Kein Stimmrecht des Geschäftsführers bei der Entscheidung über seine eigene Abberufung
Stellen Sie sich vor, es brodelt in einer Firma. Die Stimmung im Konferenzraum ist eisig. Die Eigentümer der Firma (die Gesellschafter) sind zusammengekommen, um eine schwerwiegende Entscheidung zu treffen. Es geht um den Geschäftsführer. Er soll gehen. Und zwar sofort.
Der Vorwurf wiegt schwer: Er soll angeblich in die Kasse gegriffen oder der Firma massiv geschadet haben. Juristen nennen das eine „Abberufung aus wichtigem Grund“.
Aber es gibt eine Besonderheit in diesem Szenario: Der Geschäftsführer ist nicht nur Angestellter, sondern ihm gehört auch ein Teil der Firma. Er ist selbst Gesellschafter. Normalerweise darf er bei allen Entscheidungen mitbestimmen. Aber darf er das auch jetzt? Darf er mit „Nein“ stimmen, um seinen eigenen Rauswurf zu verhindern?
Die kurze Antwort lautet: Nein, in diesem speziellen Fall in der Regel nicht.
Aber warum ist das so? Und wo liegen die Tücken? Um das wirklich zu verstehen und die 1000-Wörter-Marke sinnvoll mit Wissen zu füllen, tauchen wir nun tief – aber ganz entspannt – in die Welt der GmbH-Regeln ein.
Bevor wir den Streitfall lösen, müssen wir die Rollen klären. In einer GmbH (Gesellschaft mit beschränkter Haftung) gibt es zwei Hauptakteure:
Oft sind diese Rollen getrennt. Aber gerade in mittelständischen deutschen Firmen kommt es sehr oft vor, dass eine Person beides ist: Gesellschafter-Geschäftsführer. Ihm gehört ein Teil der Firma, und er leitet sie auch.
In der Versammlung der Gesellschafter gilt normalerweise das Prinzip: Wer mehr Anteile hat, hat mehr zu sagen. Wenn Sie 51 % der Firma besitzen, können Sie theoretisch fast alles entscheiden.
Doch das Gesetz kennt eine wichtige Bremse. Diese Bremse soll verhindern, dass jemand seine Macht missbraucht.
Der entscheidende Paragraph im deutschen Gesetzbuch für GmbHs ist der § 47 Absatz 4 GmbHG. Keine Sorge, wir müssen den Gesetzestext nicht auswendig lernen. Der Inhalt ist viel wichtiger und eigentlich sehr logisch.
Das Gesetz sagt sinngemäß: Ein Gesellschafter darf nicht mit abstimmen, wenn die Abstimmung ein Rechtsgeschäft oder einen Rechtsstreit mit ihm selbst betrifft.
Das ist das Prinzip des Interessenkonflikts. Stellen Sie sich ein Fußballspiel vor. Wenn ein Spieler gleichzeitig der Schiedsrichter wäre, würde er sich selbst niemals eine Rote Karte zeigen, oder? Er würde immer zu seinen Gunsten pfeifen. Das wäre unfair für alle anderen Spieler.
Genau das überträgt das Gesetz auf die GmbH:
Wenn darüber abgestimmt wird, ob der Geschäftsführer etwas verbrochen hat, das so schlimm ist, dass er sofort gehen muss, dann ist er in diesem Moment „befangen“. Er kann nicht objektiv zum Wohle der Firma entscheiden, weil er nur an seinen eigenen Job und sein Gehalt denkt.
Deshalb greift hier das sogenannte Stimmverbot.
Das Stimmverbot greift nicht immer, wenn man einen Geschäftsführer loswerden will. Es greift vor allem dann, wenn ein „wichtiger Grund“ vorliegt. Das ist der Knackpunkt.
Was ist ein wichtiger Grund?
Ein wichtiger Grund ist ein Vorfall, der so schwerwiegend ist, dass den anderen Gesellschaftern eine Zusammenarbeit nicht mehr zugemutet werden kann. Es muss quasi „unerträglich“ sein, diesen Geschäftsführer auch nur einen Tag länger im Amt zu lassen.
Hier sind typische Beispiele für Laien verständlich gemacht:
Wenn so etwas auf der Tagesordnung steht, geht es nicht mehr um Geschmacksfragen („Wir finden deine Strategie nicht gut“), sondern um den Schutz der Firma vor einer Person.
In diesem Szenario gilt:
Der betroffene Gesellschafter-Geschäftsführer darf bei der Abstimmung über seine eigene Abberufung nicht mitstimmen. Seine Stimmen werden einfach nicht gezählt. Es entscheiden allein die anderen Gesellschafter.
Jetzt wird es kurz etwas komplizierter, aber das ist wichtig, um den ganzen Mechanismus zu verstehen.
Man kann einen Geschäftsführer auch ohne wichtigen Grund abberufen. Das nennt man „ordentliche Abberufung“.
Das passiert oft, wenn die Gesellschafter einfach eine neue Strategie wollen, frischen Wind brauchen oder die Chemie einfach nicht mehr stimmt, ohne dass der Geschäftsführer etwas „Böses“ getan hat.
In diesem Fall (ohne wichtigen Grund) darf er meistens mitstimmen!
Warum? Weil es hier nicht um eine Strafe oder einen Rechtsstreit geht, sondern um eine organisatorische Entscheidung. Wenn der Geschäftsführer die Mehrheit der Anteile hat (z. B. 60 %), kann er in diesem Fall sagen: „Nein, ich bleibe.“ Und dann bleibt er auch. Das ist sein Recht als Mehrheitseigentümer.
Aber: Sobald ein wichtiger Grund (Diebstahl, Betrug, etc.) im Raum steht, kippt dieses Recht. Der Schutz der Firma wiegt dann schwerer als das Eigentumsrecht des Gesellschafters. Selbst wenn er 90 % der Anteile hat, darf er bei einer gravierenden Pflichtverletzung nicht mitstimmen, um seinen Kopf zu retten.
Um das Ganze greifbarer zu machen, erzählen wir die Geschichte der „Bäckerei-Freunde GmbH“.
Die Situation:
Es gibt zwei Gesellschafter:
Szenario A (Der Streit um die Farbe):
Moritz möchte, dass die Bäckerei-Filialen rosa gestrichen werden. Max findet das furchtbar. Moritz stellt den Antrag: „Max wird als Geschäftsführer abberufen, weil er meinen Farb-Wunsch nicht umsetzt.“
Szenario B (Der Griff in die Kasse):
Moritz findet heraus, dass Max seit Monaten Geld aus der Kasse nimmt, um seine Spielschulden zu bezahlen. Er hat Beweise. Moritz beruft eine Versammlung ein mit dem Ziel: „Abberufung von Max aus wichtigem Grund wegen Veruntreuung.“
Dieses Beispiel zeigt sehr schön, wie das Stimmverbot den Minderheitsgesellschafter (Moritz) schützt, wenn der Mächtige (Max) der Firma schadet.
Für Laien ist oft verwirrend, dass es rechtlich zwei verschiedene Dinge sind, jemanden „zu feuern“. Wir müssen das trennen:
Das Gesetz (§ 47 Abs. 4 GmbHG) sagt klar, dass das Stimmverbot für Rechtsstreitigkeiten gilt. Wenn ein wichtiger Grund vorliegt, darf der betroffene Geschäftsführer in der Regel weder bei seiner Abberufung (Amtsenthebung) noch bei der fristlosen Kündigung seines Anstellungsvertrags mitstimmen. Beides geht Hand in Hand.
Der Grund ist derselbe: Wer der Firma so geschadet hat, dass er gehen muss, soll nicht darüber entscheiden dürfen, ob der Vertrag beendet wird.
Nur weil er nicht abstimmen darf, heißt das nicht, dass man ihn knebeln und fesseln darf. Wir leben in einem Rechtsstaat.
Auch wenn ein Stimmverbot besteht, hat der betroffene Geschäftsführer Rechte in der Versammlung:
Das Stimmverbot nimmt ihm also nur die Macht zur Entscheidung, nicht die Macht zur Verteidigung.
Hier liegt das größte Problem in der Praxis.
In der Versammlung sagt Moritz: „Du hast geklaut, das ist ein wichtiger Grund, du hast Stimmverbot!“
Max sagt: „Hab ich nicht! Das ist eine Lüge! Es gibt keinen wichtigen Grund, also darf ich mitstimmen!“
Wer hat Recht?
In der Sekunde der Versammlung entscheidet meist der Versammlungsleiter. Wenn er feststellt, dass ein wichtiger Grund plausibel dargelegt ist, wird er das Stimmverbot verhängen.
Aber Vorsicht: Wenn sich später vor Gericht herausstellt, dass Max gar nicht geklaut hat, dann war das Stimmverbot falsch.
Dann ist der Rauswurf unwirksam. Max wäre dann die ganze Zeit noch Geschäftsführer gewesen. Die Firma müsste ihm unter Umständen das volle Gehalt nachzahlen.
Deshalb ist der Ausschluss des Stimmrechts ein scharfes Schwert, das man nur nutzen sollte, wenn die Beweise wirklich auf dem Tisch liegen. Ein bloßer Verdacht reicht oft nicht aus, um einem Mehrheitsgesellschafter sein Stimmrecht zu entziehen.
Das deutsche Gesellschaftsrecht ist eigentlich sehr fair. Es schützt das Eigentum (deshalb darf man normalerweise mitstimmen), aber es schützt die Firma vor Kriminellen oder Zerstörern (deshalb das Stimmverbot bei wichtigem Grund).
Für Laien ist die wichtigste Erkenntnis: Ein Geschäftsführer-Gesellschafter sitzt nicht unkündbar im Sattel, nur weil er Anteile besitzt. Wenn er sich massiv fehlverhält, nehmen ihm die anderen Gesellschafter das Steuer aus der Hand – und er kann nichts dagegen tun, außer später vor Gericht zu ziehen.
In der Hitze des Gefechts im Konferenzraum bedeutet das: Wenn die Beweise für eine schwere Verfehlung auf dem Tisch liegen, muss der beschuldigte Chef schweigen, wenn es zur Abstimmung kommt. Seine Hand bleibt unten.