
Entwicklung von Treu und Glauben im Kaiserreich und in der Weimarer Republik
Stellen Sie sich vor, es ist das Jahr 1900. In Deutschland tritt ein neues, mächtiges Gesetzbuch in Kraft. Es ist das Bürgerliche Gesetzbuch, kurz BGB. Dieses Buch sollte das Zusammenleben der Menschen regeln. Es enthielt Regeln für Käufe, Mieten und Verträge. In diesem dicken Buch gab es einen kleinen Paragrafen mit der Nummer 242. Er lautet ganz einfach: „Der Schuldner ist verpflichtet, die Leistung so zu bewirken, wie Treu und Glauben mit Rücksicht auf die Verkehrssitte es erfordern.“
Was bedeutet das eigentlich? Treu und Glauben ist ein Begriff aus der Welt der Fairness. Man könnte auch sagen: Man muss sich anständig verhalten. Man darf den anderen nicht hintergehen. Man muss Rücksicht auf die Interessen des Gegenübers nehmen. Zu Beginn der Kaiserzeit wusste niemand genau, wie wichtig dieser kleine Satz einmal werden würde. Er war wie ein schlafender Riese.
Nachdem das BGB eingeführt wurde, standen die Richter vor einem Problem. Sie wollten faire Urteile fällen. Manchmal reichten die strengen Regeln des Gesetzes dafür nicht aus. In der Rechtswissenschaft spricht man hier von der Rechtsprechung (Rspr.). Das bedeutet: Wie entscheiden die Gerichte in der Praxis? Das höchste Gericht damals war das Reichsgericht.
Die Richter suchten nach einer Begründung für faire Entscheidungen. Sie nutzten dafür verschiedene alte Werkzeuge. Eines dieser Werkzeuge war die Arglisteinrede. In der Fachsprache nennt man sie exceptio doli. Das klingt kompliziert, meint aber etwas Einfaches: Jemand darf ein Recht nicht nutzen, wenn er dabei böse Absichten hat. Wenn Sie zum Beispiel jemanden absichtlich in eine Falle locken, dürfen Sie später nicht auf Ihr Recht pochen.
Die Richter waren sich zuerst unsicher. Welchen Paragrafen sollten sie nutzen?
Schließlich erkannten sie: Der Paragraf 242 ist der beste Kern. Er ist ein allgemeiner Grundsatz. Er steht über den einzelnen kleinen Regeln. Er wurde zur „Königsnorm“ des deutschen Rechts.
Nicht jeder fand diese Entwicklung gut. Einige Experten hatten Angst. Sie sagten, die Richter hätten zu viel Macht. Wenn ein Richter einfach nach seinem Gefühl für „Anstand“ entscheidet, ist das Gesetz nicht mehr sicher vorhersagbar. Man nannte das damals kritisch die Treu- und Glaubensjurisprudenz.
Einige Kritiker sprachen sogar von einer „Seuche“. Sie fürchteten, dass das geschriebene Gesetz durch die Gefühle der Richter ersetzt wird. Sie wollten, dass das Gesetz streng und klar bleibt. Doch das Leben ist oft komplizierter als ein Gesetzbuch. Deshalb setzten sich die Richter durch. Sie brauchten ein Werkzeug, um auf unvorhersehbare Ereignisse zu reagieren.
Nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich alles. Die Weimarer Republik begann. Deutschland erlebte eine schwere Zeit. Es gab eine riesige Inflation. Das bedeutet: Das Geld verlor seinen Wert. Wenn Sie sich im Jahr 1914 Geld geliehen hatten, war das 1923 fast gar nichts mehr wert.
Stellen Sie sich vor: Sie haben ein Haus für 10.000 Mark verkauft. Durch die Inflation reicht dieses Geld plötzlich nur noch für ein Brot. Das war für viele Menschen ungerecht. Die alten Gesetze sagten aber: „Mark ist gleich Mark.“ Wer Schulden hatte, konnte diese mit wertlosem Papiergeld zurückzahlen.
Hier griff das Reichsgericht ein. Es nutzte wieder den Paragrafen 242. Die Richter entwickelten die sogenannte Aufwertungsrechtsprechung. Sie sagten: Es widerspricht Treu und Glauben, wenn ein Gläubiger fast nichts für sein Gut bekommt. Die Verträge mussten angepasst werden. Das Geld wurde „aufgewertet“.
In dieser Zeit entstanden wichtige neue Rechtsbegriffe. Diese Begriffe nutzen wir heute noch jeden Tag im Recht:
Manchmal macht jemand beim Vertrag nicht alles falsch, aber er ist unvorsichtig. Er liefert zwar die Ware, macht dabei aber etwas anderes kaputt. Das Gesetz hatte dafür früher keine klare Regel. Das Reichsgericht nutzte § 242, um auch hier Schadenersatz zu ermöglichen.
Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Wenn sich die Welt so stark ändert, dass der ursprüngliche Vertrag keinen Sinn mehr ergibt, muss er geändert werden. Die Inflation war so ein Fall. Niemand konnte damit rechnen, dass das Geld wertlos wird. Die Richter sagten: Die „Grundlage“ des Geschäfts ist weg. Also darf der Richter den Vertrag anpassen. Man nennt das eine gerichtliche Intervention. Der Richter greift in die Freiheit der Vertragspartner ein, um Gerechtigkeit zu schaffen.
Im Jahr 1924 passierte etwas Erstaunliches. Der deutsche Richterverein wehrte sich gegen die Politik. Die Regierung wollte Gesetze machen, die die Aufwertung von Schulden verbieten. Die Richter sagten: Das dürft ihr nicht!
Sie behaupteten, dass Treu und Glauben ein Grundsatz ist, der über dem Gesetzgeber steht. Sie sagten, eine echte Rechtsordnung muss diesen Ehrennamen verdienen. Ohne Anstand und Fairness gibt es kein echtes Recht. Das war der Beginn einer großen Idee. Heute haben wir Grundrechte, die den Staat kontrollieren. Damals nutzten die Richter Treu und Glauben, um den Staat in seine Schranken zu weisen.
Mit der Zeit wurde das Recht immer feiner sortiert. Viele Dinge, die früher nur über § 242 geregelt wurden, bekamen eigene Gesetze. Man nennt das Kodifikation. Wenn ein Thema in einem eigenen Gesetz steht, braucht man den allgemeinen Paragrafen 242 nicht mehr so oft. Man nennt das Auslagerung.
Dennoch blieb § 242 immer wichtig. Er ist wie ein Sicherheitsnetz. Wenn alle anderen Regeln versagen, fängt dieses Netz den Fall auf. Die Bedeutung von Treu und Glauben nahm also nicht ab. Sie wurde nur präziser.
Auch die Professoren an den Universitäten dachten viel nach. Ein berühmter Mann war Rudolf Stammler. Er wollte genau definieren, was Treu und Glauben ist. Er sprach vom „sozialen Ideal“. Er meinte damit: Wir müssen im Recht Rücksicht auf unsere Mitmenschen nehmen. Wir sind keine einsamen Inseln. Wir sind Rechtsgenossen. Das ist ein altes Wort für Mitglieder einer Rechtsgemeinschaft.
Andere Gelehrte stritten darüber, ob man die alten römischen Begriffe wie die exceptio doli noch braucht. Einige wollten alles modernisieren. Andere wollten an der Tradition festhalten. Am Ende wurde es eine Mischung aus beidem. Das moderne deutsche Recht hat seine Wurzeln in der Geschichte, schaut aber auf die Fairness in der Gegenwart.
Was bedeutet das alles für Sie heute? Die Geschichte von Treu und Glauben im Kaiserreich und in der Weimarer Republik zeigt uns:
Das BGB ist also kein starres Gerüst aus Beton. Es ist durch Paragrafen wie 242 lebendig geblieben. Es konnte sich an den Wandel der Zeit anpassen. Ohne diese Flexibilität wäre unsere Rechtsordnung in den Stürmen der Geschichte vielleicht zerbrochen.
Recht kann manchmal sehr kompliziert sein. Die Geschichte zeigt uns aber, dass es im Kern oft um Fairness geht. Wenn Sie rechtliche Fragen haben oder Unterstützung bei Verträgen benötigen, ist es wichtig, Experten an Ihrer Seite zu haben.
Bitte nehmen Sie bei weiteren Fragen oder Beratungsbedarf mit der Anwalts- und Notarkanzlei Krau Kontakt auf.
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