Der Beibringungsgrundsatz im Zivilverfahren
In einem Zivilprozess streiten sich meistens zwei private Seiten, zum Beispiel ein Käufer und ein Verkäufer. Damit das Gericht eine Entscheidung treffen kann, braucht es Informationen. In Deutschland gilt dabei ein wichtiger Grundsatz: Das Gericht sucht nicht von sich aus nach der Wahrheit. Es nutzt nur die Informationen, die die Parteien ihm geben. Das nennt man den Beibringungsgrundsatz.
Doch wie genau müssen diese Informationen sein? Reicht ein grober Überblick oder muss jedes Detail stimmen? Diese Frage nach der sogenannten Darlegungstiefe ist entscheidend dafür, ob man einen Prozess gewinnt oder verliert.
Damit ein Richter oder eine Richterin überhaupt prüfen kann, ob jemand Recht hat, muss die Geschichte „schlüssig“ sein. Schlüssigkeit bedeutet: Wenn alles, was die Person erzählt, wahr wäre, müsste sie den Prozess gewinnen.
Die Parteien müssen den Sachverhalt so schildern, dass das Gericht die gesetzlichen Voraussetzungen prüfen kann. Es muss klar werden, warum ein Anspruch entstanden ist. Wenn der Vortrag zu oberflächlich bleibt, nennt man das „unsubstanziiert“. Die Folge: Das Gericht beachtet diese Punkte gar nicht erst, und die Klage wird abgewiesen.
Auf der anderen Seite dürfen die Gerichte die Hürden nicht zu hoch ansetzen. Jeder Bürger hat ein Recht darauf, dass sein Anliegen gehört wird. Wenn ein Gericht zu strenge Anforderungen stellt und deshalb Beweise (wie Zeugen) gar nicht erst prüft, verletzt es das Grundgesetz. Es muss also eine Balance gefunden werden zwischen Genauigkeit und der Realität des Alltags.
Oft schreiben Anwälte nicht alles direkt in ihre Briefe an das Gericht, sondern hängen dicke Ordner mit Dokumenten an. Hier gibt es klare Regeln, was erlaubt ist und was nicht.
Ein Gericht ist nicht dazu da, sich die wichtigen Informationen selbst aus hunderten Seiten von Anlagen herauszusuchen. Die Parteien müssen im Text genau erklären, was in welcher Anlage steht. Ein pauschaler Verweis wie „siehe Anlage 1 bis 50“ reicht meistens nicht aus.
Wenn eine Anlage aber sehr übersichtlich ist und genau zeigt, worum es geht (zum Beispiel eine detaillierte Liste von Mängeln), dann darf man darauf verweisen. Wichtig ist, dass das Gericht ohne große Mühe versteht, welcher Teil des Dokuments welche Behauptung stützt.
In manchen Fällen ist es für eine Seite unmöglich, genau zu wissen, was passiert ist. Ein klassisches Beispiel ist ein Fehler im Krankenhaus. Ein Patient unter Narkose weiß nicht genau, was die Ärzte gemacht haben.
In solchen Situationen darf man Tatsachen behaupten, die man nur vermutet. Man muss nicht jedes Detail beweisen können, bevor der Prozess startet. Es reicht aus, die Symptome oder die Folgen zu schildern.
Wenn die eine Seite keine Einblicke hat, die andere Seite aber schon, ändert sich die Last der Erklärung. Die Gegenseite (zum Beispiel das Krankenhaus) hat dann eine sekundäre Darlegungslast. Das bedeutet: Sie muss jetzt genau erklären, wie es wirklich war. Schweigt sie dazu, wird die Vermutung der anderen Seite als wahr angesehen.
Je nachdem, worum es im Streit geht, gibt es unterschiedliche Anforderungen an die Genauigkeit.
Wenn jemand Geld für eine erbrachte Leistung fordert, muss er schlüssig erklären, dass die Forderung entstanden ist. Besonders bei zusätzlichen Arbeiten (Nachträgen) dürfen die Gerichte nicht zu streng sein. Es muss nur nachvollziehbar sein, dass gearbeitet wurde.
Wer behauptet, dass an seinem Haus schlecht gearbeitet wurde, muss die Fehler benennen. Bei vielen verschiedenen Mängeln ist es wichtig aufzuzeigen, welche Kosten für welchen Fehler entstehen. Man kann nicht einfach eine Gesamtsumme für alles fordern, ohne die einzelnen Punkte aufzuschlüsseln.
Wenn eine Partei etwas behauptet, muss die andere Seite darauf antworten. Tut sie das nicht, gilt das Behauptete automatisch als wahr.
Manchmal reicht es zu sagen: „Das stimmt nicht.“ Das nennt man einfaches Bestreiten. Wenn die erste Seite aber sehr genau und detailliert vorgetragen hat, reicht ein einfaches „Nein“ nicht mehr aus. Dann muss die Gegenseite genauso detailliert erklären, warum die Darstellung falsch ist.
Man darf nur Dinge mit „Nichtwissen“ bestreiten, die man wirklich nicht selbst erlebt hat. Wenn es um die eigenen Taten geht, muss man klar sagen, ob es stimmt oder nicht. Man kann sich nicht dumm stellen, wenn man eigentlich dabei war.
Ein fairer Prozess lebt davon, dass beide Seiten ihre Sicht der Dinge so klar wie möglich schildern, ohne dass die Bürokratie den Sieg der Gerechtigkeit verhindert.