Anforderungen an den Inhalt einer Berufungsbegründung

Januar 23, 2026

Anforderungen an den Inhalt einer Berufungsbegründung

BGH Beschluss vom 29.7.2025 – VI ZB 57/24

In diesem Text erkläre ich Ihnen ein wichtiges Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH). Es geht darum, wie man sich richtig wehrt, wenn man einen Prozess in der ersten Instanz verloren hat. Wenn Sie gegen ein Urteil vorgehen wollen, nennt man das „Berufung“. Dabei gibt es jedoch strenge Regeln, die Sie beachten müssen. Wenn Sie diese Regeln verletzen, wird Ihr Fall vom nächsten Gericht gar nicht erst inhaltlich geprüft.


Der Hintergrund: Was ist eine Berufungsbegründung?

Wenn ein Gericht der ersten Instanz (zum Beispiel ein Landgericht) gegen Sie entschieden hat, können Sie in vielen Fällen Berufung einlegen. Das bedeutet, ein höheres Gericht (das Oberlandesgericht) schaut sich den Fall noch einmal an.

Damit das höhere Gericht dies tut, reicht es nicht aus, einfach nur „Ich bin nicht einverstanden“ zu sagen. Sie müssen eine sogenannte Berufungsbegründung schreiben. In diesem Dokument müssen Sie genau erklären, warum das erste Urteil falsch war. Sie müssen dem Gericht zeigen, welche rechtlichen Fehler gemacht wurden oder welche Tatsachen nicht richtig berücksichtigt wurden.

Die gesetzliche Grundlage: § 520 ZPO

Die Regeln für diese Begründung stehen in der Zivilprozessordnung (ZPO). Besonders wichtig ist der Paragraph 520. Er besagt:

  1. Sie müssen genau sagen, welche Punkte des Urteils Sie angreifen.
  2. Sie müssen erklären, warum das Urteil auf einem Fehler beruht.
  3. Sie müssen zeigen, dass dieser Fehler wichtig für das Ergebnis ist.

Das Problem in diesem Fall: Ein zu kurzer Hinweis

In dem Fall, den der BGH am 29. Juli 2025 entschieden hat, ging es um einen Kläger, der gegen eine Presseberichterstattung klagte. Er wollte, dass ein Artikel gelöscht wird, er wollte Informationen haben und er wollte Geld als Entschädigung.

Das erste Gericht wies seine Klage ab. Der Kläger ging daraufhin in Berufung. In seiner Begründung schrieb er ausführlich, warum der Artikel gelöscht werden sollte. Zum Thema „Geldentschädigung“ schrieb er am Ende jedoch nur einen Satz:

„Ich nehme im Übrigen auf den gesamten Sach- und Rechtsvortrag aus der ersten Instanz ausdrücklich Bezug…“

Das bedeutet auf normales Deutsch übersetzt: „Schaut einfach in meine alten Papiere aus der ersten Runde, da steht schon alles drin.“

Warum das Gericht diesen Satz nicht akzeptierte

Das Oberlandesgericht und später auch der Bundesgerichtshof sagten: Das reicht nicht aus! Die Berufung bezüglich des Geldes ist damit unzulässig.

Das Gericht begründete dies so: Eine Berufungsbegründung muss „aus sich heraus verständlich“ sein. Das bedeutet, der Richter sollte das Dokument lesen können und sofort verstehen, was der Fehler im alten Urteil war. Wenn Sie nur auf alte Texte verweisen, zwingen Sie den Richter, sich alles selbst zusammenzusuchen. Das ist gesetzlich nicht erlaubt.

Anforderungen an den Inhalt einer Berufungsbegründung


Die zwei wichtigsten Regeln für Ihre Berufung

Aus diesem Urteil lassen sich zwei goldene Regeln ableiten, die Sie kennen sollten, wenn Sie jemals in einen Rechtsstreit geraten.

1. Jedes Argument muss einzeln angegriffen werden

Oft stützt ein Richter seine Entscheidung auf mehrere verschiedene Gründe. Er könnte zum Beispiel sagen: „Die Klage ist unbegründet, weil erstens kein Vertrag vorliegt und zweitens der Anspruch sowieso verjährt wäre.“

Wenn Sie gewinnen wollen, müssen Sie in Ihrer Berufung beide Gründe entkräften. Wenn Sie nur beweisen, dass es doch einen Vertrag gab, aber nichts zur Verjährung sagen, bleibt das Urteil bestehen. Der BGH betont: Jede „selbstständig tragende Erwägung“ des Gerichts muss einzeln angegriffen werden.

2. Keine pauschalen Verweise

Sie dürfen nicht einfach auf Ihre alten Schriftsätze verweisen. Die Berufung ist eine neue Stufe im Verfahren. Sie müssen sich konkret mit den Argumenten des Richters auseinandersetzen, der gegen Sie entschieden hat. Sie müssen schreiben: „Der Richter hat auf Seite 5 des Urteils geschrieben, dass X passiert ist. Das ist falsch, weil in Wirklichkeit Y passiert ist.“

Ein Satz wie „Siehe meine Klageschrift von vor einem Jahr“ ist zu wenig. Das nennt man einen „Pauschalverweis“. Solche Verweise führen fast immer dazu, dass Ihre Berufung abgelehnt wird, ohne dass überhaupt über Ihre Rechte gesprochen wird.


Warum sind die Gerichte so streng?

Vielleicht denken Sie jetzt: „Das ist doch reine Bürokratie!“ Ein Stück weit stimmt das auch. Aber diese Regeln haben einen Sinn:

  • Klarheit: Das Berufungsgericht muss wissen, was genau es prüfen soll.
  • Entlastung: Die Richter sollen nicht hunderte Seiten alter Akten lesen müssen, um zu raten, was Sie heute noch für wichtig halten.
  • Fairness: Auch die Gegenseite muss genau wissen, wogegen sie sich verteidigen muss.

Allerdings gibt es eine Grenze. Der BGH sagt auch: Die Anforderungen dürfen nicht „überspannt“ werden. Es muss nicht perfekt geschrieben sein, aber der Kern des Fehlers muss klar benannt werden.


Was bedeutet das für Sie als Laie?

Wenn Sie einen Prozess führen, sollten Sie sich niemals darauf verlassen, dass „schon alles in den Akten steht“. Wenn Sie in die nächste Instanz gehen, müssen Sie präzise sein.

Das Urteil zeigt, dass selbst kleine Formfehler dazu führen können, dass man einen Prozess verliert, den man vielleicht inhaltlich gewonnen hätte. In dem Fall des Klägers gegen die Presse wurde der Antrag auf Geldentschädigung einfach ignoriert, weil er ihn nicht ordentlich begründet hatte. Sein Recht auf „rechtliches Gehör“ sah der BGH nicht verletzt, da der Kläger ja die Chance hatte, es richtig zu machen, diese aber nicht genutzt hat.

Zusammenfassung der Kernpunkte

ProblemLösung
Das Urteil basiert auf drei Gründen.Sie müssen alle drei Gründe in der Berufung angreifen.
Sie haben keine Zeit für neue Texte.Ein Verweis auf alte Texte reicht nicht aus.
FormulierungenNutzen Sie keine allgemeinen Floskeln, sondern beziehen Sie sich auf Ihren Fall.

Ihr nächster Schritt in rechtlichen Angelegenheiten

Recht haben und Recht bekommen sind zwei verschiedene Dinge. Wie Sie an diesem Urteil sehen, kommt es im deutschen Recht oft auf die Details in der schriftlichen Begründung an. Ein kleiner Fehler – wie ein zu kurzer Verweis – kann den gesamten Erfolg gefährden.

Wenn Sie ein Urteil erhalten haben, mit dem Sie nicht zufrieden sind, oder wenn Sie rechtliche Beratung bei der Gestaltung von Verträgen oder in Notarsangelegenheiten benötigen, sollten Sie professionelle Hilfe suchen.

Bitte nehmen Sie bei Fragen oder für eine rechtliche Vertretung Kontakt mit der Anwalts- und Notarkanzlei Krau in Hohenahr auf. Dort erhalten Sie fachkundige Unterstützung, damit Ihnen formale Fehler wie in diesem BGH-Fall erspart bleiben.

RA und Notar Krau

Schlagworte

Warnhinweis:

Die auf dieser Homepage wiedergegebenen Gerichtsentscheidungen bilden einen kleinen Ausschnitt der Rechtsentwicklung über mehrere Jahrzehnte ab. Nicht jedes Urteil muss daher zwangsläufig die aktuelle Rechtslage wiedergeben.

Einige Entscheidungen stellen Mindermeinungen dar oder sind später im Instanzenweg abgeändert oder durch neue obergerichtliche Entscheidungen oder Gesetzesänderungen überholt worden.

Das Recht entwickelt sich ständig weiter. Stetige Aktualität kann daher nicht gewährleistet werden.

Die schlichte Wiedergabe dieser Entscheidungen vermag daher eine fundierte juristische Beratung keinesfalls zu ersetzen.

Für den fehlerhaften juristischen Gebrauch, der hier wiedergegebenen Entscheidungen durch Dritte außerhalb der Kanzlei Krau kann daher keine Haftung übernommen werden.

Verstehen Sie bitte die Texte auf dieser Homepage als gedankliche Anregung zur vertieften Recherche, keinesfalls jedoch als rechtlichen Rat.

Es soll auch nicht der falsche Anschein erweckt werden, als seien die veröffentlichten Urteile von der Kanzlei Krau erzielt worden. Das ist in aller Regel nicht der Fall. Vielmehr handelt es sich um einen allgemeinen Auszug aus dem deutschen Rechtsleben zur Information der Rechtssuchenden.

Benötigen Sie eine Beratung oder haben Sie Fragen? 

Rufen Sie uns an oder schreiben Sie uns eine E-Mail, damit wir die grundsätzlichen Fragen klären können.

Durch die schlichte Anfrage kommt noch kein konstenpflichtiges Mandat zustande.

Letzte Beiträge

The Law - Das Gesetz - Buch

Erstattungsfähigkeit der Kosten einer nach Berufungsrücknahme eingereichten Berufungserwiderung

Februar 8, 2026
Erstattungsfähigkeit der Kosten einer nach Berufungsrücknahme eingereichten BerufungserwiderungGericht: BGH 3. Zivilsenat Entscheidungsdatum: 25…
paragraph paragraf

Rückgabe der Pachtsache und Baulast

Februar 7, 2026
Rückgabe der Pachtsache und BaulastDatum: 05.01.2026 Gericht: Oberlandesgericht Hamm Spruchkörper: 18. Zivilsenat Entscheidungsart: Urteil Akten…
Gerichtssaal Recht Justiz Verhandlung Prozess

Anspruch auf Provisionsrückzahlung wegen Stornierung von Verträgen

Februar 7, 2026
Anspruch auf Provisionsrückzahlung wegen Stornierung von VerträgenDatum: 19.09.2025 Gericht: Oberlandesgericht Düsseldorf Spruchkörper: 10. Zivi…