Wirtschaftliche Verhältnisse und Bemessung des Hinterbliebenengelds
BGH Urteil vom 23.5.2023 – VI ZR 161/22
In diesem Artikel geht es um eine wichtige Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH). Es geht um die Frage, wie viel Geld Hinterbliebene bekommen, wenn ein naher Angehöriger durch einen Unfall stirbt. Man nennt dieses Geld das „Hinterbliebenengeld“. Der BGH hat in seinem Urteil vom 23. Mai 2023 (Aktenzeichen VI ZR 161/22) genau erklärt, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen und welche nicht.
Stellen Sie sich eine junge Frau vor, deren Vater bei einem schweren Verkehrsunfall ums Leben kam. Ein Auto war in einer Kurve auf die Gegenfahrbahn geraten und frontal mit dem Motorrad des Vaters zusammengestoßen. Die Schuldfrage war eindeutig: Die Autofahrerin und ihre Versicherung mussten für den Schaden aufkommen.
Die Versicherung zahlte der Tochter bereits 7.500 Euro als Hinterbliebenengeld. Die Tochter fand diesen Betrag jedoch zu gering. Sie forderte insgesamt mindestens 30.000 Euro. Sie argumentierte damit, dass sie finanziell von ihrem Vater abhängig war. Außerdem erklärte sie, dass der Tod des Vaters die ganze Familie extrem belaste – besonders ihren autistischen Bruder, um den sie sich nun verstärkt kümmern muss.
Bevor wir uns das Urteil genauer ansehen, müssen wir verstehen, was das Hinterbliebenengeld ist. Es ist kein Ersatz für Geld, das man durch den Tod verliert (wie zum Beispiel Unterhaltszahlungen). Stattdessen ist es eine Entschädigung für das seelische Leid.
Das Geld soll zwei Dinge bewirken:
Die Tochter hatte angeführt, dass sie durch das Studium finanziell von ihrem Vater abhängig war. Sie meinte, dieser Umstand müsse das Hinterbliebenengeld erhöhen. Der BGH sah das jedoch anders.
Das Gericht erklärte: Wirtschaftliche Verhältnisse spielen bei der Bemessung des Hinterbliebenengelds normalerweise keine Rolle. Wenn jemand weniger Geld hat, weil der Versorger gestorben ist, ist das ein „materieller Schaden“. Für diesen Schaden gibt es andere gesetzliche Ansprüche, zum Beispiel Unterhaltsersatz.
Das Hinterbliebenengeld soll aber nur die innere Gefühlswelt entschädigen. Die wirtschaftliche Lage wird nur dann wichtig, wenn sie die seelische Verfassung derart prägt, dass der Schmerz dadurch messbar größer wird. Das war hier nach Ansicht der Richter nicht ausreichend belegt.
Ein weiterer Punkt war das Verhalten der Autofahrerin. Sie hatte im Strafverfahren bestritten, schuld zu sein. Die Tochter meinte, dies hätte ihren Schmerz vergrößert.
Der BGH stellte klar: Jeder Mensch hat das Recht, sich gegen strafrechtliche Vorwürfe zu wehren. Nur weil jemand bestreitet, eine Straftat begangen zu haben, bedeutet das nicht automatisch, dass die Hinterbliebenen mehr Geld bekommen müssen. Solange das Bestreiten nicht absichtlich verletzend oder besonders rücksichtslos ist, bleibt es ohne Einfluss auf die Höhe des Geldes.
Obwohl der BGH bei den Finanzen und dem Verhalten der Fahrerin streng war, hob er das vorherige Urteil trotzdem auf. Der Grund liegt in der familiären Situation der Tochter.
Hier liegt der entscheidende Punkt des Urteils. Die Tochter hatte berichtet, dass der Vater die wichtigste Bezugsperson für ihren autistischen Bruder war. Nach dem Tod des Vaters wurde der Bruder gegenüber der Mutter und der Schwester gewalttätig und aufbrausend. Die Tochter musste nun neben ihrem Studium viel Zeit für die Pflege und Betreuung aufwenden.
Der BGH entschied: Dieser Umstand wurde vom vorherigen Gericht zu Unrecht ignoriert. Wenn eine Hinterbliebene täglich mit den aggressiven Reaktionen eines Familienmitglieds konfrontiert wird, die erst durch den Tod des Vaters ausgelöst wurden, dann verstärkt das ihr eigenes seelisches Leid. Sie wird jeden Tag schmerzhaft an den Verlust erinnert. Das ist kein bloßer „finanzieller“ Aufwand, sondern eine massive psychische Belastung.
Es gibt keine feste Tabelle, in der steht: „Ein Vater ist X Euro wert.“ Die Richter müssen jeden Einzelfall prüfen.
Als grobe Orientierung dient oft ein Betrag von 10.000 Euro. Diesen Wert hatte der Gesetzgeber bei der Einführung des Gesetzes einmal genannt. Aber:
Für die Richter sind vor allem folgende Dinge wichtig:
In der folgenden Tabelle sehen Sie noch einmal kurz zusammengefasst, was laut BGH wichtig ist und was nicht:
| Faktor | Wichtig für die Höhe? | Begründung |
| Seelisches Leid | Ja, sehr wichtig | Das ist der Hauptgrund für die Zahlung. |
| Enge der Beziehung | Ja | Je enger die Bindung, desto größer meist der Schmerz. |
| Pflegeaufwand für Angehörige | Ja | Wenn dadurch das eigene Leid täglich neu befeuert wird. |
| Geldnot der Hinterbliebenen | Nein (meistens) | Das ist ein finanzieller Schaden, kein seelischer. |
| Bestreiten der Schuld | Nein (meistens) | Jeder darf sich vor Gericht verteidigen. |
Der Fall wurde an das Oberlandesgericht Köln zurückverwiesen. Die dortigen Richter müssen nun noch einmal genau prüfen, wie stark die Belastung durch den Bruder das seelische Wohlbefinden der Tochter beeinträchtigt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie am Ende mehr als die bisherigen 12.000 Euro (7.500 Euro von der Versicherung plus 4.500 Euro vom ersten Gericht) erhalten wird.
Das Urteil zeigt deutlich: Die Gerichte schauen heute genauer hin. Sie sehen nicht nur den finanziellen Verlust, sondern auch, wie sich das Leben der Hinterbliebenen im Alltag durch den Schicksalsschlag verändert hat.
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