Sie nutzen einen Dispokredit auf Ihrem Girokonto. Das geht schnell und ist einfach. Aber dieser Kredit ist teuer. Die Zinsen für eine Kontoüberziehung sind hoch. Genau hier greift das Gesetz ein. Es schützt Sie vor einer dauerhaften Kostenfalle.
Die Vorschrift zwingt Banken zum Handeln. Wenn Sie lange tief im Minus sind, muss die Bank Ihnen helfen. Sie muss Ihnen ein Beratungsgespräch anbieten. Ziel ist es, eine günstigere Lösung für Sie zu finden. Oft ist das ein normaler Ratenkredit.
Hier ist zunächst der genaue und wörtliche Gesetzestext, um den es geht.
Der Wortlaut der Vorschrift lautet:
Paragraf 504a Beratungspflicht bei Inanspruchnahme der Überziehungsmöglichkeit
(1) 1Der Darlehensgeber hat dem Darlehensnehmer eine Beratung gemäß Absatz 2 anzubieten, wenn der Darlehensnehmer eine ihm eingeräumte Überziehungsmöglichkeit ununterbrochen über einen Zeitraum von sechs Monaten und durchschnittlich in Höhe eines Betrags in Anspruch genommen hat, der 75 Prozent des vereinbarten Höchstbetrags übersteigt. 2Wenn der Rechnungsabschluss für das laufende Konto vierteljährlich erfolgt, ist der maßgebliche Zeitpunkt für das Vorliegen der Voraussetzungen nach Satz 1 der jeweilige Rechnungsabschluss. 3Das Beratungsangebot ist dem Darlehensnehmer in Textform auf dem Kommunikationsweg zu unterbreiten, der für den Kontakt mit dem Darlehensnehmer üblicherweise genutzt wird. 4Das Beratungsangebot ist zu dokumentieren.
(2) 1Nimmt der Darlehensnehmer das Angebot an, ist eine Beratung zu möglichen kostengünstigen Alternativen zur Inanspruchnahme der Überziehungsmöglichkeit und zu möglichen Konsequenzen einer weiteren Überziehung des laufenden Kontos durchzuführen sowie gegebenenfalls auf geeignete Beratungseinrichtungen hinzuweisen. 2Die Beratung hat in Form eines persönlichen Gesprächs zu erfolgen. 3Für dieses können auch Fernkommunikationsmittel genutzt werden. 4Der Ort und die Zeit des Beratungsgesprächs sind zu dokumentieren.
(3) 1Nimmt der Darlehensnehmer das Beratungsangebot nicht an oder wird ein Vertrag über ein geeignetes kostengünstigeres Finanzprodukt nicht geschlossen, hat der Darlehensgeber das Beratungsangebot bei erneutem Vorliegen der Voraussetzungen nach Absatz 1 zu wiederholen. 2Dies gilt nicht, wenn der Darlehensnehmer ausdrücklich erklärt, keine weiteren entsprechenden Beratungsangebote erhalten zu wollen.
Dieses Gesetz liest sich etwas sperrig. Wir brechen das nun in einfache Teile herunter. Was bedeutet das für Ihren Alltag?
Es müssen zwei Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein. Erstens: Sie sind sechs Monate am Stück im Minus. Ihr Konto war in dieser Zeit nie im Plus. Zweitens: Sie haben Ihren Dispo im Durchschnitt zu mehr als 75 Prozent ausgereizt. Wenn Ihr Limit also bei 1.000 Euro liegt, waren Sie im Schnitt mit mehr als 750 Euro im Minus. Ist das der Fall, schlägt das Gesetz Alarm.
Die Bank darf Sie nicht einfach unangekündigt anrufen. Sie muss Ihnen ein Angebot in Textform machen. Das kann ein Brief sein. Es kann auch eine Nachricht in Ihrem Online-Banking-Postfach sein. Die Bank muss denselben Weg nutzen, den sie sonst auch für Mitteilungen an Sie wählt. Wichtig für die Bank: Sie muss beweisen können, dass sie Ihnen dieses Angebot geschickt hat.
Wenn Sie zustimmen, findet ein Gespräch statt. Das kann direkt in der Bankfiliale passieren. Es geht aber auch über das Telefon oder per Videoanruf. In diesem Gespräch zeigt die Bank Ihnen Wege auf, wie Sie Geld sparen. Meistens ist das die Umschuldung in einen Ratenkredit. Dieser hat deutlich niedrigere Zinsen als der Dispo. Lehnt die Bank eine Umschuldung ab, muss sie Sie auf Schuldnerberatungsstellen hinweisen.
Das Gesetz klingt klar. Doch unter Juristen gibt es viele Diskussionen. Der Kern des Streits liegt in den Folgen. Was passiert, wenn die Bank einen Fehler macht? Was ist, wenn sie die Beratung einfach vergisst?
Die große juristische Frage lautet: Macht sich die Bank schadensersatzpflichtig, wenn sie Sie nicht warnt? Die eine Seite in der juristischen Literatur sagt klar: Ja. Die Bank verletzt eine Pflicht. Sie zahlen dadurch weiter hohe Zinsen für den Dispo. Diese unnötigen Zinskosten sind Ihr Schaden. Sie können dieses Geld von der Bank zurückfordern (gemäß Paragraf 280 BGB). Die andere Seite ist strenger. Sie sagt: Das Gesetz regelt nur Aufsichtsrecht. Es gibt Ihnen keinen direkten Anspruch auf Geld. Zudem sei es schwer zu beweisen, ob Sie bei einer Beratung wirklich einen günstigeren Kredit unterschrieben hätten. Vielleicht hätten Sie die Beratung ja abgelehnt.
In der wissenschaftlichen Fachliteratur wird dies intensiv besprochen. Wir geben hier die wichtigen Stimmen wieder.
Der wohl bekannteste Kommentar zum Zivilrecht äußert sich zum Zweck der Norm. In Grüneberg, BGB, 83. Auflage, Paragraf 504a Rn. 1 heißt es wörtlich: „Die Vorschrift dient dem Schutz des Darlehensnehmers vor einer unbewussten und dauerhaften finanziellen Überbelastung durch die Inanspruchnahme teurer Dispositionskredite.“
Zu der Frage des Schadensersatzes findet man im renommierten Münchener Kommentar eine klare Position. In Münchener Kommentar zum BGB, 9. Auflage, Paragraf 504a Rn. 5 wird wörtlich ausgeführt: „Aus der Verletzung der Beratungspflicht kann sich ein Schadensersatzanspruch gemäß Paragraf 280 Abs. 1 BGB ergeben, der auf die Freistellung von unnötigen Zinsbelastungen gerichtet ist.“
Die Gerichte (vor allem die Oberlandesgerichte) urteilen in der Praxis oft etwas vorsichtiger als die Literatur. Die grundlegende Urteilslinie besagt: Ein Schadensersatz ist theoretisch möglich. Aber die Hürden sind hoch. Der Bankkunde trägt die volle Darlegungslast. Er muss vor Gericht streng beweisen, dass er ein günstigeres Angebot auch wirklich angenommen hätte. Hätte er die Bonität für einen Ratenkredit gehabt? Wäre er zur Beratung gegangen? Nur wenn Sie das zweifelsfrei beweisen, sprechen Gerichte Ihnen den Zinsunterschied als Schadensersatz zu.
Damit Sie die Regeln noch besser greifen können, schauen wir uns drei typische Situationen an.
Herr Müller hat ein Dispolimit von 2.000 Euro. Seit acht Monaten steht sein Konto durchgehend bei minus 1.800 Euro. Sein Gehalt gleicht das Minus nie ganz aus. Die Lösung: Die Voraussetzungen sind erfüllt. Er ist länger als sechs Monate ununterbrochen im Minus. Er nutzt mehr als 75 Prozent seines Limits (1.500 Euro wären 75 Prozent). Die Bank muss ihm sofort schriftlich ein Beratungsangebot unterbreiten.
Frau Schmidt hat ein Limit von 3.000 Euro. Sie rutscht oft tief in den Dispo, manchmal auf minus 2.500 Euro. Aber am Ende jeden Monats kommt ein großer Geldeingang. Ihr Konto steht dann für drei Tage bei plus 100 Euro. Danach rutscht sie wieder ab. Das geht seit einem Jahr so. Die Lösung: Die Bank muss nicht beraten. Frau Schmidt ist zwar oft tief im Minus. Aber sie ist nicht ununterbrochen über sechs Monate im Minus. Die kurzen Phasen im Plus unterbrechen die Frist jedes Mal neu.
Die Bank schickt Herrn Weber ein Beratungsangebot. Er liest den Brief, legt ihn aber in die Schublade und meldet sich nicht. Ein halbes Jahr später hat sich an seinem Kontostand nichts geändert. Er ist immer noch tief im Dispo. Die Lösung: Das Gesetz ist streng zur Bank. Da Herr Weber das erste Angebot ignoriert hat und sein Konto weiter belastet ist, muss die Bank den Vorgang wiederholen. Sie muss ihm nach sechs Monaten erneut ein Angebot schicken. Das endet erst, wenn Herr Weber der Bank ausdrücklich verbietet, ihn weiter zu kontaktieren.
Hier finden Sie die klassischen Fragen, die sich Menschen stellen, wenn sie Post von der Bank zu diesem Thema erhalten.
Nein. Die Bank darf für dieses Gespräch keine Gebühren verlangen. Es ist eine gesetzliche Pflicht der Bank, Sie aufzuklären.
Nein. Sie können das Schreiben einfach ignorieren. Sie müssen sich nicht rechtfertigen. Wenn Sie nichts tun, bleibt alles beim Alten. Sie zahlen dann aber weiterhin die hohen Dispozinsen.
Ein Dispokredit kostet oft zwischen 11 und 15 Prozent Zinsen im Jahr. Ein Ratenkredit kostet meist nur zwischen 5 und 8 Prozent. Wenn Sie den teuren Dispo durch einen Ratenkredit ablösen, sparen Sie jeden Monat bares Geld bei den Zinsen. Außerdem zahlen Sie durch feste Raten den Kredit sicher ab.
Nein. Das Gesetz steht im Teil des BGB, der Verbraucherdarlehen regelt. Diese Vorschrift schützt nur Privatpersonen. Für Geschäftskonten und Unternehmer gilt diese strenge Beratungspflicht nicht.
Nein, zumindest nicht direkt aus diesem Grund. Die Ablehnung der Beratung ist kein Kündigungsgrund. Allerdings kann die Bank den Dispo aus anderen Gründen kündigen, wenn sich Ihre Bonität stark verschlechtert.
Ja, das ist möglich. Sie müssen der Bank ausdrücklich mitteilen, dass Sie keine weiteren Beratungsangebote zu Ihrem Dispo mehr erhalten möchten. Das Gesetz sagt ganz klar, dass die Bank Sie dann in Ruhe lassen muss.
Zum Abschluss noch ein wichtiger Hinweis für den Umgang mit der Bank im echten Leben.
Hinweis für die rechtliche Praxis: Wenn Sie oder ein Mandant sich in einer schweren finanziellen Schieflage befinden, fordern Sie die Historie des Kontos an. Prüfen Sie sehr genau, ob die Bank die Beratungspflicht nach Paragraf 504a BGB eingehalten hat. Hat die Bank über Jahre hinweg zugesehen, wie das Konto am Limit lief, ohne das gesetzliche Beratungsangebot in Textform zu schicken? Dann haben Sie ein starkes Argument in der Hand. Sie können dieses Versäumnis nutzen, um in Verhandlungen mit der Bank einen teilweisen Erlass der hohen Dispozinsen zu fordern. Auch wenn der direkte Schadensersatz vor Gericht schwer zu beweisen ist, scheuen Banken oft das Prozessrisiko und stimmen bei solchen Formfehlern einem Vergleich zu.
Haben Sie Probleme mit Ihrer Bank? Wurden Ihnen über Jahre zu hohe Zinsen berechnet, ohne dass man Sie beraten hat? Das juristische Vorgehen gegen Kreditinstitute erfordert Erfahrung und präzise Kenntnisse der aktuellen Rechtsprechung. Wenden Sie sich zur Prüfung Ihrer Ansprüche gerne an die Anwalts- und Notarkanzlei Krau in Hohenahr. Wir prüfen Ihren Fall detailliert und setzen Ihre Rechte gegenüber der Bank konsequent durch. Nehmen Sie jetzt Kontakt mit der Anwalts- und Notarkanzlei Krau auf.
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