Vertragsrecht – Kündigung per E-Mail ist bei Online-Verträgen möglich
BGH, Urteil vom 14.07.2016 – III ZR 387/15
Vorinstanzen:
LG Hamburg, Entscheidung vom 30.04.2013 – 312 O 412/12 –
OLG Hamburg, Entscheidung vom 26.10.2015 – 10 U 12/13 –
Dieses Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) ist ein Meilenstein für den Verbraucherschutz im Internetzeitalter. Es klärt die wichtige Frage, ob Online-Dienste von ihren Kunden eine Kündigung per Brief verlangen dürfen, wenn sonst alles digital abläuft.
In der folgenden Zusammenfassung erkläre ich Ihnen die Hintergründe, das Problem mit dem „Papierkram“ und warum das Gericht so entschieden hat.
In diesem Fall klagte ein Dachverband der Verbraucherzentralen gegen ein Unternehmen, das eine Partnervermittlung im Internet betreibt. Die Nutzer konnten sich dort anmelden, um kostenpflichtige „Premium-Mitgliedschaften“ abzuschließen.
Der Streitpunkt war eine bestimmte Regel in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) des Anbieters. Diese Regel (Klausel) legte fest, wie ein Kunde seinen Vertrag kündigen muss. Der Anbieter verlangte zwingend die sogenannte Schriftform. Das bedeutet: Der Kunde musste einen Brief oder ein Fax mit einer eigenhändigen Unterschrift schicken. Eine einfache E-Mail zur Kündigung wurde ausdrücklich ausgeschlossen.
Der Verbraucherschutzverband sah in dieser Klausel eine unzulässige Hürde für die Kunden. Das Hauptargument war die Einseitigkeit des Vorgehens. Während der Kunde mühsam einen Brief schreiben und unterschreiben musste, durfte der Anbieter selbst dem Kunden ganz einfach per E-Mail kündigen. Auch die Anmeldung und die gesamte Nutzung des Dienstes funktionierten rein digital.
Der Verband vertrat die Ansicht, dass es die Kunden unangemessen benachteiligt, wenn sie für das Beenden des Vertrags plötzlich zum Stift greifen müssen, obwohl sie den Vertrag mit wenigen Klicks im Internet abgeschlossen haben.
Bevor der Fall beim Bundesgerichtshof landete, gab es bereits zwei andere Urteile:
Gegen diese Entscheidung des OLG wehrte sich der Verbraucherschutzverband mit der Revision vor dem Bundesgerichtshof.
Die Richter am Bundesgerichtshof gaben dem Verbraucherschutzverband recht. Sie erklärten die Klausel für unwirksam. Damit darf der Anbieter von seinen Kunden nicht mehr verlangen, dass sie ausschließlich per Brief oder Fax mit Unterschrift kündigen.
Das Gericht stützte sein Urteil vor allem auf den Paragrafen 307 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB). Dieser besagt, dass Bestimmungen in AGB unwirksam sind, wenn sie den Vertragspartner (also Sie als Kunden) unangemessen benachteiligen.
Das Gericht sah hier eine solche Benachteiligung aus mehreren Gründen:
Der Anbieter argumentierte, er brauche die Unterschrift, um sicher zu sein, dass wirklich der Kontoinhaber kündigt. Diesen Einwand ließ der BGH nicht gelten.
Die Richter stellten fest, dass der Anbieter bei der Anmeldung auch keine strengen Identitätsprüfungen durchführt. Er vertraut darauf, dass die Daten bei der Anmeldung stimmen. Es wäre unlogisch, bei der Kündigung plötzlich höchste Sicherheitsmaßstäbe anzulegen, die beim Vertragsabschluss keine Rolle spielten. Wenn Zweifel an der Echtheit einer E-Mail bestehen, kann der Anbieter immer noch nachfragen.
Wichtig zu wissen ist, dass dieses Urteil eine Rechtslage bestätigt hat, die mittlerweile sogar gesetzlich noch strenger geregelt wurde.
Kurz nach diesem Urteil trat eine Gesetzesänderung in Kraft. Seit Oktober 2016 ist es für fast alle Verträge, die im Internet abgeschlossen werden, gesetzlich verboten, eine Kündigung in „Schriftform“ (mit Unterschrift) zu verlangen. Es reicht nun die sogenannte Textform.
| Merkmal | Schriftform | Textform |
| Unterschrift nötig? | Ja, eigenhändig | Nein |
| Medium | Papier (Brief/Fax) | E-Mail, SMS, Computerdatei |
| Hürde für Kunden | Hoch | Niedrig |
Das Urteil des BGH bereitete den Weg für dieses verbraucherfreundliche Verständnis vor: Wer digital sät, muss auch zulassen, dass digital geerntet (bzw. gekündigt) wird.
Dieses Urteil ist ein Sieg für die Bequemlichkeit und die Fairness im Internet. Es verhindert, dass Firmen die Kündigung absichtlich kompliziert machen, um Kunden länger in Abos festzuhalten.
Wenn Sie heute einen Vertrag online abschließen, können Sie sich darauf verlassen:
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