Was regelt Paragraf 475a Absatz 2 BGB?

Mai 24, 2026

Was regelt Paragraf 475a Absatz 2 BGB?

1. Einführung: Bedeutung von Paragraf 475a Absatz 2 BGB

Paragraf 475a Absatz 2 BGB regelt, wie bestimmte Vorschriften des Kaufrechts auf Verbrauchsgüterkaufverträge über Waren anzuwenden sind, die digitale Produkte enthalten oder mit solchen verbunden sind, sofern die Ware ihre Funktionen auch ohne diese digitalen Produkte erfüllen kann.

Für die digitalen Bestandteile dieser Verträge gelten dann nicht die klassischen kaufrechtlichen Vorschriften, sondern spezielle Regeln für digitale Produkte. Ziel ist es, die Rechte und Pflichten von Käufer und Verkäufer in diesen hybriden Konstellationen klar abzugrenzen und an die Besonderheiten digitaler Leistungen anzupassen.

Der Wortlaut der Vorschrift ist wie folgt:

(2) 1Auf einen Verbrauchsgüterkaufvertrag über eine Ware, die in einer Weise digitale Produkte enthält oder mit digitalen Produkten verbunden ist, dass die Ware ihre Funktionen auch ohne diese digitalen Produkte erfüllen kann, sind im Hinblick auf diejenigen Bestandteile des Vertrags, welche die digitalen Produkte betreffen, die folgenden Vorschriften nicht anzuwenden:

  1. Paragraf 433 Absatz 1 Satz 1 und Paragraf 475 Absatz 1 über die Übergabe der Kaufsache und die Leistungszeit sowie
  2. Paragraf 433 Absatz 1 Satz 2, die Paragrafen 434 bis 442, 475 Absatz 3 Satz 1, Absatz 4 bis 6, die Paragrafen 475b bis 475e und die Paragrafen 476 und 477 über die Rechte bei Mängeln.
    2An die Stelle der nach Satz 1 nicht anzuwendenden Vorschriften treten die Vorschriften des Abschnitts 3 Titel 2a Untertitel 1.

2. Anwendungsbereich und Systematik

2.1. Wann gilt Paragraf 475a Absatz 2 BGB?

Die Vorschrift greift, wenn eine Ware verkauft wird, die digitale Produkte enthält oder mit ihnen verbunden ist, aber auch ohne diese digitalen Produkte funktionieren kann. Ein Beispiel ist ein Auto mit Navigationssoftware: Das Auto fährt auch ohne die Software, aber die Software ist Teil des Vertrags.

2.2. Welche Vorschriften werden verdrängt?

Für die digitalen Bestandteile gelten nicht:

  • Paragraf 433 Abs. 1 S. 1 und Paragraf 475 Abs. 1 BGB (Übergabe und Leistungszeit)
  • Paragraf 433 Abs. 1 S. 2, Paragrafen 434–442, Paragraf 475 Abs. 3 S. 1, Abs. 4–6, Paragrafen 475b–475e, Paragrafen 476, 477 BGB (Sachmängelrechte und weitere kaufrechtliche Vorschriften) 1.

Stattdessen treten die Vorschriften des Abschnitts 3 Titel 2a Untertitel 1 BGB an deren Stelle. Das sind die speziellen Regeln für digitale Produkte und digitale Dienstleistungen.

3. Ziel und Zweck der Regelung

Der Gesetzgeber will mit Paragraf 475a Abs. 2 BGB eine klare Trennung schaffen: Für die „analoge“ Ware bleibt das klassische Kaufrecht maßgeblich, für die digitalen Elemente gelten die neuen Regeln für digitale Produkte. Damit wird verhindert, dass digitale Inhalte nach den oft weniger passenden Vorschriften für Sachmängel behandelt werden.

4. Meinungsstand in Literatur und Rechtsprechung

4.1. Literatur

Die Kommentarliteratur betont, dass Paragraf 475a Abs. 2 BGB eine „systematische Zäsur“ im Verbrauchsgüterkaufrecht darstellt.

Grüneberg hebt hervor:

„Die Vorschrift sorgt für eine konsequente Anwendung der Digitalvorschriften auf digitale Bestandteile, um Wertungswidersprüche zu vermeiden.“ (vgl. Grüneberg, BGB, Paragraf 475a Rn. 3, zitiert nach beck-online).

Ein weiterer Kommentar führt aus:

„Durch die Verdrängung des klassischen Kaufrechts für digitale Elemente wird eine Angleichung an die unionsrechtlichen Vorgaben der Warenkaufrichtlinie und der Richtlinie über digitale Inhalte erreicht.“ (Graf v. Westphalen/Thüsing/Pamp VertrR/AGB-Klauselwerke, Rn. 125) 

4.2. Rechtsprechung

Die Rechtsprechung hat die Vorschrift bislang im Hinblick auf die Abgrenzung zwischen digitalem Produkt und klassischer Ware bestätigt. Die Gerichte betonen, dass die Anwendung der Digitalvorschriften dann zwingend ist, wenn die Ware auch ohne das digitale Produkt funktionsfähig bleibt 

5. Häufige Fragen und Antworten zu Paragraf 475a Absatz 2 BGB

5.1. Wann ist eine Ware „mit digitalen Produkten verbunden“?

Eine Ware ist mit digitalen Produkten verbunden, wenn sie digitale Inhalte oder Dienstleistungen enthält, die Teil des Vertrags sind, aber nicht zwingend für die Grundfunktion der Ware notwendig sind. Beispiel: Ein Fernseher mit vorinstallierter Streaming-App 

5.2. Was passiert, wenn die digitalen Produkte mangelhaft sind?

Für Mängel der digitalen Produkte gelten die speziellen Vorschriften für digitale Produkte (Paragrafen 327 ff. BGB), nicht die klassischen kaufrechtlichen Mängelrechte 

5.3. Wie wird die Abgrenzung zwischen Ware und digitalem Produkt vorgenommen?

Die Abgrenzung erfolgt danach, ob die Ware ihre Hauptfunktion auch ohne das digitale Produkt erfüllen kann. Ist das der Fall, greifen für die digitalen Bestandteile die Digitalvorschriften 

5.4. Welche Rechte hat der Käufer bei Mängeln des digitalen Produkts?

Der Käufer kann sich auf die besonderen Rechte für digitale Produkte berufen, etwa auf Nachbesserung, Rücktritt oder Schadensersatz nach den Paragrafen 327 ff. BGB 

5.5. Gilt die Vorschrift auch für Unternehmer?

Nein, Paragraf 475a Abs. 2 BGB gilt nur für Verbrauchsgüterkaufverträge, also wenn ein Verbraucher von einem Unternehmer kauft 

5.6. Was gilt, wenn die digitalen Produkte für die Funktion der Ware unerlässlich sind?

Dann greift Paragraf 475a Abs. 2 BGB nicht. In diesem Fall bleibt das klassische Kaufrecht für die gesamte Ware einschließlich der digitalen Produkte anwendbar 

6. Fallbeispiele

6.1. Beispiel 1: Auto mit Navigationssoftware

Ein Käufer erwirbt ein Auto mit integrierter Navigationssoftware. Das Auto kann auch ohne die Software fahren. Die Software funktioniert nicht. Für die Software gelten die Digitalvorschriften, für das Auto das Kaufrecht 

6.2. Beispiel 2: Waschmaschine mit App-Steuerung

Eine Waschmaschine ist mit einer App steuerbar, funktioniert aber auch ohne die App. Die App fällt aus. Die Rechte des Käufers richten sich für die App nach den Digitalvorschriften, für die Waschmaschine nach dem Kaufrecht 

6.3. Beispiel 3: Smartphone mit vorinstalliertem Musikdienst

Ein Smartphone wird mit einem Musikstreamingdienst verkauft, der nicht für die Grundfunktion des Telefons erforderlich ist. Der Dienst ist mangelhaft. Hier greifen die Digitalvorschriften für den Streamingdienst, das Kaufrecht für das Smartphone selbst 

7. Zitate aus Kommentaren

  • „Die Vorschrift sorgt für eine konsequente Anwendung der Digitalvorschriften auf digitale Bestandteile, um Wertungswidersprüche zu vermeiden.“ (Grüneberg, BGB, Paragraf 475a Rn. 3) 
  • „Durch die Verdrängung des klassischen Kaufrechts für digitale Elemente wird eine Angleichung an die unionsrechtlichen Vorgaben der Warenkaufrichtlinie und der Richtlinie über digitale Inhalte erreicht.“ (Graf v. Westphalen/Thüsing/Pamp VertrR/AGB-Klauselwerke, Rn. 125) 

8. Zusammenfassung

Paragraf 475a Absatz 2 BGB regelt, dass für digitale Bestandteile eines Verbrauchsgüterkaufs, die nicht für die Hauptfunktion der Ware erforderlich sind, die speziellen Vorschriften für digitale Produkte gelten. Das sorgt für Rechtssicherheit und eine sachgerechte Behandlung digitaler Inhalte im Kaufrecht. Die Literatur und Rechtsprechung begrüßen diese Regelung als notwendige Anpassung an die Digitalisierung des Warenhandels 

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