Fortdauer der Vertretungsbefugnis bei Verschmelzung
BGH, 01.12.2003 – II ZR 161/02
Hier finden Sie eine präzise und verständliche Zusammenfassung des Urteils des Bundesgerichtshofs (BGH) vom 1. Dezember 2003 (Aktenzeichen: II ZR 161/02).
In diesem Fall stritt sich ein ehemaliger Geschäftsführer mit seinem früheren Arbeitgeber, einem Energieversorgungsunternehmen (Stadtwerke). Der Geschäftsführer hatte einen Vertrag, der eigentlich bis Ende 2001 laufen sollte. Doch das Unternehmen kündigte ihm bereits im August 2000 fristlos.
Der Grund für die erste Kündigung war, dass der Geschäftsführer Anweisungen missachtet und sich kritisch in der Presse geäußert haben soll. Der Geschäftsführer wehrte sich gegen diese Kündigung und forderte sein Gehalt für die Zeit danach ein. Während der Prozess bereits lief, entdeckte das Unternehmen einen weiteren, viel schwerwiegenderen Grund: Der Geschäftsführer hatte ohne Erlaubnis hochriskante Finanzgeschäfte (sogenannte Devisen-Swaps) in Millionenhöhe abgeschlossen.
Das Unternehmen wollte diesen neu entdeckten Grund nutzen, um die bereits ausgesprochene Kündigung nachträglich zu rechtfertigen. Man nennt dies im Juristendeutsch das „Nachschieben von Kündigungsgründen“.
Der Bundesgerichtshof (BGH) musste klären, ob das Unternehmen diesen neuen Grund (die riskanten Finanzgeschäfte) überhaupt noch vorbringen durfte, obwohl die Kündigung schon lange ausgesprochen war.
Bevor es um den Inhalt ging, gab es eine technische Hürde. Das Unternehmen hatte sich im Laufe der Zeit verändert (eine GmbH wurde auf eine Aktiengesellschaft verschmolzen). Bei einer Aktiengesellschaft muss der Aufsichtsrat die Firma vertreten, wenn es um Rechtsstreite mit (ehemaligen) Vorständen oder Geschäftsführern geht.
Hier hatten zunächst die Vorstände gehandelt. Der BGH entschied jedoch, dass dies den Prozess nicht scheitern lässt. Da der Aufsichtsrat die bisherige Prozessführung nachträglich genehmigt hatte, war alles rechtlich in Ordnung.
Das ist die zentrale Frage des Urteils. Das Berufungsgericht (die Instanz vor dem BGH) hatte zuvor entschieden, dass das Unternehmen den Grund mit den Finanzgeschäften nicht mehr nutzen dürfe. Es argumentierte, dass dieser Grund nichts mit den ursprünglichen Vorwürfen (Presseäußerungen) zu tun habe und viel zu spät vorgebracht wurde.
Der BGH sah das anders und hob das vorherige Urteil auf. Er stellte wichtige Regeln für die Kündigung von Geschäftsführern klar:
Der BGH erklärte, dass ein gekündigter Geschäftsführer damit rechnen muss, dass das Unternehmen nach weiteren Fehlern sucht, wenn man sich vor Gericht streitet. Ein Unternehmen darf einen Grund sogar erst dann „aus der Schublade ziehen“, wenn es im Prozess eng wird, solange die Tat vor der Kündigung begangen wurde.
Obwohl der BGH die Rechtslage klärte, konnte er den Fall nicht endgültig beenden. Das liegt daran, dass der BGH als Revisionsinstanz nur Rechtsfragen prüft, aber keine Zeugen vernimmt oder Beweise zu Details erhebt.
Das Berufungsgericht hatte sich nicht genau genug damit befasst, ob diese „Devisen-Swap-Geschäfte“ wirklich so schlimm waren, dass eine fristlose Kündigung gerechtfertigt ist. Der Geschäftsführer hatte dazu Gegenargumente vorgebracht, die bisher ignoriert wurden.
Zudem muss noch genau geprüft werden, ob das richtige Organ des Unternehmens (damals die Gesellschafterversammlung) beschlossen hat, die Kündigung auf diesen neuen Grund zu stützen. Bei einer GmbH oder AG darf nicht jeder Mitarbeiter entscheiden, einen neuen Kündigungsgrund in einen Prozess einzuführen; das muss das zuständige Gremium tun.
Dieses Urteil ist ein starkes Signal für Arbeitgeber. Es besagt: Wenn Sie einem Geschäftsführer kündigen und später kommt heraus, dass er noch viel schlimmere Dinge getan hat (wie riskante Spekulationen), können Sie diese Vorwürfe fast immer in den laufenden Prozess einbringen.
Für Geschäftsführer bedeutet dies: Eine Kündigungsschutzklage ist riskant. Wenn das Unternehmen im Zuge des Prozesses „Leichen im Keller“ findet, können diese die Kündigung auch dann retten, wenn die ursprünglichen Kündigungsgründe eigentlich zu schwach waren.
Rechtliche Auseinandersetzungen zwischen Gesellschaften und ihren Organmitgliedern sind hochkomplex und erfordern eine präzise Strategie. Wenn Sie sich in einer ähnlichen Situation befinden oder Fragen zu Geschäftsführerverträgen und Kündigungen haben, sollten Sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.
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