Anspruch gegen Erbengemeinschaft aus Vorausvermächtnis kann Miterbe vor Auseinandersetzung geltend machen – OLG Saarbrücken 8 U 515/06

August 3, 2020

Anspruch gegen Erbengemeinschaft aus Vorausvermächtnis kann Miterbe vor Auseinandersetzung geltend machen – OLG Saarbrücken 8 U 515/06

Zusammenfassung RA und Notar Krau

Das Urteil des Saarländischen Oberlandesgerichts vom 12. Juli 2007 (Az. 8 U 515/06) befasst sich mit der Frage, ob ein Miterbe aus einem Vorausvermächtnis einen schuldrechtlichen Anspruch gegen die Erbengemeinschaft schon vor der Erbauseinandersetzung geltend machen kann

und ob die Erbengemeinschaft ihrerseits einen Anspruch auf Mitwirkung des bedachten Miterben beim Vollzug des Vorausvermächtnisses vor der Auseinandersetzung hat.

Ausgangspunkt und Sachverhalt

Die Parteien des Rechtsstreits sind Erbinnen ihres am 10. März 1997 verstorbenen Vaters K. H. N.

Der Vater hatte mit notariellem Testament vom 15. März 1994 beide Töchter zu gleichen Teilen als Erbinnen eingesetzt und ihnen zusätzlich jeweils bestimmten Grundbesitz vermacht, und zwar ohne Anrechnung auf den Erbteil, also im Voraus.

Die Klägerin erhielt Hausgrundbesitz in Z., während der Beklagten zwei Eigentumswohnungen samt Tiefgaragenstellplätzen in H. vermacht wurden.

Das Vermächtnis zugunsten der Klägerin ist bereits erfüllt, während der Vollzug des Vermächtnisses zugunsten der Beklagten Gegenstand der vorliegenden Klage ist.

Prozessverlauf

Zunächst wurde die Beklagte als Testamentsvollstreckerin in Anspruch genommen.

Nach Klärung, dass sie dieses Amt nicht angenommen hat, wurde die Klage auf ihre Verpflichtung zur Mitwirkung bei der Auflassung der vermachten Immobilien geändert.

Das Landgericht Saarbrücken hatte die Klage abgewiesen mit der Begründung, die Klägerin begehre eine unzulässige Teilauseinandersetzung und die Beklagte sei nicht als Testamentsvollstreckerin verpflichtet. Gegen dieses Urteil richtet sich die Berufung der Klägerin.

Anspruch gegen Erbengemeinschaft aus Vorausvermächtnis kann Miterbe vor Auseinandersetzung geltend machen – OLG Saarbrücken 8 U 515/06

Entscheidung des Oberlandesgerichts

Das Saarländische Oberlandesgericht gibt der Berufung der Klägerin statt und verurteilt die Beklagte zur Mitwirkung an der Auflassung der ihr vermachten Immobilien.

Die Entscheidung basiert auf folgenden wesentlichen Erwägungen:

Zulässigkeit der Klageänderung:

Die Klageänderung war sachdienlich und daher zulässig, da sie zur Klärung der gesamten Streitigkeit beitrug und einen neuen Prozess vermied.

Kein unzulässiger Parteiwechsel:

Die Änderung der Klage richtete sich nicht gegen eine neue Partei, sondern lediglich gegen die Beklagte in einer anderen Eigenschaft (nicht als Testamentsvollstreckerin, sondern als Erbin und Vermächtnisnehmerin).

Kein Anspruch auf Teilauseinandersetzung:

Die Klage ist nicht auf eine unzulässige Teilauseinandersetzung gerichtet, sondern auf den Vollzug eines Vorausvermächtnisses.

Ein Vorausvermächtnis berechtigt den Bedachten zur Geltendmachung seines Anspruchs vor der eigentlichen Erbauseinandersetzung.

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Mitwirkungspflicht der Beklagten:

Die Beklagte ist verpflichtet, sowohl als Miterbin (Mitwirkung an der Erfüllung von Nachlassverbindlichkeiten) als auch als Vermächtnisnehmerin (Einlösung des Vorausvermächtnisses) bei der Auflassung mitzuwirken.

Diese Verpflichtung folgt aus den Grundsätzen der ordnungsgemäßen Verwaltung des Nachlasses sowie aus Treu und Glauben.

Keine Beeinträchtigung durch das Erbauseinandersetzungsverfahren:

Das parallele Erbauseinandersetzungsverfahren vor dem Landgericht Zweibrücken steht der Erfüllung des Vorausvermächtnisses nicht entgegen, da es sich um unterschiedliche Streitgegenstände handelt.

Urteilstenor

Das Oberlandesgericht verurteilt die Beklagte zur Zustimmung zur Auflassung der ihr vermachten Immobilienanteile und zur Tragung der Kosten des Rechtsstreits.

Die Revision wird nicht zugelassen, da keine grundsätzliche Bedeutung der Rechtssache besteht.

Begründung der Entscheidung

Die Entscheidung des Oberlandesgerichts basiert auf der Auslegung des Testaments, der rechtlichen Natur eines Vorausvermächtnisses und den Pflichten der Miterben zur ordnungsgemäßen Verwaltung des Nachlasses.

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Das Gericht stellt klar, dass ein Vorausvermächtnis ein schuldrechtlicher Anspruch gegen die Erbengemeinschaft ist, der vor der Auseinandersetzung des Nachlasses geltend gemacht werden kann.

Gleichzeitig besteht eine Mitwirkungspflicht der Bedachten, um die Belastungen aus dem Nachlassverbindlichkeiten zu mindern.

Zusammenfassung

Das Urteil des Saarländischen Oberlandesgerichts stellt sicher, dass die Rechte und Pflichten der Miterben und Vermächtnisnehmer im Rahmen eines Vorausvermächtnisses klar geregelt sind.

Ein Miterbe kann seinen Anspruch aus einem Vorausvermächtnis bereits vor der Erbauseinandersetzung geltend machen, während die Erbengemeinschaft die Mitwirkung des bedachten Miterben beim Vollzug des Vermächtnisses verlangen kann.

Dies trägt zur effizienten und gerechten Verwaltung des Nachlasses bei.

Schlagworte

Warnhinweis:

Die auf dieser Homepage wiedergegebenen Gerichtsentscheidungen bilden einen kleinen Ausschnitt der Rechtsentwicklung über mehrere Jahrzehnte ab. Nicht jedes Urteil muss daher zwangsläufig die aktuelle Rechtslage wiedergeben.

Einige Entscheidungen stellen Mindermeinungen dar oder sind später im Instanzenweg abgeändert oder durch neue obergerichtliche Entscheidungen oder Gesetzesänderungen überholt worden.

Das Recht entwickelt sich ständig weiter. Stetige Aktualität kann daher nicht gewährleistet werden.

Die schlichte Wiedergabe dieser Entscheidungen vermag daher eine fundierte juristische Beratung keinesfalls zu ersetzen.

Für den fehlerhaften juristischen Gebrauch, der hier wiedergegebenen Entscheidungen durch Dritte außerhalb der Kanzlei Krau kann daher keine Haftung übernommen werden.

Verstehen Sie bitte die Texte auf dieser Homepage als gedankliche Anregung zur vertieften Recherche, keinesfalls jedoch als rechtlichen Rat.

Es soll auch nicht der falsche Anschein erweckt werden, als seien die veröffentlichten Urteile von der Kanzlei Krau erzielt worden. Das ist in aller Regel nicht der Fall. Vielmehr handelt es sich um einen allgemeinen Auszug aus dem deutschen Rechtsleben zur Information der Rechtssuchenden.

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