibt (BVerfGE 99, 145, zitiert nach juris Rn.64ff.). Die Ausnahmeklausel in Art. 13 HKÜ trägt der Tatsache Rechnung, dass ein Zurückbringen des Kindes an seinen letzten gewöhnlichen Aufenthaltsort im Einzelfall mit dem Kindeswohl unvereinbar sein kann. Die Rückführung eines Kindes darf danach insbesondere unterbleiben, wenn die Rückgabe mit einer schwerwiegenden Gefahr eines körperlichen oder seelischen Schadens verbunden ist oder das Kind auf andere Weise in eine unzumutbare Lage bringt. Die Norm greift nur bei besonders schweren Ausnahmefällen ein, die über die normalerweise mit einer solchen Rückführung verbundenen Unannehmlichkeiten des Kindes, welches innerhalb kurzer Zeit erneut umziehen und den Kindergarten oder die Schule wechseln muss, hinausgehen (Staudinger/Pirrung, a.a.O., Art. 13 HKÜ, Rn. D 71). An das Vorliegen einer solchen Gefährdung sind strenge Anforderungen zu stellen. Die Vorschrift greift nur ein bei absoluten, zwingenden Gründen für eine Ausnahme von dem Grundsatz, dass bei Vorliegen der Voraussetzungen der Art. 3, 12 HKÜ die Rückführung anzuordnen ist. Eine bloße Berufung auf das Kindeswohl oder auf den erforderlichen Wechsel der Bezugspersonen genügt nicht (Staudinger/Pirrung, a.a.O., Art. 13 HKÜ, Rn. D 71). Nur ungewöhnlich schwerwiegende Beeinträchtigungen des Kindeswohls, die sich als besonders erheblich, konkret und aktuell darstellen, stehen einer Rückführung entgegen (vgl. BVerfGE 99, 145). Solche zwingenden Gründe sind hier nicht vorgetragen und auch sonst nicht ersichtlich. Eine Trennung des Kindes von der Mutter ist mit der Anordnung der Rückführung nicht notwendig verbunden. Der Mutter kann zugemutet werden, einer etwaigen Gefährdung für die Entwicklung des Kindes dadurch zu begegnen, dass sie zusammen mit dem Kind nach Stadt1 zurückkehrt. Die Mutter hält sich bereits seit der Geburt des Kindes auf Grundlage von Touristenvisa in Stadt1 auf undvermochte nach ihrem Vortrag dennoch die Pflege und Betreuung des Kindes regelmäßig zu gewährleisten. Der Senat teilt die Auffassung des Amtsgerichts, wonach eine besondere Belastung des Kindes nicht daraus gefolgert werden kann, dass der Vater vor dem örtlich zuständigen Gericht Rechtsschutz begehren kann. Sofern die Mutter darüber hinaus fürchtet, aufgrund des Zurückhaltens Vorname1s Sanktionen ausgesetzt zu sein, führt dies zu keiner abweichenden Beurteilung. Härten für den entführenden Elternteil begründen in der Regel keinen solchen Nachteil. Ist die Rückkehr für diesen Elternteil mit staatlichen Sanktionen verbunden, so sind diese als Folge der rechtswidrigen Entführung hinzunehmen (BVerfGE 99, 145 [BVerfG 29.10.1998 – 2 BvR 1206/98], zitiert nach juris. Rn.68).

Der erstmals in der Beschwerdeinstanz erhobene Verdacht, der Vater könnte gegenüber dem Kind sexuell übergriffig geworden sein, führt zu keiner anderen Wertung. Die Rückführung des Kindes zu dem Herkunftsstaat dient auch gerade dem Zweck, die ursprüngliche internationale Zuständigkeit für die Sorgerechtsentscheidung zu wahren und so zu vermeiden, dass ein Elternteil aus der rechtswidrigen Entführung der Kinder einen faktischen Vorteil zieht (BVerfGE 99, 145 [BVerfG 29.10.1998 – 2 BvR 1206/98], zitiert nach juris Rn.64ff.). Der Mutter steht es daher offen, gemeinsam mit dem Kind nach Stadt1 zurückzukehren und die von ihr beobachteten Auffälligkeiten des Kindes im Rahmen eines sorgerechtlichen Verfahrens einzubringen. Aus diesem Grunde kann dahinstehen, dass ein Kind vor Vollendung des vierten Lebensjahres aus wissenschaftlicher Sicht bis auf seltene Ausnahmen generell nicht als aussagetüchtig gilt, weil es noch keine verlässliche Darstellung des Erlebten geben kann.

4. Von einer nochmaligen Anhörung der Beteiligten hat der Senat gemäß den § 14 IntFamRVG i.v.m. § 68 Abs. 3 FamFG abgesehen. Die maßgeblichen Verfahrenshandlungen wurden bereits in der ersten Instanz vorgenommen und von einer erneuten Vornahme sind keine zusätzlichen Erkenntnisse zu erwarten. Im Übrigen hat der Senat insoweit auch einbezogen, dass das vorliegende Verfahren beschleunigt durchzuführen ist (vgl. § 38 IntFamRVG).

Von einer Anhörung des Kindes war nach § 14, IntFamRVG i.V.m. § 159 Abs.2 FamFG mit Blick auf sein Alter – auch unter Berücksichtigung des Vorbringens im Schriftsatz vom 20.10.2018 – abzusehen.

III.

Die Kostenentscheidung folgt aus § 14 Ziff. 2 IntFamRVG i.V.m. § 84 FamFG. Es entsprach der Billigkeit, der Beschwerdeführerin die gesamten Kosten des Verfahrens aufzuerlegen, da sie im vollen Umfang unterlag.

Der Beschwerdewert sowie der Wert der Anschlussbeschwerde richtet sich nach §§ 40, 42 Abs. 3 FamGKG.

Diese Entscheidung ist unanfechtbar.