Ausgleichung bei Übertragung im Wege vorweggenommener Erbfolge – OLG Koblenz 12 U 1331/22

Juni 21, 2023

Ausgleichung bei Übertragung im Wege vorweggenommener Erbfolge – OLG Koblenz 12 U 1331/22 – §§ 2050 ff. BGB

Zusammenfassung von RA und Notar Krau:

Das OLG Koblenz entschied, dass bei der vorweggenommenen Erbfolge erheblicher Grundbesitz, ohne klare Anordnungen zur Ausgleichung, im Erbfall ausgleichungspflichtig ist.

Übernommene Grundschulden können im Ausgleich berücksichtigt werden.

Klage wurde abgewiesen.


Ausgleichung bei Übertragung im Wege vorweggenommener Erbfolge – OLG Koblenz 12 U 1331/22 – Inhaltsverzeichnis:

  1. Zusammenfassung
  2. Einführung
  3. Entscheidungstext
  4. 3.1. Ausgleichung bei vorweggenommener Erbfolge
  5. 3.2. Übertragung von Grundbesitz ohne klare Anordnungen
  6. 3.3. Berücksichtigung von übernommenen Grundschulden
  7. 3.4. Abweisung der Klage
  8. Schlussfolgerung und Ergebnis

Zum Entscheidungstext:

Wird erheblicher Grundbesitz „im Wege der vorweggenommenen Erbfolge“ auf einen von mehreren Abkömmlingen übertragen, ohne dass sich in dem Grundstücksübergabevertrag oder in sonstigen Unterlagen Hinweise darauf finden, dass die (spätere) Erblasserin den Übertragungsempfänger durch die vorzeitige Grundstücksübertragung in irgendeiner Weise bevorzugen oder dessen Geschwister benachteiligen wollte, ist von einer im Erbfall ausgleichungspflichtigen Übertragung auszugehen.

Wurde der Grundbesitz mit auf ihm lastenden Grundschulden übertragen, kann der ausgleichungspflichtige Erbe diese Wertminderung im Rahmen der durchzuführenden Ausgleichung zu seinen Gunsten in Ansatz bringen.



Ausgleichung bei Übertragung im Wege vorweggenommener Erbfolge – OLG Koblenz 12 U 1331/22 – Gründe


Das Landgericht hat die negative Feststellungsklage zu Recht und mit zutreffender Begründung abgewiesen.


Die negative Feststellungsklage ist zulässig.

Das Nichtbestehen einer Ausgleichungspflicht stellt eine Vorfrage im Rahmen der Erbauseinandersetzung dar.

Das hier zu beurteilende Rechtsverhältnis ist auch ein gegenwärtiges und kein erst künftig entstehendes Rechtsverhältnis (siehe insoweit: Zöller/Greger, ZPO, 32. Aufl., § 256 Rn. 3 a).

Vorliegend ist der Erbfall eingetreten und die Beklagte hat gemäß den zutreffenden Ausführungen des Landgerichts mit Schreiben ihrer Prozessbevollmächtigten vom 26.11.2020 das Bestehen der Ausgleichspflicht hinsichtlich des zu Lebzeiten übertragenen Grundbesitzes auf den Kläger behauptet.

Das Vorliegen eines Feststellungsinteresses auf Seiten des Klägers ist somit zu bejahen.


Der Senat ist aber mit dem Landgericht der Überzeugung, dass es sich bei der Übertragung der Grundstücke von der Erblasserin auf den Kläger im Jahr 1987 um eine ausgleichspflichtige Zuwendung im Sinne von § 2050 Abs. 3 BGB gehandelt hat.

Die Feststellungsklage ist somit unbegründet.

Ausgleichung bei Übertragung im Wege vorweggenommener Erbfolge – OLG Koblenz 12 U 1331/22


Gemäß § 2050 Abs. 3 BGB sind „andere Zuwendungen unter Lebenden“ zur Ausgleichung zu bringen, wenn der Erblasser bei der Zuwendung die Ausgleichung angeordnet hat.

Anders als die von § 2050 Abs. 1 BGB erfasste Ausstattung, sind die „anderen Zuwendungen des Erblassers unter Lebenden“ an seine Abkömmlinge somit nur bei entsprechender Anordnung des Erblassers vor oder bei der Zuwendung ausgleichspflichtig.

Die Anordnung kann hierbei auch stillschweigend geschehen, muss aber so getroffen werden, dass der Empfänger sie erkennen und die Zuwendung ablehnen kann.

Erfolgt in einem Übergabevertrag ohne weitere Bestimmung eine Zuwendung im Wege der vorweggenommenen Erbfolge, ist es Auslegungsfrage, was der Erblasser anordnen wollte

(BGH Urt. v. 27.1.2012 – IV ZR 91/09, juris).

Ausschlaggebend ist, ob eine teilweise Enterbung der nicht am Übertragungsvertrag Beteiligten festgelegt werden soll oder der Empfänger der Übertragung nur zeitlich vorgezogen bedacht sein soll und es im Übrigen bei den rechtlichen Wirkungen einer Zuwendung im Erbfall verbleiben soll (Ausgleichung).

Dies erfordert eine Gesamtbewertung aller relevanten Umstände

(Grüneberg/Weidlich, BGB, 81. Aufl., § 2050 Rn. 10;

BGH Urt. v. 27.1.2010 – IV ZR 91/09, beck-online).

Was die Darlegungs- und Beweislast angeht, liegt diese bei demjenigen, der aus der Ausgleichung Rechte herleiten will

(OLG Koblenz Beschl. v. 10.4.2012 – 5 W 166/12, juris).


Der Grundstücksübertragungsvertrag des Notars G. vom 16.3.1987 enthält keine ausdrückliche Anordnung der Erblasserin, die streitgegenständliche Zuwendung in Gestalt der Grundstücksübertragung zur Ausgleichung zu bringen.

Unter Punkt I. des Grundstückübergabevertrages ist aber geregelt, dass die Erblasserin dem Kläger den Grundbesitz im Wege der vorweggenommenen Erbfolge übertragen hat.

Ausgleichung bei Übertragung im Wege vorweggenommener Erbfolge – OLG Koblenz 12 U 1331/22

Wie das Landgericht erkennt auch der Senat nicht, welchen Sinn diese gewählte Formulierung („im Wege der vorweggenommenen Erbfolge“) haben sollte, wenn die Grundstücksübertragung dann beim späteren Eintritt der tatsächlichen Erbfolge (Versterben der Erblasserin) in keiner Weise anzurechnen wäre. In diesem Fall würde die (eigentliche) Erbfolge ja gerade nicht (mehr) eintreten.

Es finden sich auch weder in dem Grundstücksübergabevertrag, noch in den sonstigen im Laufe des Rechtsstreits vorgelegten Unterlagen Hinweise darauf, dass die Erblasserin den Kläger durch die vorzeitige Grundstücksübertragung in irgendeiner Weise bevorzugen bzw. die Schwester des Klägers benachteiligen, also im Ergebnis partiell aus der Erbfolge herausnehmen wollte.

Selbiges wird von dem Kläger auch nicht dargetan.

Diesem Ergebnis steht – in Widerspruch zu der mit der Berufung vertretenen Auffassung des Klägers – auch nicht der Umstand entgegen, dass dieser gemäß Punkt II. des Grundstücksübergabevertrages vom 16.3.1987 auch die auf dem Grundbesitz lastenden Buchgrundschulden übernommen hat.

Die auf dem Grundbesitz lastenden Grundschulden führten zu einer Wertminderung des „damaligen“ Erbes des Klägers, wobei der Kläger nun nicht daran gehindert ist, diese Wertminderung im Rahmen der gemäß § 2050 Abs. 3 durchzuführenden Ausgleichung zu seinen Gunsten in Ansatz zu bringen.

An seiner grundsätzlich bestehenden Ausgleichungspflicht ändert dies indes nichts.


Die Klage ist damit zu Recht abgewiesen worden.

Ausgleichung bei Übertragung im Wege vorweggenommener Erbfolge – OLG Koblenz 12 U 1331/22

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Die auf dieser Homepage wiedergegebenen Gerichtsentscheidungen bilden einen kleinen Ausschnitt der Rechtsentwicklung über mehrere Jahrzehnte ab. Nicht jedes Urteil muss daher zwangsläufig die aktuelle Rechtslage wiedergeben.

Einige Entscheidungen stellen Mindermeinungen dar oder sind später im Instanzenweg abgeändert oder durch neue obergerichtliche Entscheidungen oder Gesetzesänderungen überholt worden.

Das Recht entwickelt sich ständig weiter. Stetige Aktualität kann daher nicht gewährleistet werden.

Die schlichte Wiedergabe dieser Entscheidungen vermag daher eine fundierte juristische Beratung keinesfalls zu ersetzen.

Für den fehlerhaften juristischen Gebrauch, der hier wiedergegebenen Entscheidungen durch Dritte außerhalb der Kanzlei Krau kann daher keine Haftung übernommen werden.

Verstehen Sie bitte die Texte auf dieser Homepage als gedankliche Anregung zur vertieften Recherche, keinesfalls jedoch als rechtlichen Rat.

Es soll auch nicht der falsche Anschein erweckt werden, als seien die veröffentlichten Urteile von der Kanzlei Krau erzielt worden. Das ist in aller Regel nicht der Fall. Vielmehr handelt es sich um einen allgemeinen Auszug aus dem deutschen Rechtsleben zur Information der Rechtssuchenden.

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