
Wie soziale Medien vor Gericht bewerten
Sie finden verdächtige Beiträge auf Facebook. Diese könnten Ihren Rechtsstreit entscheiden. Doch sind solche Posts wirklich starke Beweismittel? Viele Menschen unterschätzen die rechtlichen Hürden. Ein einfacher Screenshot reicht oft nicht aus.
Soziale Medien prägen unseren Alltag. Streitigkeiten verlagern sich zunehmend in die digitale Welt. Gerichte müssen sich immer öfter mit Posts aus Facebook, Instagram oder Co. befassen1. Die rechtliche Bewertung solcher Beweise ist komplex. Wir erklären Ihnen, worauf es ankommt.
Im deutschen Zivilprozess gilt der Grundsatz der freien Beweiswürdigung. Das Gericht entscheidet nach seiner freien Überzeugung, was es für wahr hält6. Dieser Grundsatz steht in Paragraf 286 ZPO2. Das bedeutet: Das Gericht darf alle Beweismittel würdigen. Es ist nicht an starre Beweisregeln gebunden.
Bei Facebook-Posts handelt es sich um elektronische Dokumente1. Diese können als Augenscheinobjekte in den Prozess eingeführt werden. Doch hier gibt es ein wichtiges Problem: Für Facebook- und Twitter-Erklärungen besteht kein Anschein der Echtheit nach Paragraf 371a Abs. 1 ZPO3. Das Gericht muss also jeden Post einzeln prüfen.
Der Beweiswert von Facebook-Einträgen ist oft gering3. Das hat mehrere Gründe: Jeder kann ein Konto unter falschem Namen anlegen. Die Anmeldung erfolgt über eine E-Mail-Adresse. Diese deutet nicht zwingend auf eine bestimmte Person hin3. Zudem sind Facebook-Posts oft öffentlich. Sie zielen darauf ab, von vielen Personen gelesen zu werden. Die Übertragung erfolgt häufig unverschlüsselt3.
Viele Parteien legen Screenshots von Facebook-Posts als Beweis vor. Ein Screenshot ist ein elektronisches Dokument4. Er bildet den Bildschirminhalt ab. Doch ohne elektronische Signatur unterfällt der Screenshot der freien Beweiswürdigung4.
Das Problem: Ein Screenshot kann manipuliert werden. Das Gericht weiß dies aus Erfahrung4. Ein pauschales Bestreiten reicht allerdings nicht aus. Der Gegner muss konkrete Anhaltspunkte gegen die Richtigkeit vorbringen4. Er kann nicht einfach sagen: Der Screenshot ist falsch.
Besonders bei Instagram-Stories helfen Screenshots4. Diese Nachrichten sind nur zeitlich begrenzt sichtbar. Ein Screenshot sichert den Inhalt für den Prozess. Doch auch hier bleibt das Problem der Authentizität bestehen.
Herr Müller findet einen beleidigenden Post auf Facebook. Der Post stammt angeblich von seinem Nachbarn Herrn Schmidt. Der Post nennt Herrn Müller beim Namen und enthält schwere Vorwürfe. Herr Müller macht einen Screenshot und klagt auf Unterlassung.
Das Gericht bewertet den Screenshot kritisch. Der Account trägt den Namen „Hans Schmidt“. Doch dies beweist nicht, dass der Nachbar Schmidt den Account führt3. Jeder könnte diesen Namen verwenden. Herr Müller nennt keine Zeugen, die bestätigen können, dass der Account dem Nachbarn gehört. Das Gericht kann die Urheberschaft nicht feststellen. Die Klage scheitert an mangelnder Beweisführung.
Eine Firma entdeckt vertrauliche Informationen auf Facebook. Ein ehemaliger Mitarbeiter soll diese Daten gepostet haben. Die Firma sichert den Post durch Screenshots. Sie klagt auf Schadensersatz.
Das Gericht prüft den Beweiswert des Screenshots4. Der Accountname entspricht dem Namen des ehemaligen Mitarbeiters. Doch dies reicht nicht aus3. Die Firma legt keine weiteren Beweise vor. Sie benennt keine Zeugen, die bestätigen, dass der Mitarbeiter diesen Account nutzt. Auch der Mitarbeiter bestreitet, den Post verfasst zu haben. Er behauptet, sein Account sei gehackt worden5. Das Gericht zweifelt an der Echtheit des Posts. Die Klage bleibt erfolglos.
Eine Arbeitnehmerin wird angeblich krankgeschrieben. Ihr Arbeitgeber findet jedoch einen Facebook-Post vom selben Tag. Die Frau posiert auf einem Foto mit Freunden in einer Bar. Der Arbeitgeber kündigt fristlos wegen Arbeitszeitbetrugs.
Die Arbeitnehmerin bestreitet den Post. Sie behauptet, das Foto sei manipuliert4. Der Arbeitgeber legt nur einen Screenshot vor. Er kann keine Zeugen benennen, die den Post live gesehen haben. Er kann auch nicht beweisen, dass das Foto tatsächlich am behaupteten Tag erstellt wurde. Das Arbeitsgericht hält den Beweis für unzureichend. Die Kündigung wird als unwirksam eingestuft.
Trotz der Probleme können Facebook-Posts relevante Beweismittel sein. Das Gericht wird den Post würdigen, wenn ausreichende Indizien sprechen6. Wichtig ist die Gesamtwürdigung aller Umstände.
Ein Post ist glaubwürdiger, wenn er Details enthält. Nur der wahre Verfasser kann diese Details kennen. Auch der Zeitpunkt des Posts spielt eine Rolle. Wurde der Post zu einem kritischen Zeitpunkt verfasst? Spricht dies für eine bestimmte Absicht?
Zeugen können die Authentizität bestätigen7. Hat jemand den Post live gesehen? Kann dieser Zeuge bestätigen, dass der Account einer bestimmten Person gehört? Solche Zeugenaussagen stärken den Beweiswert erheblich.
Technische Hinweise helfen ebenfalls8. WhatsApp-Nachrichten zeigen etwa an, wann eine Nachricht versendet und gelesen wurde. Auch bei Facebook gibt es solche Anzeigen. Sie können die Beweisführung unterstützen.
Im Zivilprozess gilt der Grundsatz: Wer behauptet, muss beweisen9. Die Partei, die sich auf einen Facebook-Post beruft, muss dessen Echtheit beweisen. Das ist oft schwierig5.
Die Beweislast trifft den Beweisführer9. Er muss darlegen und beweisen, dass der Post echt ist. Er muss die Identität des Verfassers klären. Ohne diesen Nachweis bleibt der Post ohne Beweiswert.
Das Gericht darf keine „unerfüllbaren Beweisanforderungen“ stellen10. Doch es darf sich auch nicht mit bloßer Wahrscheinlichkeit begnügen. Es muss zur Überzeugung gelangen, dass eine Behauptung wahr ist10. Diese Überzeugung muss fest und begründet sein.
Sie sollten Facebook-Posts sorgfältig sichern. Ein einfacher Screenshot reicht oft nicht aus4. Machen Sie mehrere Screenshots aus unterschiedlichen Perspektiven. Dokumentieren Sie auch URL und Zeitpunkt des Posts.
Suchen Sie nach Zeugen7. Hat jemand den Post live gesehen? Kann diese Person bestätigen, dass der Account einer bestimmten Person gehört? Solche Zeugenaussagen sind wertvoll.
Sichern Sie auch Kontextinformationen. Welche anderen Posts hat der Account veröffentlicht? Welchen Inhalt hat der Account sonst? Diese Informationen helfen bei der Gesamtwürdigung.
Notieren Sie alles sorgfältig. Wann haben Sie den Post entdeckt? Wie haben Sie ihn gesichert? Je genauer Ihre Dokumentation, desto höher ist der Beweiswert.
Die Beweisführung mit Facebook-Posts ist komplex. Oft scheitern Klagen an mangelnder Beweiskraft710. Ein erfahrener Anwalt bewertet Ihre Beweise richtig. Er entwickelt eine Strategie für Ihren Prozess.
Die Anwalts- und Notarkanzlei Krau in Hohenahr unterstützt Sie bundesweit. Wir prüfen Ihre Beweismittel sorgfältig. Wir zeigen Ihnen, wie Sie Ihre Position stärken. Kontaktieren Sie uns für eine rechtssichere Beratung zu Ihrem individuellen Fall.
Ein Screenshot ist grundsätzlich als Beweismittel zulässig. Doch unterliegt er der freien Beweiswürdigung des Gerichts4. Ohne weitere Beweise ist der Beweiswert oft gering, da Screenshots manipuliert werden können4. Sie sollten ergänzende Beweise wie Zeugen oder technische Hinweise sammeln.
Die bloße Übereinstimmung des Accountnamens reicht nicht aus3. Sie müssen die Identität des Kontoinhabers durch andere Beweise belegen5. Zeugen, die bestätigen können, dass die Person diesen Account nutzt, sind besonders wertvoll7. Auch der Inhalt der Posts kann Hinweise geben.
Diese Behauptung ist möglich und wird oft vorgebracht5. Dann müssen Sie als Beweisführer zusätzliche Indizien liefern. Das Gericht wird alle Umstände würdigen6. Zeugen, die den Account regelmäßig nutzen, können helfen, solche Behauptungen zu entkräften.
Grundsätzlich ja, wenn der Beweis rechtswidrig erlangt wurde11. Doch können Beweisverbote greifen, wenn der Schutz der Privatsphäre schwerwiegt. Die Abwägung erfolgt im Einzelfall. Ein Anwalt prüft, ob der Beweis verwertbar ist.
Es gibt keine feste Verjährungsfrist für Beweismittel. Doch Posts können gelöscht oder Accounts geschlossen werden7. Das OLG Oldenburg hat entschieden, dass nach Löschung eines Kontos und Ablauf einer Übergangszeit keine Daten mehr vorhanden sind7. Sichern Sie Beweise daher so schnell wie möglich.
Zitiernachweise:
1
Schwarz – Hoeren/Sieber/Holznagel MMR-HdB | Teil 13.2 Beweisqualität elektronischer Dokumente Rn. 1
2
Prütting – MüKoZPO | ZPO Paragraf 286
3
Schwarz, B. E. Brisch, K. M. Brisch – Hoeren/Sieber/Holznagel MMR-HdB | Teil 13.2 Beweisqualität elektronischer Dokumente Rn. 53
4
Pickenpack – BeckOK IT-Recht | ZPO Paragraf 286 Rn. 24-26
5
Loritz – FS Geimer | Beweislastfragen bei strittigen Identitäten und Erklärungsinhalten in der digitalen Welt I.
6
Ramstetter – BeckOGK | ZPO Paragraf 286 Rn. 60-151
7
OLG Oldenburg 13 U 6/24
8
Pickenpack – BeckOK IT-Recht | ZPO Paragraf 286 Rn. 21-23
9
Jennifer Müller – Möllers/Heid Polizei-WB | „Beweiswürdigung
10
LG Köln 14 O 401/21
11
Foerste – Musielak/Voit | ZPO Paragraf 286 Rn. 6
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