OLG Köln, Beschluss vom 21.04.2021 – 8 AR 11/21

OLG Köln, Beschluss vom 21.04.2021 – 8 AR 11/21

1. Ein Verweisungsbeschluss ist nicht bereits dann willkürlich, wenn ein Gericht von einer Rechtsauffassung abweicht, die sowohl von der obergerichtlichen Rechtsprechung als auch von der Literatur überwiegend vertreten wird.

2. Es ist daher nicht willkürlich, wenn ein Gericht seine örtliche Zuständigkeit verneint, weil es ausführlich begründet annimmt, dass im Falle des mangelbedingten Rücktritts vom Kaufvertrag Erfüllungsort i.S.d. § 29 ZPO für die Rückzahlung des Kaufpreises nicht der Ort der belegenen Kaufsache, sondern der Wohnsitz des Verkäufers ist.

Tenor
Das Landgericht Duisburg ist örtlich zuständig.

Gründe
Auf die zulässige, vom Oberlandesgericht Köln gemäß § 36 Abs. 1, 2 ZPO zu entscheidende Vorlage ist das Landgericht Duisburg als örtlich zuständiges Gericht für den Rechtsstreit zu bestimmen.

1. Das Oberlandesgericht Köln ist gemäß § 36 Abs. 1 Nr. 6, Abs. 2 ZPO für die Entscheidung des negativen Kompetenzstreits zuständig, da die betroffenen Landgerichte Köln und Duisburg in verschiedenen Oberlandesgerichtsbezirken liegen und das im Bezirk des Oberlandesgerichts Köln gelegene Landgericht Köln zuerst mit der Sache befasst worden ist.

2. Die Voraussetzungen für eine Zuständigkeitsbestimmung gemäß § 36 Abs. 1 Nr. 6, § 37 ZPO sind gegeben.

a) Es ist trotz des Wortlauts des § 37 Abs. 1 ZPO („Gesuch“) unschädlich, dass weder Kläger noch die Beklagte um die Bestimmung des zuständigen Gerichts nachgesucht haben. Im Falle des Kompetenzkonflikts gemäß § 36 Abs. 1 Nr. 5 oder 6 ZPO ist die Antragstellung einer Partei entbehrlich und die Vorlage durch eines der beteiligten Gerichte, hier mit Beschluss des Landgerichts Köln vom 11. März 2021, ausreichend (vgl. OLG Köln, Beschluss vom 5. Dezember 2008 – 8 W 109/08, juris).

b) Gemäß § 36 Abs. 1 Nr. 6 ZPO wird das zuständige Gericht bestimmt, wenn verschiedene Gerichte, von denen eines für den Rechtsstreit zuständig ist, sich rechtskräftig für unzuständig erklärt haben.

Solche Unzuständigerklärungen liegen hier mit den Beschlüssen des Landgerichts Köln vom 12. Februar 2021 und des Landgerichts Duisburg vom 1. März 2021 vor. Die Unzuständigerklärungen sind auch „rechtskräftig“ im Sinne des § 36 Abs. 1 Nr. 6 ZPO. Der Verweisungsbeschluss des Landgerichts Köln ist nach § 281 Abs. 2 Satz 2 ZPO unanfechtbar. Gegen den Beschluss, mit dem sich das Landgericht Duisburg für unzuständig erklärt hat, ist ebenfalls kein Rechtsmittel statthaft.

3. Örtlich zuständig ist – aufgrund des bindenden Verweisungsbeschlusses des Landgerichts Köln vom 12. Februar 2021 – das Landgericht Duisburg.

a) Bei der Bestimmung des zuständigen Gerichts gemäß § 36 Abs. 1 Nr. 6 ZPO sind nicht nur allgemeine Zuständigkeitsvorschriften, sondern auch die verfahrensrechtlichen Bindungswirkungen gemäß § 281 Abs. 2 Satz 4 ZPO zu beachten. Die Bindungswirkung des ersten Verweisungsbeschlusses wirkt daher auch im Bestimmungsverfahren fort, weshalb regelmäßig das Gericht als zuständig zu bestimmen ist, an das die Sache durch den ersten – bindenden – Verweisungsbeschluss gelangt ist (vgl. OLG Köln, Beschluss vom 5. Dezember 2008 – 8 W 109/08, OLGR Köln 2009, 493; BayObLG, Beschluss vom 9. Mai 1990 – AR 1 Z 45/90, NJW-RR 1991, 187).

b) Die Bindungswirkung des Verweisungsbeschlusses des Landgerichts Köln gemäß § 281 Abs. 2 Satz 4 ZPO entfällt hier nicht ausnahmsweise wegen objektiver Willkür.

Unbeachtlich ist ein Verweisungsbeschluss regelmäßig nur dann, wenn er auf einer Verletzung rechtlichen Gehörs beruht oder wenn er schwere offensichtliche Rechtsmängel aufweist oder gar jeder Rechtsgrundlage entbehrt und aus diesen Gründen objektiv willkürlich ist (vgl. BGH, Beschluss vom 19. Februar 2013 – X ARZ 507/12, juris Rn. 7; BGH, Beschluss vom 10. September 2002 – X ARZ 217/02, NJW 2002, 3634 ff.; OLG Hamm, Beschluss vom 23. Juli 2012 – 32 SA 32/12, juris Rn. 25; OLG Hamm, Beschluss vom 11. Juni 2014 – 32 SA 40/14, MDR 2014, 1347). Hierfür genügt es nicht, dass ein Gericht von einer Rechtsauffassung abweicht, die sowohl von der obergerichtlichen Rechtsprechung als auch von der Literatur vielfach vertreten wird. Allein dies vermag den Vorwurf der Willkür nicht zu begründen, weil dem deutschen Recht eine Präjudizienwirkung grundsätzlich fremd ist. (vgl. BGH, Beschluss vom 10. Juni 2003 – X ARZ 92/03, juris Rn. 1).

Nach diesen Maßstäben ist der Verweisungsbeschluss des Landgerichts Köln wirksam, da er zwar von der herrschenden Ansicht betreffend die Anwendung des § 29 ZPO abweicht, indes keine schweren offensichtlichen Rechtsfehler erkennen lässt.

aa) Das Landgericht Köln hat in vertretbarer Weise angenommen, dass sich eine örtliche Zuständigkeit des Landgerichts Köln, in dessen Bezirk sich die Kaufsache befindet, nicht aus § 29 ZPO ergibt.

(1) Gemäß § 29 Abs. 1 ZPO ist für Streitigkeiten aus einem Vertragsverhältnis das Gericht des Ortes zuständig, an dem die streitige Verpflichtung zu erfüllen ist. Der Ort der Vertragserfüllung ergibt sich – soweit keine gesetzliche Sonderregelung greift – aus § 269 BGB. Danach ist Erfüllungsort derjenige Ort, an dem nach den Umständen, insbesondere nach der Natur des Schuldverhältnisses, die Leistung zu erbringen ist oder, falls sich letzteres nicht feststellen lässt, der Ort, an welchem der Schuldner zur Zeit der Entstehung des Schuldverhältnisses seinen Wohnsitz hat. Bei gegenseitigen Verträgen besteht im Allgemeinen kein einheitlicher Erfüllungsort; dieser ist vielmehr für jede aus dem Vertrag folgende Verpflichtung gesondert zu bestimmen (vgl. BGH, Urteil vom 7. November 2012 – VIII ZR 108/12, BGHZ 195, 243, juris Rn. 13; BGH, Urteil vom 24. Januar 2007 – XII ZR 168/04, juris Rn. 11 f.; OLG Jena, Urteil vom 9. April 2020 – 4 U 1208/19, juris Rn. 15).

(2) Die Frage, wo der Erfüllungsort für die Verpflichtung des Verkäufers aus § 346 Abs. 1 BGB zur Rückzahlung des Kaufpreises ist, hat der Bundesgerichtshof bislang noch nicht entschieden. Der Bundesgerichtshof hatte lediglich mit Urteil vom 9. März 1983 – VIII ZR 11/82 – zum Anspruch aus vollzogener Wandlung auf Kaufpreisrückzahlung im früheren Kaufrecht entschieden, dass der Verkäufer dem Käufer die Kosten für die Montage und die Demontage mangelhafter Dachziegel zu erstatten habe. Dabei hatte der Bundesgerichtshof auch auf die herrschende Ansicht zum einheitlichen Erfüllungsort verwiesen, ohne sich indes dieser ausdrücklich anzuschließen. Mit weiterem Urteil vom 19. Juli 2017 – VIII ZR 278/16 – hat der Bundesgerichtshof die Annahme eines grundsätzlichen Erfüllungsortes beim Käufer für den Nacherfüllungsanspruch aus § 439 Abs. 1 BGB ausdrücklich verneint.

(3) Nach der derzeit herrschenden Auffassung in der Rechtsprechung und in der Literatur ist Erfüllungsort für die wechselseitigen Verpflichtungen aus einem durch Ausübung eines gesetzlichen Rücktrittsrechts entstandenen kaufrechtlichen Rückgewährschuldverhältnis nach den Umständen dieser schuldrechtlichen Konstellation bzw. aufgrund ergänzender Vertragsauslegung der sogenannte „Austauschort“, also der Ort, an dem sich die veräußerte Sache im Zeitpunkt der Rücktrittserklärung vertragsgemäß befindet. Dabei handelt es sich regelmäßig um den Wohnsitz des Käufers (vgl. OLG Frankfurt, Urteil vom 20. Januar 2021 – 17 U 492/19, juris Rn. 47 und Beschluss vom 16. Januar 2017 – 13 SV 18/16, juris Rn. 19; KG Berlin, Beschlüsse vom 16. November 2020 – 2 AR 1053/20, juris Rn. 9 und vom 21. März 2016 – 2 AR 9/16, juris Rn. 10; OLG Dresden, Urteil vom 5. November 2020 – 8 U 1084/20, juris Rn. 51; OLG Saarbrücken, Urteil vom 13. August 2020 – 4 U 100/19, juris Rn. 177 f. und Beschluss vom 6. Januar 2005 – 5 W 306/04, juris Rn. 5; OLG Celle, Urteil vom 22. Juli 2020 – 3 U 3/20, Rn. 65; OLG Köln, Urteil vom 8. Juli 2020 – 13 U 20/19, juris Rn. 49 und Beschlüsse vom 14. April 2020 – 12 U 46/20, juris Rn. 3 sowie vom 28. März 2011 – 3 U 174/10, juris Rn. 10; OLG Brandenburg, Urteil vom 24. Juni 2020 – 4 U 215/19, juris Rn. 53; OLG Jena, Urteil vom 9. April 2020 – 4 U 1208/19, juris Rn. 19; BayObLG, Beschlüsse vom 8. April 2020 – 1 AR 18/20, juris Rn. 13 und vom 9. Januar 2004, 1Z AR 140/03, juris Rn. 10; OLG Hamm, Urteile vom 27. November 2019 – 31 U 114/18, juris Rn. 77 und vom 20. Oktober 2015 – 28 U 91/15, juris Rn. 33 sowie Beschluss vom 16. März 2012 – 32 SA 12/12, juris Rn. 18; OLG München, Urteil vom 4. Oktober 2018 – 24 U 1279/18, juris Rn. 7 ff. m.w.N. und vom 13. Januar 2014 – 19 U 3721/13, juris Rn. 14 ff.; OLG Stuttgart, Urteil vom 13. Januar 2016 – 9 U 183/15, juris Rn. 5 f.; OLG Düsseldorf, Urteil vom 20. März 2015 – 22 U 151/14, juris Rn. 22 sowie Beschlüsse vom 17. März 2014 – 5 Sa 7/14, juris Rn. 5 und vom 17. Juli 2013 – 2 W 19/13, juris Rn. 11 ff.; OLG Bamberg, Beschluss vom 24. April 2013 – 8 SA 9/13, juris Rn. 21 ff. und Urteil vom 18. August 2010 – 8 U 51/10, juris Rn. 39; OLG Karlsruhe, Urteil vom 14. Juni 2013 – 13 U 53/13, juris Rn. 6 f.; OLG Schleswig, Urteil vom 4. September 2012 – 3 U 99/11, juris Rn. 18 ff.; OLG Naumburg, Beschluss vom 12. November 2010 – 10 W 32/10, juris Rn. 10; OLG Nürnberg, Urteil vom 20. Februar 2009 – 2 U 2074/08, BeckRS 2009, 7185; LG Köln, Urteil vom 15. Oktober 2020 – 15 O 69/20, juris Rn. 22; LG Kleve, Urteil vom 20. März 2020 – 3 O 134/19, juris Rn. 34; LG Ravensburg, Urteil vom 18. Februar 2020 – 2 O 299/19, juris Rn. 24; LG Mönchengladbach, Urteil vom 24. Oktober 2013 – 6 O 53/12, juris Rn. 45; LG Essen, Urteil vom 17. Juni 2013 – 1 O 45/13, juris Rn. 42; LG Bonn, Urteil vom 20. November 2012 – 18 O 169/12, juris Rn. 27; LG Heilbronn, Urteil vom 25. Juli 2012 – 5 O 462/11, juris Rn. 45; LG Amberg, Urteil vom 27. Juni 2012 – 22 S 193/12, juris Rn. 25; LG Siegen, Urteil vom 10. Juni 2011 – 2 O 107/09, juris Rn. 23; LG Freiburg, Zwischenurteil vom 7. November 2008 – 8 O 98/08, juris Rn. 9; LG Bielefeld, Urteil vom 8. November 2007 – 25 O 30/07, juris Rn. 23; LG Köln, Urteil vom 14. März 2007 – 4 O 40/06, juris Rn. 61; LG Stade, Urteil vom 9. Juli 2003 – 5 O 447/02, juris Rn. 26; AG Fürth, Urteil vom 23. Mai 2017 – 1 C 112/16, juris, Rn. 10; Zöller/Schultzky, ZPO, 33. Aufl., § 29 Rn. 25.50; MüKoZPO/Patzina, 6. Aufl., § 29 Rn. 61; MüKoBGB/Krüger, 8. Aufl., § 269 Rn. 42; MüKoBGB/Gaier, 8. Aufl., § 346 Rn. 40; Musielak/Voit/Heinrich, ZPO, 18. Aufl., § 29 Rn. 28; Staudinger/Bittner, BGB, (2014), § 269 Rn. 29; Saenger, ZPO, 8. Aufl., § 29 Rn. 7; Erman/Arzt, BGB, 16. Aufl., § 269 Rn. 13; BeckOGK/Schall, BGB, Stand: 1. November 2020, § 346 Rn. 401; Erman/Röthel/Metzger, BGB, 16. Aufl., § 346 Rn. 5; BeckOK BGB/Schmidt, Stand: 1. Februar 2021, § 346 Rn. 17; P/G, ZPO, 12. Auflage, § 29 ZPO Rn. 14; P/W/W, BGB, 15. Auflage, § 269 BGB Rn. 8 und § 346 Rn. 3; jurisPK-BGB/Kerwer, 9. Aufl., § 269 Rn. 23; jurisPK-BGB/Faust, 9. Aufl., § 346 Rn. 33; HK-BGB/Schulze, 10. Aufl., § 346 Rn. 12; im Ergebnis auch Reinking/Eggert, Der Autokauf, 14. Auflage, VI. Das Rückgewährschuldverhältnis, Rn. 1220d).

(4) Der herrschenden Ansicht ist allerdings zunehmend Kritik entgegengesetzt worden. So sind auch im Rückgewährschuldverhältnis nach einer nicht unerheblichen Gegenmeinung bei der Bestimmung des Erfüllungsortes für die wechselseitigen Rückgewährpflichten diese getrennt voneinander zu betrachten. Danach ergebe sich als Erfüllungsort für die Rückzahlung des Kaufpreises gemäß §§ 269, 270 ZPO grundsätzlich der Sitz des Verkäufers (vgl. LG Augsburg, Beschluss vom 25. September 2018 – 82 O 2813/13, juris Rn. 4 ff.; LG Kiel, Beschluss vom 23. Mai 2018 – 12 O 32/18, juris Rn. 3 ff. für einen Leasingvertrag; LG Offenburg, Urteil vom 13. Juli 2016 – 2 O 89/16, juris Rn. 15 ff.; LG München I, Beschluss vom 27. Mai 2016 – 31 O 4974/16, juris Rn. 5 ff.; LG Tübingen, Urteil vom 17. September 2015 – 5 O 68/15, juris Rn. 19 ff. – aufgehoben durch Urteil des OLG Stuttgart vom 13. Januar 2016 – 9 U 183/15, aaO; LG Bielefeld, Urteil vom 28. April 2015 – 7 O 321/14, juris Rn. 14 ff. – aufgehoben durch Urteil des OLG Hamm vom 20. Oktober 2015 – 28 U 91/15, aaO; LG Stralsund, Beschluss vom 13. Oktober 2011 – 6 O 211/11, juris Rn. 6 ff.; LG Krefeld, Beschluss vom 27. Juli 1977 – 2 O 262/77, juris Rn. 2 ff zur Wandlung.; AG Hechingen, Urteil vom 2. Februar 2012 – 2 C 463/11, juris Rn. 16 ff.; AG Köln, Urteil vom 5. November 2009 – 137 C 304/09, juris Rn. 15 ff.; AG Bergen, Beschluss vom 8. August 2012 – 23 C 334/12, juris Rn. 4; AG Bergisch-Gladbach, Urteil vom 21. Mai 2008 – 62 C 267/07, juris Rn. 32 f.; Staudinger/Kaiser, BGB, (2012), § 346 Rn. 84; BeckOGK/Beurskens, BGB, Stand: 1. Oktober 2020, § 269 Rn. 511; BeckOK BGB/Lorenz, Stand: 1. Februar 2021, § 269 Rn. 36; NK-BGB/Schwab, 4. Aufl., § 269 Rn. 46 ff.; Stöber, NJW 2006, 2661).

Die Tatsache, dass die Kaufpreisrückzahlung Zug um Zug gegen Rückübereignung des Fahrzeuges zu erfolgen habe und dem Käufer auch ein Anspruch auf Rücknahme des Fahrzeugs zustehe, führe zu keinem anderen Ergebnis. Hierbei handele sich lediglich um eine bloße Modalität der eingeklagten Zahlungsverpflichtung als zwangsläufige gesetzliche Folge eines wirksamen Rücktritts gemäß § 348 BGB. Das vornehmliche Interesse des Käufers bestehe auch nicht an der Rückgabe der Kaufsache, sondern am Rückerhalt des Geldes (vgl. LG Augsburg, Beschluss vom 25. September 2018 – 82 O 2813/13, juris Rn. 29 ff.; LG Offenburg, Urteil vom 13. Juli 2016 – 2 O 89/16, juris Rn. 31; LG Tübingen, Urteil vom 17. September 2015 – 5 O 68/15, juris Rn. 37, 39. – aufgehoben durch Urteil des OLG Stuttgart vom 13. Januar 2016 – 9 U 183/15, aaO.; AG Hechingen, Urteil vom 2. Februar 2012 – 2 C 463/11, juris Rn. 28; BeckOGK/Beurskens, BGB, Stand: 1. Oktober 2020, § 269 Rn. 511; Stöber, NJW 2006, 2661).

Aus der Natur des Rückgewährschuldverhältnisses folge vielmehr, dass grundsätzlich der Erfüllungsort für die Rückzahlungsverpflichtung am Sitz des Verkäufers sei. Das Rückgewährschuldverhältnis sei das Spiegelbild des ursprünglichen Kaufvertragsverhältnisses. Da Erfüllungsort für die Zahlungspflicht des Käufers gemäß § 269 Abs. 1, § 270 Abs. 1, 4 BGB – ggf. allerdings mit der Ausnahme von Barzahlungsverpflichtungen – dessen Wohnsitz sei, müsse spiegelbildlich Erfüllungsort für die Rückzahlungsverpflichtung des Verkäufers dessen Wohnsitz sein (vgl. NK-BGB/Schwab, 4. Aufl., § 269 Rn. 46 ff.).

Soweit die herrschende Ansicht darauf rekurriere, dass es dem mutmaßlichen Willen der Parteien entspreche, den Ort der vertragsmäßigen Belegenheit der Kaufsache als einheitlichen Leistungsort anzusehen, so berücksichtige dies ausschließlich die Interessen des Käufers, nicht indes diejenigen des Verkäufers. Dessen Interesse gehe regelmäßig dahin, an seinem Wohnsitz verklagt zu werden bzw. dort die Rückzahlungsverpflichtung mittels Banküberweisung zu tätigen und nicht etwa das Geld dem Käufer in bar zu überbringen (vgl. LG Offenburg, Urteil vom 13. Juli 2016 – 2 O 89/16, juris Rn. 25, 29; LG München I, Beschluss vom 27. Mai 2016 – 31 O 4974/16, juris Rn. 5 ff.). Verlegte man den Erfüllungsort für die Rückgewähr an den Ort, an dem sich die Kaufsache vertragsgemäß befindet, griffe man zudem unzulässig in das vertragliche Preis-Leistungs-Verhältnis ein (vgl. Staudinger/Kaiser, BGB, (2012), § 346, Rn. 84).

Nicht zu überzeugen vermöge auch das Argument der herrschenden Ansicht, im Fall des Rücktritts des Käufers wegen Mangelhaftigkeit oder einer anderen Leistungsstörung sei der Verkäufer für den Rücktrittsgrund verantwortlich. Der Rücktritt setze seit der Schuldrechtsreform ein Vertretenmüssen des Rücktrittsgegners nicht mehr voraus (vgl. AG Hechingen, Urteil vom 2. Februar 2012 – 2 C 463/11, juris Rn. 29; AG Bergisch Gladbach, Urteil vom 21. Mai 2008 – 62 C 267/07, juris Rn. 32 f.). Zudem sei die Frage der Verantwortung bzw. des Vertretenmüssens nicht für die Bestimmung des Erfüllungsortes, sondern erst auf der Ebene einer möglichen Schadensersatzpflicht, u.a. bei der Frage der Kostentragung für die Abholung der Kaufsache, relevant (vgl. NK-BGB/Schwab, 4. Aufl., § 269 Rn. 46 ff.; Stöber, NJW 2006, 2661).

Auch die von der herrschenden Ansicht angeführten Praktikabilitätserwägungen, nach denen eine ggf. durchzuführende Beweisaufnahme wegen der räumlichen Nähe des Gerichtsortes zur Kaufsache prozessökonomischer und kostengünstiger am Sitz des Käufers durchzuführen sei, seien abzulehnen. Zum einen sei der Gerichtsstand des Erfüllungsortes nach materiellem Recht und nicht auf Grundlage prozessualer Erwägungen zu bestimmen (vgl. LG Augsburg, Beschluss vom 25. September 2018 – 82 O 2813/13, juris Rn. 37; LG Stralsund, Beschluss vom 13. Oktober 2011 – 6 O 211/11, juris Rn. 7; AG Hechingen, Urteil vom 2. Februar 2012 – 2 C 463/11, juris Rn. 31; AG Bergisch Gladbach, Urteil vom 21. Mai 2008 – 62 C 267/07, juris Rn. 32 f.; Stöber, NJW 2006, 2661). Zum anderen könne es auch häufig prozessökonomischer und kostengünstiger sein, den Rechtsstreit am Wohnsitz des Verkäufers zu führen, nämlich dann, wenn nicht eine Beweiserhebung durch Einholung eines Sachverständigengutachtens, sondern durch Vernehmung von Zeugen – wie etwa Voreigentümern -, die ihren Sitz in der Nähe des Verkäufers haben, durchzuführen sei (vgl. LG Augsburg, Beschluss vom 25. September 2018 – 82 O 2813/13, juris Rn. 39; LG Offenburg, Urteil vom 13. Juli 2016 – 2 O 89/16, juris Rn. 25 ff.; BeckOGK/Beurskens, BGB, Stand: 1. Oktober 2020, § 269 Rn. 511). Zudem nehme die herrschende Ansicht hierzu in Widerspruch im Falle der Nacherfüllung sowie der Minderung und damit für den Anspruch auf Teilrückzahlung des Kaufpreises als Erfüllungsort den Sitz des Verkäufers an (vgl. LG Bielefeld, Urteil vom 28. April 2015 – 7 O 321/14, juris Rn. 21 – aufgehoben durch OLG Hamm, Urteil vom 20. Oktober 2015 – 28 U 91/15, aaO.; AG Bergisch Gladbach, Urteil vom 21. Mai 2008 – 62 C 267/07, juris Rn. 32 f.; NK-BGB/Schwab, 4. Aufl., § 269 Rn. 46 ff.).

dd) Letztgenannter Ansicht ist das Landgericht Köln gefolgt. Dabei hat es seine Entscheidung umfassend begründet, sich mit den Argumenten der herrschenden Auffassung auseinandergesetzt und Gegenargumente angeführt. Allein, dass sich das Landgericht Köln dabei der Mindermeinung angeschlossen hat, vermag – worauf auch das Landgericht Duisburg zutreffend hinweist – eine Willkür nicht zu begründen. Auch die Tatsache, dass das Landgericht Köln jüngere Entscheidungen und Kommentierungen, die allerdings – wie vorstehend aufgezeigt – für beide Auffassung existent sind, nicht zitiert hat, lässt eine Willkür nicht erkennen. Hinzuweisen ist dabei, dass es sich bei der Mindermeinung keineswegs um veraltete Entscheidungen handelt, da der Meinungsstand unverändert geblieben ist und neue Argumente, insbesondere auf der Seite der herrschenden Meinung, nicht hinzugekommen sind.

(2) Der Verweisungsbeschluss ist auch nicht wegen Verletzung des rechtlichen Gehörs gemäß Art. 103 Abs. 1 GG willkürlich.

Dass das Landgericht Köln der Beklagten den Verweisungsantrag des Klägers nicht zur Stellungnahme zugeleitet und den Rechtsstreit unmittelbar nach Eingang des Verweisungsantrags an das Landgericht Duisburg verwiesen hat, mag ggf. verfahrensfehlerhaft gewesen sein, begründet jedoch keinen die Bindungswirkung beseitigenden Gehörsverstoß. Denn entscheidend ist, dass die Beklagte mit der prozessleitenden Verfügung des Landgerichts Köln vom 7. Januar 2021 auf dessen Rechtsauffassung betreffend die Anwendbarkeit des § 29 ZPO umfassend hingewiesen worden ist und die Möglichkeit hatte, zu der aufgeworfenen Zuständigkeitsfrage Stellung zu (vgl. BGH, Beschluss vom 26. August 2014 – X ARZ 275/14, juris Rn. 8).

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