Subsidiarität der Verfassungsbeschwerde bezüglich Grundbuchberichtigung
BVerfG (2. Kammer des Zweiten Senats), Beschluss vom 1.10.2018 – 2 BvR 1649/18
In diesem Text erkläre ich Ihnen eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts. Es geht um einen komplizierten Streit um ein Erbe und ein Haus. Das Gericht hat hier klargestellt, wann man sich überhaupt an das höchste deutsche Gericht wenden darf und wann man erst andere Wege gehen muss.
Stellen Sie sich vor, Sie fühlen sich von einem deutschen Gericht ungerecht behandelt. Ihr erster Impuls ist vielleicht, sofort zum Bundesverfassungsgericht nach Karlsruhe zu gehen. Doch so einfach ist das nicht. Das Gericht hat im Fall einer Frau (der sogenannten Beschwerdeführerin) entschieden, dass ihre Beschwerde unzulässig ist.
Der Grund dafür ist ein wichtiges Prinzip im deutschen Recht: die Subsidiarität. Das ist ein langes Wort für eine einfache Regel: Das Bundesverfassungsgericht ist nur die „letzte Rettung“. Bevor Sie dorthin gehen, müssen Sie wirklich alles versucht haben, was die normalen Gesetze und Gerichte Ihnen bieten.
Wenn Sie behaupten, dass Ihre Grundrechte verletzt wurden, müssen Sie zuerst alle anderen rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen. Das bedeutet:
Um zu verstehen, warum die Frau in diesem Fall keinen Erfolg hatte, schauen wir uns die Hintergründe an. Es geht um eine Immobilie, die einer Frau und ihrem Lebensgefährten gemeinsam gehörte.
Der Lebensgefährte verstarb. Er hatte ein handschriftliches Testament hinterlassen. Darin stand, dass eine Stiftung alles erben sollte. Aber: Die Frau sollte seinen Anteil an dem gemeinsamen Haus als „Vermächtnis“ bekommen. Ein Vermächtnis bedeutet, dass man nicht der offizielle Erbe ist, aber einen Anspruch auf einen bestimmten Gegenstand (hier das halbe Haus) hat.
Die Kinder des Verstorbenen sahen das anders. Sie ließen sich einen Erbschein ausstellen, der sie als Erben auswies. Damit standen sie plötzlich als Miteigentümer im Grundbuch – anstelle des verstorbenen Vaters. Die Frau wollte das verhindern. Sie wollte einen „Widerspruch“ im Grundbuch eintragen lassen, damit die Kinder das Haus nicht einfach verkaufen oder versteigern können.
Die Kinder wollten das Haus zu Geld machen. Sie beantragten eine sogenannte Teilungsversteigerung. Das ist ein Verfahren, bei dem ein gemeinsames Grundstück zwangsweise versteigert wird, damit der Erlös unter den Eigentümern aufgeteilt werden kann. Die Frau hatte Angst, dadurch ihr Zuhause zu verlieren.
Die Frau zog vor das Bundesverfassungsgericht. Sie sagte: „Mein Recht auf Eigentum (Artikel 14 des Grundgesetzes) wird verletzt, weil die Gerichte mir den Schutz im Grundbuch verweigern.“
Das Bundesverfassungsgericht lehnte die Beschwerde jedoch ab. Die Richter sagten der Frau sinngemäß: „Sie haben noch nicht alles getan, was Sie hätten tun können.“
Ein Hauptpunkt war, dass die Frau noch gar nicht endgültig vor einem normalen Gericht geklärt hatte, ob ihr das Haus-Vermächtnis überhaupt rechtlich zusteht. Es lief zwar ein Verfahren dazu, aber es gab noch kein fertiges Urteil. Da das Bundesverfassungsgericht keine Tatsachen ermittelt, sondern nur die Verfassung prüft, muss erst ein normales Gericht feststellen, wer im Recht ist.
Das Gericht erklärte auch, dass die Frau nicht schutzlos ist. In dem Verfahren zur Versteigerung des Hauses (der Teilungsversteigerung) gibt es Regeln, die sie schützen. Ein anderes Gericht hatte die Versteigerung bereits vorläufig gestoppt. Damit war die Gefahr, dass das Haus sofort weg ist, erst einmal gebannt.
Obwohl die Frau in diesem speziellen Moment keinen Erfolg hatte, betonte das Bundesverfassungsgericht etwas sehr Wichtiges für alle Bürger.
Das Grundgesetz schützt Ihr Eigentum in Artikel 14. Das Gericht sagt, dass Eigentum die Grundlage dafür ist, dass Sie Ihr Leben frei und eigenverantwortlich gestalten können. Es geht also nicht nur um den materiellen Wert, sondern um Ihre Freiheit.
Aus diesem Schutz des Eigentums folgt, dass der Staat Sie fair behandeln muss, wenn er in Ihr Eigentum eingreift. Das gilt besonders bei Versteigerungen. Die Gerichte müssen:
Was können Sie aus diesem Urteil lernen, falls Sie einmal in einen Rechtsstreit geraten?
Die Frau in diesem Fall muss nun erst einmal den langen Weg durch die normalen Gerichte zu Ende gehen. Erst wenn sie dort endgültig verliert und glaubt, dass die Richter dabei die Verfassung ignoriert haben, darf sie wieder nach Karlsruhe kommen.
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