Testamentsvollstrecker eines Miterben verlangen von anderen Miterben anteiligen Ersatz von Aufwendungen – BGH IV ZR 285/02

August 3, 2020

Testamentsvollstrecker eines Miterben verlangen von anderen Miterben anteiligen Ersatz von Aufwendungen – BGH IV ZR 285/02

Zusammenfassung RA und Notar Krau

Hintergrund des Falls

Die Kläger sind gemeinschaftliche Testamentsvollstrecker eines Miterben und verlangen vom Beklagten, einem weiteren Miterben, den anteiligen Ersatz von Aufwendungen.

Der Erblasser hinterließ zwei Söhne aus erster Ehe und den Beklagten als zweiten Ehemann. Ein Sohn ist behindert, und für ihn wurde eine Dauertestamentsvollstreckung angeordnet.

Der Nachlass, bestehend aus ertragsreichem Grundvermögen, sollte dessen Versorgung sichern.

Hauptsächliche Rechtsfragen

Können die Testamentsvollstrecker eines Miterben die Prozesskosten eines erfolglosen Nachlassanspruchs gegen einen anderen Miterben erstattet bekommen?

Trägt ein Miterbe anteilig die Kosten eines Rechtsstreits, auch wenn er selbst der Beklagte ist und den Prozess gewonnen hat?

Müssen Miterben die Kosten eines Wirtschaftsprüfungsgutachtens zur Klärung möglicher Schadensersatzansprüche gegen einen von ihnen tragen?

Testamentsvollstrecker eines Miterben verlangen von anderen Miterben anteiligen Ersatz von Aufwendungen – BGH IV ZR 285/02

Entscheidung des Gerichts

Der Bundesgerichtshof (BGH) entschied, dass die Kosten des erfolglosen Prozesses und des Wirtschaftsprüfungsgutachtens anteilig von allen Miterben, einschließlich des Prozessgegners, zu tragen sind.

Begründung des Urteils

1. Kosten eines verlorenen Prozesses

Die Kläger führten einen Prozess gegen den Beklagten zur Rückforderung von 125.184,15 DM, die er aus einem Bausparvertrag der Erblasserin erhalten hatte.

Der Prozess wurde in zwei Instanzen verloren und die Kläger trugen die Kosten.

Der BGH entschied, dass die Prozesskosten dennoch von allen Miterben anteilig zu tragen sind, da die Einziehung von Nachlassforderungen grundsätzlich im Interesse der gesamten Erbengemeinschaft liegt, unabhängig vom individuellen Nutzen für jeden Miterben.

2. Einholung eines Wirtschaftsprüfungsgutachtens

Die Kläger beauftragten ein Wirtschaftsprüfungsgutachten, um mögliche Schadensersatzansprüche gegen den Beklagten zu klären, der die Nachlassgrundstücke fast zehn Jahre verwaltet hatte.

Testamentsvollstrecker eines Miterben verlangen von anderen Miterben anteiligen Ersatz von Aufwendungen – BGH IV ZR 285/02

Der BGH befand, dass die Kosten für das Gutachten ebenfalls von allen Miterben zu tragen sind, da die Überprüfung der Geschäftsführung des Beklagten im Interesse der gesamten Erbengemeinschaft lag.

3. Besondere Konstellationen bei gemeinschaftlichen Testamentsvollstreckern

Der BGH hob hervor, dass die Zusammenarbeit mehrerer Testamentsvollstrecker zur Wahrnehmung ihrer Aufgaben gehört und Meinungsverschiedenheiten unter ihnen im Rahmen ihrer Vergütung nach § 2221 BGB abgegolten sind. Kosten für Verfahren zur Klärung interner Meinungsverschiedenheiten sind daher nicht zusätzlich aus dem Nachlass zu erstatten.

Verteilung der Kosten des Rechtsstreits

Die Kosten des Rechtsstreits in erster Instanz tragen die Kläger zu je 22% und der Beklagte zu 56%.
Die Kosten der zweiten und dritten Instanz tragen die Kläger zu je 10% und der Beklagte zu 80%.

Ergebnis des Urteils

Der Beklagte wurde verurteilt, an die Kläger zugunsten des Miterben S. W. über den bereits ausgeurteilten Betrag hinaus weitere 18.692,41 € nebst Zinsen zu zahlen.

Damit wurden die Aufwendungen für den verlorenen Prozess und das Wirtschaftsprüfungsgutachten als gemeinschaftliche Verpflichtungen der Erbengemeinschaft anerkannt, die anteilig von allen Miterben zu tragen sind.

Rechtsgrundlagen und wichtige Erwägungen

Testamentsvollstrecker eines Miterben verlangen von anderen Miterben anteiligen Ersatz von Aufwendungen – BGH IV ZR 285/02

§ 2218 BGB: Regelung der Aufwendungsersatzansprüche eines Testamentsvollstreckers.
§ 2221 BGB: Vergütung des Testamentsvollstreckers.
§ 2224 BGB: Einvernehmen unter mehreren Testamentsvollstreckern.
§ 2046 BGB: Nachlassverbindlichkeiten als gemeinschaftliche Lasten der Erben.
§ 2039 BGB: Recht der Miterben zur Einziehung von Nachlassforderungen.
§ 683 BGB: Aufwendungsersatz bei Geschäftsführung ohne Auftrag.

Der BGH betonte, dass die Aufgaben und Pflichten eines Testamentsvollstreckers sowie die Rechte der Erbengemeinschaft klar geregelt sind.

Die Erbengemeinschaft als Ganzes muss für die Kosten einstehen, die im Rahmen der Verwaltung und Sicherung des Nachlasses anfallen, selbst wenn einzelne Mitglieder der Erbengemeinschaft die Aufwendungen nicht unmittelbar zu vertreten haben.

Zusammenfassung der Entscheidungsgründe

Der BGH verdeutlichte, dass die Erbengemeinschaft für alle Kosten der Nachlassverwaltung aufkommt, auch wenn diese durch den Testamentsvollstrecker eines einzelnen Miterben verursacht werden und der Prozess verloren geht.

Dies gilt, solange diese Kosten im Interesse der gesamten Erbengemeinschaft entstehen.

Auch die Kosten für Wirtschaftsprüfungsgutachten zur Klärung möglicher Schadensersatzansprüche sind von der Erbengemeinschaft zu tragen, wenn sie im Interesse der Verwaltung des Nachlasses und der Erbengemeinschaft stehen.

Die Entscheidung unterstreicht die Pflicht der Miterben zur solidarischen Kostentragung und die umfassende Verantwortung der Testamentsvollstrecker bei der Nachlassverwaltung.

Schlagworte

Warnhinweis:

Die auf dieser Homepage wiedergegebenen Gerichtsentscheidungen bilden einen kleinen Ausschnitt der Rechtsentwicklung über mehrere Jahrzehnte ab. Nicht jedes Urteil muss daher zwangsläufig die aktuelle Rechtslage wiedergeben.

Einige Entscheidungen stellen Mindermeinungen dar oder sind später im Instanzenweg abgeändert oder durch neue obergerichtliche Entscheidungen oder Gesetzesänderungen überholt worden.

Das Recht entwickelt sich ständig weiter. Stetige Aktualität kann daher nicht gewährleistet werden.

Die schlichte Wiedergabe dieser Entscheidungen vermag daher eine fundierte juristische Beratung keinesfalls zu ersetzen.

Für den fehlerhaften juristischen Gebrauch, der hier wiedergegebenen Entscheidungen durch Dritte außerhalb der Kanzlei Krau kann daher keine Haftung übernommen werden.

Verstehen Sie bitte die Texte auf dieser Homepage als gedankliche Anregung zur vertieften Recherche, keinesfalls jedoch als rechtlichen Rat.

Es soll auch nicht der falsche Anschein erweckt werden, als seien die veröffentlichten Urteile von der Kanzlei Krau erzielt worden. Das ist in aller Regel nicht der Fall. Vielmehr handelt es sich um einen allgemeinen Auszug aus dem deutschen Rechtsleben zur Information der Rechtssuchenden.

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