Die Systematik der Deutschen Grunderwerbsteuer
Wer in Deutschland ein Haus, eine Wohnung oder ein Stück Land kauft, lernt sehr schnell einen neuen, teuren Freund kennen: das Finanzamt. Neben dem Kaufpreis an den Verkäufer wartet eine staatliche Hürde auf jeden Käufer. Diese Hürde heißt Grunderwerbsteuer.
Für viele Laien ist diese Steuer ein Buch mit sieben Siegeln. Warum muss ich das zahlen? Wie viel ist es? Und kann man das umgehen? In diesem Text zerlegen wir das komplexe deutsche Steuerrecht in kleine, verdauliche Häppchen. Wir schauen uns an, wie das System funktioniert, wer zur Kasse gebeten wird und wo es vielleicht doch ein Schlupfloch gibt.
Stellen Sie sich vor, Sie möchten ein Konzert besuchen. Sie kaufen ein Ticket. Ohne dieses Ticket kommen Sie nicht in die Halle.
Beim Hauskauf ist das ähnlich. Sie wollen Eigentümer werden. Das bedeutet, Sie möchten im Grundbuch stehen. Das Grundbuch ist das offizielle Register, in dem steht, wem welches Stück Land gehört. Wer dort nicht drinsteht, ist auch nicht der rechtmäßige Eigentümer.
Hier kommt der Staat ins Spiel. Der Staat sagt: „Ich erlaube dir, dich in das Grundbuch einzutragen. Aber dafür verlange ich eine Eintrittsgebühr.“ Diese Gebühr ist die Grunderwerbsteuer.
Es ist eine sogenannte Verkehrsteuer. Das klingt nach Autos, hat aber damit nichts zu tun. Es bedeutet, dass der Rechtsverkehr – also der Austausch von Gütern – besteuert wird. Immer wenn ein Grundstück den Besitzer wechselt, hält der Staat die Hand auf.
Wichtig: Verwechseln Sie diese Steuer bitte nicht mit der Grundsteuer.
Das ist die Frage, die den meisten Käufern Bauchschmerzen bereitet. Die Antwort lautet leider: „Es kommt darauf an, wo Sie kaufen.“
In Deutschland ist die Grunderwerbsteuer Ländersache. Das bedeutet, jedes Bundesland darf selbst entscheiden, wie viel Prozent es vom Kaufpreis haben möchte. Früher war das anders. Bis zum Jahr 2006 lag der Satz überall in Deutschland einheitlich bei 3,5 Prozent. Das war übersichtlich und vergleichsweise günstig.
Dann hat der Bund diese Kompetenz an die Länder abgegeben. Seitdem ist ein echter „Flickenteppich“ entstanden. Die Bundesländer haben gemerkt, dass man hier gut Geld verdienen kann. Denn Grundstücke können nicht weglaufen. Wer in Berlin bauen will, muss in Berlin zahlen. Er kann das Grundstück nicht einfach nach Bayern schieben.
Hier ist eine grobe Übersicht der aktuellen Lage (Stand heute):
Ein Rechenbeispiel: Sie kaufen ein Haus für 400.000 Euro.
Sie sehen: Für das gleiche Haus zahlen Sie je nach Standort 12.000 Euro mehr oder weniger an den Staat. Das ist viel Geld, das man eigentlich lieber in eine neue Küche oder das Badezimmer stecken würde.
Man könnte denken, das sei einfach: Kaufpreis mal Steuersatz. Meistens stimmt das auch. Aber der Teufel steckt im Detail.
Das Finanzamt schaut auf die sogenannte Bemessungsgrundlage. Das ist der Betrag, auf den die Steuer berechnet wird. Normalerweise ist das alles, was Sie dem Verkäufer zahlen, um das Grundstück zu bekommen.
Dazu gehört:
Aber was ist, wenn Sie noch mehr Dinge vom Verkäufer übernehmen? Zum Beispiel eine Einbauküche, eine Sauna im Keller, eine Markise oder einen großen Vorrat an Heizöl im Tank?
Hier gibt es einen wichtigen Spartipp: Dinge, die nicht fest mit dem Haus verbunden sind, unterliegen nicht der Grunderwerbsteuer. Das nennt man „bewegliches Inventar“. Wenn Sie ein Haus kaufen, in dem eine gute Küche steht, sollten Sie den Preis für die Küche im Kaufvertrag extra ausweisen.
Beispiel mit Spartrick: Der Gesamtpreis ist 400.000 Euro. Darin ist eine Küche im Wert von 10.000 Euro enthalten.
Sie haben gerade legal 650 Euro gespart, nur durch einen extra Satz im Vertrag. Aber Vorsicht: Die Bank finanziert meistens nur das Haus, nicht die Küche. Und das Finanzamt prüft, ob der Preis für die Küche realistisch ist. Eine alte IKEA-Küche für 50.000 Euro anzusetzen, wird nicht funktionieren.
Es gibt eine spezielle Situation, die für Bauherren sehr teuer werden kann. Das ist das Thema „Einheitliches Vertragswerk“. Das klingt kompliziert, ist aber einfach zu verstehen.
Stellen Sie sich vor, Sie kaufen ein leeres Grundstück für 100.000 Euro. Darauf wollen Sie später für 300.000 Euro ein Haus bauen. Eigentlich müssten Sie nur auf das Land (100.000 Euro) die Steuer zahlen. Das Haus bauen Sie ja erst noch, das kaufen Sie nicht fertig.
Aber: Wenn der Verkäufer des Grundstücks und die Baufirma eng zusammenarbeiten, wird das Finanzamt misstrauisch. Wenn Sie faktisch gezwungen sind, mit einer bestimmten Firma auf diesem Grundstück zu bauen (Koppelungsgeschäft), sagt das Finanzamt: „Moment mal! In Wahrheit kaufst du hier ein fertiges Paket.“
Die Folge: Sie müssen die Steuer auf alles zahlen. Also auf die 100.000 Euro für das Land UND auf die 300.000 Euro Baukosten. Statt 6.500 Euro Steuer (nur Land) zahlen Sie plötzlich 26.000 Euro Steuer (Gesamtpaket).
Wer hier sparen will, muss Grundstückskauf und Bauvertrag strikt trennen. Es darf keine rechtliche oder zeitliche Verbindung geben. Am besten kaufen Sie erst das Land, warten eine Weile, und suchen sich dann völlig frei einen Architekten oder eine Baufirma.
Im Gesetz steht etwas Interessantes: Steuerschuldner sind die an dem Erwerbsvorgang als Vertragsteile beteiligten Personen.
Auf Deutsch: Sowohl der Käufer als auch der Verkäufer schulden dem Staat das Geld. Das Finanzamt kann sich aussuchen, wen es fragt.
In der Praxis läuft es aber anders. In 99 Prozent aller deutschen Kaufverträge steht ein Satz wie: „Der Käufer trägt die Kosten der Beurkundung und die Grunderwerbsteuer.“ Das ist eine private Abmachung zwischen Käufer und Verkäufer. Das Finanzamt hält sich daran und schickt den Brief zuerst an den Käufer.
Aber: Wenn der Käufer pleite ist und nicht zahlen kann, holt sich das Finanzamt das Geld beim Verkäufer. Der Verkäufer haftet also dafür, dass der Käufer seine Steuern zahlt. Deshalb bestehen Verkäufer darauf, dass der Kaufpreis erst fällig wird, wenn alles sicher ist.
Wie läuft das Ganze nun zeitlich ab? Hier ist der Fahrplan:
Merke: Ohne Steuerzahlung kein Eigentum. Das Finanzamt sitzt wie ein Türsteher vor dem Grundbuch.
Es gibt Ausnahmen. Der Gesetzgeber weiß, dass es unfair wäre, immer die Hand aufzuhalten. Vor allem innerhalb der Familie gibt es Befreiungen.
Steuerfrei sind Verkäufe an:
Wichtig: Geschwister sind nicht befreit! Wenn Sie das Haus Ihrer Schwester abkaufen, müssen Sie die volle Grunderwerbsteuer zahlen. Das vergessen viele und sind dann böse überrascht.
Auch bei einer Scheidung ist der Übergang der Immobilie oft steuerfrei, wenn er im Rahmen der Vermögensauseinandersetzung passiert.
Und natürlich bei einer Erbschaft. Wer ein Haus erbt, muss zwar vielleicht Erbschaftsteuer zahlen, aber keine Grunderwerbsteuer.
Es gibt eine Freigrenze. Wenn der Kaufpreis weniger als 2.500 Euro beträgt, fällt keine Steuer an. Achtung: Das ist eine Freigrenze, kein Freibetrag.
Bei Immobilienpreisen spielt diese Grenze heute fast keine Rolle mehr, es sei denn, Sie kaufen eine winzige Restfläche oder einen schmalen Gartenstreifen vom Nachbarn dazu.
Vielleicht haben Sie schon mal in der Zeitung gelesen, dass große Immobilienkonzerne keine Grunderwerbsteuer zahlen. Das empfinden viele Menschen als ungerecht. Wie machen die das?
Das Zauberwort heißt „Share Deal“. Wenn ein Konzern ein großes Hochhaus kauft, kauft er oft nicht das Haus selbst (den Stein und Beton). Er kauft stattdessen die Firma, der das Haus gehört (zum Beispiel eine GmbH).
Wenn man Anteile an einer Firma kauft, ist das kein Grundstückskauf. Also fiel lange Zeit keine Grunderwerbsteuer an. Der Staat hat dieses Schlupfloch in den letzten Jahren immer enger gemacht. Heute ist es sehr kompliziert und man muss viele Regeln beachten (zum Beispiel darf man nicht 100 Prozent der Firma auf einmal kaufen, sondern muss einen kleinen Teil bei jemand anderem lassen). Aber für den „kleinen Mann“, der ein Einfamilienhaus kauft, funktioniert dieser Weg nicht. Der Aufwand, extra eine Firma zu gründen, wäre viel teurer als die Steuer selbst.
Ein letzter, sehr wichtiger Punkt für Ihre Planung: Die Banken mögen die Grunderwerbsteuer nicht. Wenn Sie einen Kredit aufnehmen, finanziert die Bank meistens den Wert des Hauses. Wenn das Haus 400.000 Euro wert ist, gibt die Bank Ihnen oft 400.000 Euro (oder etwas weniger).
Die Grunderwerbsteuer (zusammen mit Notar- und Maklerkosten) sind aber Kosten, die „weg“ sind. Sie erhöhen den Wert des Hauses nicht. Deshalb verlangen Banken fast immer, dass Sie die Kaufnebenkosten (also Steuer, Notar, Makler) aus Ihrem eigenen Ersparten bezahlen.
Das nennt man Eigenkapital. In einem Bundesland mit 6,5 Prozent Steuer, plus 2 Prozent Notar und vielleicht 3,57 Prozent Makler sind schnell 12 Prozent des Kaufpreises fällig. Bei 400.000 Euro sind das fast 50.000 Euro Nebenkosten. Dieses Geld müssen Sie auf dem Konto haben, bevor Sie überhaupt an den Kredit denken. Die Grunderwerbsteuer ist oft der größte Brocken dabei.
Die Grunderwerbsteuer ist eine bittere Pille beim Immobilienkauf. Sie ist hoch, sie variiert je nach Wohnort, und man kommt kaum an ihr vorbei.
Denken Sie immer an die einfache Formel:
Wer die Regeln kennt – etwa die Trennung von Inventar oder die Vermeidung von gekoppelten Bauverträgen – kann manchmal ein wenig sparen. Für alle anderen gilt: Planen Sie diese Kosten von Anfang an fest in Ihr Budget ein, damit der Traum vom Eigenheim nicht am Brief vom Finanzamt scheitert.