Zwischenstreit über Zeugnisverweigerung – Verfahrensgegenstand – Rechtsmittel
BGH Beschluss vom 20.7.2023 – IX ZB 7/22
In dem folgenden Text erkläre ich Ihnen eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH). Es geht darum, wann ein Zeuge die Aussage verweigern darf und wie das Gericht darüber entscheidet.
In einem Gerichtsverfahren müssen Zeugen normalerweise die Wahrheit sagen. Es gibt jedoch Ausnahmen. Das Gesetz schützt bestimmte Beziehungen oder verhindert, dass sich jemand selbst belasten muss. Wenn ein Zeuge sagt: „Ich antworte nicht“, und die Parteien damit nicht einverstanden sind, entsteht ein sogenannter Zwischenstreit.
In dem Fall, den der BGH (Beschluss vom 20.07.2023, Az. IX ZB 7/22) entschieden hat, ging es um einen Mann, der in einem Insolvenzverfahren als Zeuge aussagen sollte. Er wollte aber nicht reden.
Der Zeuge nannte zwei verschiedene Gründe, warum er schweigen darf:
Das Gericht muss in einem solchen Fall prüfen, ob diese Gründe wirklich vorliegen.
Das Landgericht (LG) Oldenburg prüfte beide Gründe. Das Ergebnis war geteilt:
Das Gericht gab dem Zeugen recht, was die Gefahr der Bestrafung angeht. Es entschied, dass er wegen dieses Risikos nicht aussagen muss.
Die Verwandtschaft ließ das Gericht jedoch nicht gelten. Es war der Meinung, dass die familiäre Verbindung in diesem speziellen Fall rechtlich nicht eng genug war, um ein Schweigerecht zu begründen.
Obwohl der Zeuge also bei einem Grund „verlor“, durfte er insgesamt schweigen, weil der andere Grund „gewonnen“ hatte.
Gegen diese Entscheidung des Landgerichts wehrte sich der Kläger des ursprünglichen Prozesses. Er legte eine sogenannte sofortige Beschwerde ein. Er wollte erreichen, dass der Zeuge doch aussagen muss.
Jetzt wird es juristisch wichtig für Sie: Der Kläger griff nur den Teil an, den er verloren hatte (die Gefahr der Bestrafung). Der Zeuge hingegen tat erst einmal nichts. Er dachte vermutlich: „Ich habe ja gewonnen und darf schweigen, egal warum.“
Das Oberlandesgericht (OLG) sah das aber anders. Es hob die Entscheidung auf und sagte: Der Zeuge muss aussagen. Weder die Verwandtschaft noch die Strafgefahr seien ausreichende Gründe.
Der Fall landete schließlich beim Bundesgerichtshof. Die Richter dort erklärten wichtige Regeln für solche Situationen:
Der BGH stellte klar: Wenn ein Zeuge zwei verschiedene Gründe für sein Schweigen nennt, sind das rechtlich gesehen zwei unterschiedliche Gegenstände. Man kann nicht einfach sagen, dass alles „ein Paket“ ist.
Das ist der entscheidende Punkt für die Praxis: Wenn ein Gericht sagt: „Grund A gilt, aber Grund B gilt nicht“, dann ist der Zeuge bezüglich Grund B „beschwert“. Das bedeutet, er hat in diesem Punkt verloren.
Wenn die Gegenseite nun Beschwerde einlegt, um Grund A zu Fall zu bringen, muss der Zeuge selbst aktiv werden. Er muss eine eigene Beschwerde (oder eine sogenannte Anschlussbeschwerde) einlegen, um seinen abgelehnten Grund B wieder ins Spiel zu bringen.
Im vorliegenden Fall hatte der Zeuge zwar eine E-Mail an das Gericht geschickt. Darin bat er darum, das erste Urteil beizubehalten. Der BGH entschied jedoch: Eine einfache E-Mail reicht nicht aus. Für solche wichtigen Erklärungen vor Gericht braucht man entweder einen Brief mit Unterschrift oder eine E-Mail mit einer speziellen qualifizierten elektronischen Signatur. Da diese fehlte, war die Reaktion des Zeugen rechtlich wertlos.
Für Sie als Laie lässt sich aus diesem Urteil eine wichtige Lektion lernen: In einem Rechtsstreit reicht es manchmal nicht aus, am Ende „gewonnen“ zu haben. Wenn das Gericht in der Begründung Teile Ihres Antrags ablehnt, müssen Sie genau prüfen, ob Sie diesen Teil formell angreifen müssen.
Wenn Sie das nicht tun, kann es passieren, dass die höhere Instanz das Urteil aufhebt und Sie plötzlich ohne jeden Schutz dastehen. Dann ist es zu spät, die alten Gründe wieder vorzubringen, weil man sie nicht rechtzeitig und formgerecht verteidigt hat.
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