
Veranlassung zur Klageerhebung eines an der Erbauseinandersetzung nicht mitwirkenden Miterben
OLG Brandenburg, Beschl. v. 10.10.2025 – 3 W 93/25,
Was passiert, wenn ein Miterbe bei der Erbauseinandersetzung nicht mitwirkt und es zum Prozess kommt?
In einer Familie gibt es oft Streit, wenn es um das Erbe geht. Das Gesetz möchte eigentlich, dass sich die Erben untereinander einigen. Das nennt man Erbauseinandersetzung. Dabei wird das Vermögen der verstorbenen Person aufgeteilt. Doch was passiert, wenn ein Miterbe einfach nichts tut? Wenn er Termine schwänzt und Briefe ignoriert?
Genau darum ging es in dem Fall vor dem Oberlandesgericht (OLG) Brandenburg. Ein Miterbe hatte alles versucht, um die Sache friedlich zu regeln. Er schickte Entwürfe für Verträge. Er setzte Fristen. Er schaltete sogar einen Notar ein. Die andere Miterbin reagierte jedoch kaum. Sie kam nicht zu Terminen. Sie stellte Forderungen, die rechtlich nicht haltbar waren.
Am Ende blieb nur noch der Weg zum Gericht. Der Kläger reichte eine Klage ein. Erst viel später im Prozess sagte die Beklagte: „Gut, ich erkenne den Anspruch an.“ Sie wollte dann aber keine Gerichtskosten zahlen. Sie berief sich auf eine spezielle Regelung in der Zivilprozessordnung. Diese Regelung heißt § 93 ZPO.
Im Normalfall zahlt derjenige die Kosten des Prozesses, der verliert. Es gibt aber eine wichtige Ausnahme für Beklagte. Wenn jemand verklagt wird, obwohl er eigentlich bereit war zu zahlen, soll er geschützt werden.
Damit der Kläger die Kosten zahlen muss, obwohl er den Prozess gewinnt, müssen zwei Dinge erfüllt sein:
In diesem Fall sagte das Gericht ganz klar: Die Beklagte hat beide Bedingungen nicht erfüllt. Sie muss die Kosten des Verfahrens also selbst tragen.
Das Gericht prüfte zuerst das Verhalten der Beklagten vor dem Prozess. Der Kläger hatte sich sehr vorbildlich verhalten. Er hatte einen gemeinschaftlichen Erbschein. Das ist ein amtliches Zeugnis vom Nachlassgericht. Darin steht schwarz auf weiß, wer wie viel erbt.
Der Kläger schickte der Beklagten ein Nachlassverzeichnis. Das ist eine Liste mit allen Besitztümern der verstorbenen Person. Er bot ihr eine Einigung an. Die Beklagte reagierte jedoch mit Ausflüchten. Ihr Anwalt behauptete plötzlich, man müsse erst prüfen, ob auch Enkelkinder Erben seien. Das Gericht fand das seltsam. Der Erbschein war schließlich schon erteilt. Ein Erbschein hat eine starke Beweiskraft.
Der Kläger ging sogar noch einen Schritt weiter. Er beantragte ein notarielles Vermittlungsverfahren. Das ist ein offizieller Versuch, einen Streit über das Erbe mit Hilfe eines Notars ohne Richter zu lösen.
Das Gericht entschied deshalb: Der Kläger durfte vernünftigerweise glauben, dass er ohne ein Gericht niemals zu seinem Recht kommt. Die Beklagte hatte durch ihr Nichtstun den Kläger zur Klage gezwungen. Damit hatte sie die „Veranlassung“ gegeben.
Ein weiterer wichtiger Punkt war der Zeitpunkt des Geständnisses. Wenn man verklagt wird, muss man sich schnell entscheiden. In einem schriftlichen Vorverfahren setzt das Gericht Fristen. Man muss innerhalb einer kurzen Zeit sagen, ob man sich verteidigen will.
Die Beklagte in diesem Fall wartete viel zu lange. Sie ließ es sogar auf zwei mündliche Verhandlungen ankommen. Erst danach erklärte sie das Anerkenntnis. Ein Anerkenntnis ist eine Erklärung vor Gericht, dass der Anspruch des Gegners richtig ist. Das Gericht erlässt dann ein Anerkenntnisurteil.
Das Gericht stellte fest: „Sofort“ bedeutet in diesem Zusammenhang „zum frühestmöglichen Zeitpunkt im Prozess“. Wer erst nach zwei Gerichtsterminen nachgibt, handelt nicht sofort.
Die Beklagte versuchte sich zu rechtfertigen. Sie behauptete, der Kläger hätte ihr erst später erlaubt, den Hausrat zu sichten. Der Hausrat sind die Möbel und persönlichen Gegenstände in der Wohnung der Verstorbenen.
Das Gericht glaubte ihr nicht. Es gab Beweise, dass sie schon lange vorher Zutritt zum Haus hatte. Sie hatte sich sogar schon Dinge mitgenommen. Dass der Kläger ihr während des Prozesses noch einmal die Tür öffnete, war nur ein Zeichen von gutem Willen. Es änderte nichts an der rechtlichen Lage.
Damit Sie das Urteil noch besser verstehen, hier eine kurze Erklärung der wichtigsten Begriffe:
Das Urteil des OLG Brandenburg zeigt eine deutliche Linie. Miterben haben eine Pflicht zur Mitwirkung. Man kann eine Erbauseinandersetzung nicht einfach durch Aussitzen blockieren.
Wenn ein Miterbe alle sachlichen Versuche zur Einigung ignoriert, darf der andere klagen. Die Kosten für den Anwalt und das Gericht muss dann derjenige tragen, der die Einigung verhindert hat. Das gilt auch dann, wenn er den Anspruch später vor Gericht doch noch bestätigt.
Die Entscheidung ist ein Signal an alle Erben, die sich einer fairen Lösung verweigern. Kommunikation ist der beste Weg, um hohe Gerichtskosten zu vermeiden. Wer Briefe ignoriert und Termine platzen lässt, geht ein hohes finanzielles Risiko ein.
Haben Sie Fragen zu einem ähnlichen Fall oder benötigen Sie Hilfe bei einer Erbauseinandersetzung?
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