
Warum ist die Schenkung im deutschen Recht die „schwächste“ Erwerbsform?
In der Welt des Rechts gilt ein wichtiger Grundsatz: Wer etwas geschenkt bekommt, ist weniger geschützt als jemand, der dafür bezahlt hat. Das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) sieht den Beschenkten als weniger schutzwürdig an. Wenn Sie etwas kaufen, vertrauen Sie darauf, dass der Gegenstand Ihnen gehört. Bei einem Geschenk ist dieses Vertrauen rechtlich weniger wert. Man spricht hier von der „Schwäche“ der Schenkung.
Diese Schwäche zeigt sich in zwei Richtungen. Erstens kann der Schenker das Geschenk unter bestimmten Bedingungen zurückfordern. Zweitens können Dritte – also Personen außerhalb des Schenkungsvertrags – Rechte an der Sache geltend machen. Im Folgenden erkläre ich Ihnen die wichtigsten Punkte dieser rechtlichen Unsicherheit in einfachen Worten.
Stellen Sie sich vor, jemand schenkt Ihnen eine wertvolle Uhr. Kurze Zeit später verliert der Schenker seinen Job und kann seinen eigenen Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten. In diesem Fall kann der Schenker das Geschenk zurückverlangen. Das Gesetz sagt: Man muss erst für sich selbst sorgen, bevor man großzügig ist. Der Beschenkte muss die Uhr dann zurückgeben, damit der Schenker nicht dem Staat zur Last fällt.
Eine Schenkung ist oft mit einer emotionalen Bindung verknüpft. Wenn sich der Beschenkte gegenüber dem Schenker oder dessen nahen Angehörigen extrem schlecht verhält, kann die Schenkung widerrufen werden. Das Gesetz nennt das „groben Undank“. Ein Beispiel wäre eine schwere Beleidigung oder körperliche Gewalt. Wer sich so verhält, verdient das Geschenk nicht mehr.
Oft haben auch andere Menschen ein Interesse an dem verschenkten Gegenstand. Hier zieht der Beschenkte meist den Kürzeren.
Stellen Sie sich vor, Person A leiht Person B ein Fahrrad. Person B schenkt dieses Fahrrad einfach an Sie weiter. Da das Fahrrad Person B gar nicht gehörte, ist sie „Nichtberechtigte“. Wenn Sie das Fahrrad gekauft hätten, dürften Sie es oft behalten (gutgläubiger Erwerb). Da Sie es aber geschenkt bekommen haben, müssen Sie es dem eigentlichen Eigentümer (Person A) zurückgeben. Der Gesetzgeber findet: Es ist für Sie nicht schlimm, das Fahrrad zu verlieren, da Sie ja nichts dafür bezahlt haben.
Dieser Fall ist etwas komplizierter. Jemand schuldet einer anderen Person die Herausgabe eines Gegenstandes. Statt ihn zurückzugeben, verschenkt er ihn an Sie. Da Sie der „Zweitbeschenkte“ sind, kann der ursprüngliche Gläubiger den Gegenstand direkt von Ihnen verlangen. Sie haften also für eine Schuld, die eigentlich der Schenker hatte.
Wenn jemand Schulden hat und kurz vor der Pleite steht, darf er sein Vermögen nicht verschenken, um es vor seinen Gläubigern zu retten. Solche Schenkungen können von den Gläubigern oder einem Insolvenzverwalter angefochten werden. Das bedeutet: Sie müssen das Geschenk herausgeben, damit die Schulden des Schenkers bezahlt werden können. Dabei spielt es keine Rolle, ob Sie wussten, dass der Schenker pleite ist. Das Gesetz schützt die ehrlichen Gläubiger vor der Unentgeltlichkeit.
Das Erbrecht schützt vor allem die engsten Familienangehörigen und Vertragserben. Schenkungen können diese Schutzrechte durchbrechen.
Ein Erblasser ist die Person, die verstirbt und etwas vererbt. Wenn dieser Erblasser zu Lebzeiten einen Erbvertrag unterschrieben hat, ist er gebunden. Er darf sein Vermögen dann nicht einfach verschenken, um den Vertragserben absichtlich zu schaden. Wenn er es doch tut und kein „lebzeitiges Eigeninteresse“ (wie z. B. die eigene Pflege im Alter) hat, muss der Beschenkte das Geschenk nach dem Tod des Erblassers an den rechtmäßigen Erben herausgeben.
Bestimmte Angehörige haben einen Anspruch auf einen „Pflichtteil“. Das ist eine Mindestbeteiligung am Erbe in Geld. Wenn ein Erblasser sein Vermögen vor seinem Tod verschenkt, würde der Pflichtteil kleiner werden. Das Gesetz verhindert das. Der Pflichtteilsberechtigte kann unter Umständen direkt vom Beschenkten Geld verlangen, wenn das restliche Erbe nicht ausreicht.
Manchmal setzt ein Verstorbener fest, dass eine Person (Vorerbe) das Erbe nur für eine gewisse Zeit bekommt. Danach soll es an eine andere Person (Nacherbe) gehen. Der Vorerbe darf über die Sachen verfügen, aber er darf sie grundsätzlich nicht verschenken. Tut er es doch, wird die Schenkung in dem Moment unwirksam, in dem der Nacherbe an der Reihe ist. Der Nacherbe bekommt die Sache dann einfach zurück. Das geschieht „eo ipso“, also von selbst kraft Gesetzes.
Auch im Familienrecht ist die Schenkung eine unsichere Sache.
Wenn Eheleute sich scheiden lassen, wird oft der „Zugewinn“ ausgeglichen. Das ist der Betrag, um den das Vermögen während der Ehe gewachsen ist. Hat ein Ehepartner während der Ehe viel Geld an Dritte verschenkt, um das Vermögen bei der Scheidung klein zu rechnen, schützt das Gesetz den anderen Partner. Der benachteiligte Partner kann das Geld sogar direkt vom Beschenkten einfordern.
Schenkungen an Dritte werden bei der Berechnung des Vermögens am Ende der Ehe einfach so behandelt, als wären sie noch da. Das gilt für alle Schenkungen der letzten zehn Jahre. Einzige Ausnahme: Der andere Ehepartner hat der Schenkung ausdrücklich zugestimmt. So wird verhindert, dass man sich durch Geschenke „arm rechnet“.
Bestimmte Personen dürfen im Namen anderer gar keine Schenkungen machen. Das dient dem Schutz von Schutzbefohlenen.
Eltern verwalten das Vermögen ihrer Kinder. Sie dürfen aber keine größeren Schenkungen aus diesem Vermögen machen. Das Gleiche gilt für Vormünder von Waisen oder Pfleger von Minderjährigen. Auch Testamentsvollstrecker unterliegen diesem Verbot. Sie sollen das Vermögen bewahren und nicht weggattern.
Betreuer kümmern sich um erwachsene Menschen, die ihre Angelegenheiten nicht mehr selbst regeln können. Früher waren Schenkungen hier fast unmöglich. Seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2023 gibt es eine kleine Lockerung. Ein Betreuer darf nun mit Genehmigung des Gerichts schenken. Das Gericht prüft dabei, ob die Schenkung dem Willen des Betreuten entspricht und für ihn wirtschaftlich vertretbar ist.
Damit Sie die juristische Fachsprache besser verstehen, hier eine kurze Erklärung:
Wie Sie sehen, ist eine Schenkung rechtlich gesehen eine wackelige Angelegenheit. Der Gesetzgeber schützt denjenigen, der für eine Sache bezahlt hat, deutlich stärker. Ein Geschenk kann durch viele Ereignisse wieder verloren gehen. Sei es durch die finanzielle Not des Schenkers, durch Streit oder durch die Rechte von Erben und Ehepartnern. Wer eine Schenkung plant oder eine solche erhalten hat, sollte sich der Risiken bewusst sein.
Wenn Sie Fragen zu Schenkungsverträgen, Erbrecht oder dem Schutz Ihres Vermögens haben, sollten Sie fachkundigen Rat einholen. Die rechtlichen Regelungen sind im Detail oft kompliziert und hängen vom Einzelfall ab.
Bitte nehmen Sie für eine individuelle Beratung mit der Anwalts- und Notarkanzlei Krau Kontakt auf.
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